In Rom sollte am 4. Oktober 2026 ein politisch-kulturelles Treffen stattfinden, bei dem ein Dokumentarfilm des russischen Senders RT Doc gezeigt werden sollte. Das Programm verband einen antifaschistischen Punk-Auftritt, gemeinsames Essen und politische Aktivitäten mit einem Film, dessen historische Darstellung von Kritikern als kremlnah und verzerrend bezeichnet wird.
Veranstaltungsort war das soziale Zentrum CSA Intifada. Unter dem Titel Pranzo Popolare – Carovana Antifascista – auf Deutsch etwa „Volkstümliches Essen – antifaschistische Karawane“ – kündigte die italienische Punkband Banda Bassotti einen öffentlichen Tag mit Ausstellung, Lotterie und zwei Filmvorführungen an. Beteiligt sein sollten außerdem Rete dei Comunisti, OSA und Cambiare Rotta.
Der umstrittene Film trägt den italienischen Titel Starobelsk, quei ragazzi non dovevano morire. Es handelt sich um die italienischsprachige Fassung von RT Docs Starobelsk. Children Should Not Die. Hinweise auf die Veranstaltung und das Filmprogramm wurden über einen Telegram-Beitrag zum Film sowie über einen Beitrag von Banda Bassotti auf X verbreitet.
Ein Kulturformat mit politischer Reichweite
Die Bedeutung des Termins liegt nicht nur in der geplanten Vorführung selbst. Der Film sollte nicht in einem ausdrücklich medienpolitischen Rahmen laufen, sondern eingebettet in Musik, gemeinsames Essen, eine Ausstellung zur antifaschistischen Bewegung und weitere Aktivitäten. Dadurch erscheint der Inhalt als Teil einer lokalen politischen Kulturveranstaltung – und nicht primär als Beitrag eines russischen internationalen Senders.
Banda Bassotti und Rete dei Comunisti treten als Bestandteile eines eigenständigen italienischen radikalen linken Milieus auf. Die vorliegende Darstellung wirft ihnen vor, zugleich Positionen zu vertreten, die mit antiwestlichen, antinordatlantischen und prorussischen Narrativen des Kremls übereinstimmen. Diese politische Einordnung ist als Bewertung zu kennzeichnen; aus der Veranstaltungsankündigung allein lässt sich keine umfassende Aussage über die Organisationen ableiten. Fest steht jedoch, dass ein RT-Doc-Film in das öffentliche Programm aufgenommen wurde.
Gerade diese Verbindung macht den Vorgang politisch relevant. Staatlich geprägte oder staatlich unterstützte Medienbotschaften können über kulturelle und aktivistische Netzwerke ein Publikum erreichen, das sich nicht unbedingt als Anhänger russischer Medien versteht. Die Verpackung als antifaschistische Veranstaltung verändert dabei den sozialen Kontext, in dem historische und geopolitische Aussagen aufgenommen werden.
Streit um die historische Darstellung
Im Mittelpunkt der Kritik steht die in Starobelsk. Children Should Not Die erzählte Geschichte. Die Beschreibung des Films, die im Zusammenhang mit der Veranstaltung verbreitet wurde, bezeichnet seine Darstellung als Verfälschung historischer Fakten und als Träger kremlfreundlicher Narrative. Eine unabhängige Prüfung der konkreten Aussagen des Dokumentarfilms liegt hier nicht vor. Deshalb handelt es sich bei dieser Einschätzung um einen Vorwurf und nicht um eine abschließend festgestellte Tatsache.
Der Fall zeigt dennoch einen Mechanismus, der über diesen einzelnen Film hinausweist: Politische Botschaften werden nicht zwingend in einem offen staatlichen oder diplomatischen Rahmen verbreitet. Sie können über Konzerte, Solidaritätsveranstaltungen und Bewegungsarbeit zirkulieren. In Rom sollte ein Film aus dem Umfeld von RT Doc neben einem Punkkonzert und einer antifaschistischen Ausstellung stehen – also in einem Umfeld, dessen Selbstverständnis auf Aktivismus und Gegenöffentlichkeit beruht.
Was aus der Ankündigung nicht folgt
Die Veranstaltung wurde als öffentlicher Termin in Rom angekündigt. Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass die Stadtverwaltung die Inhalte billigte oder den Film politisch unterstützte. Ebenso ist aus der Ankündigung allein nicht ersichtlich, ob die Veranstaltung wie geplant stattfand, wie viele Menschen teilnahmen oder welche Reaktionen die Vorführung auslöste.
Die belastbare Entwicklung ist damit enger, aber zugleich aufschlussreich: Ein lokales italienisches Bündnis aus einer Punkband und linken Organisationen plante eine öffentliche Veranstaltung, in deren Programm ein Film des russischen Senders RT Doc stand. Die offene Frage ist, wie solche kulturellen Kooperationen die Grenze zwischen politischer Gegenposition und der Weitergabe staatlicher Desinformation verwischen können.
