Russlands Wirtschaft hat in den ersten sieben Monaten 2026 deutlich mehr Verlustbranchen verzeichnet als im Vorjahr. Nach den von Iswestija zitierten Daten von Rosstat stieg ihre Zahl von drei auf elf – fast eine Vervierfachung.
Die Verschlechterung erfasst nicht mehr nur Kohle, Personenverkehr und Postdienste. Auch Metallurgie, Holzverarbeitung, Fahrzeugbau, Forstwirtschaft, Finanz- und Versicherungsdienstleistungen sowie Sport, Unterhaltung, Bibliotheken und Museen schlossen den Zeitraum mit einem negativen Saldo ab. Dahinter steht kein einzelner Schock, sondern das Zusammenwirken teurer Kredite, höherer Lohn- und Transportkosten, schwächerer Nachfrage und erschwerter Außenhandelsbedingungen.
Die Gewinnzone wird schmaler
Rosstats Statistik zur Finanzlage umfasst rund 70.000 große und mittlere Organisationen. Von ihnen erzielten etwa 43.000 Unternehmen einen Gewinn, während rund 22.000 Verluste meldeten. Der Anteil der Verlustunternehmen stieg binnen Jahresfrist von 30,6 auf 33,4 Prozent.
Die Erhebung erfasst weder Kleinunternehmen noch Banken, nicht kreditgebundene Finanzorganisationen sowie staatliche und kommunale Einrichtungen. Sie bildet deshalb nicht die gesamte russische Wirtschaft ab. Die Entwicklung ist dennoch aussagekräftig: Selbst in einem Ausschnitt, der vor allem größere Unternehmen mit besseren Finanzierungsmöglichkeiten und höheren Rücklagen enthält, nimmt der Anteil der Betriebe mit Verlusten zu.
Insgesamt erwirtschafteten die erfassten Unternehmen nach Abzug der Verluste noch rund 13 Billionen Rubel. Das waren etwa 16 Prozent weniger als im entsprechenden Zeitraum 2025. Die Kennzahl zeigt, dass Russlands Unternehmenssektor insgesamt weiterhin Gewinne erzielt – aber mit einer deutlich geringeren Sicherheitsmarge.
Am stärksten fiel der negative Saldo in der Metallurgie aus: Dort überstiegen die Verluste die Gewinne um 269 Milliarden Rubel. In der Finanz- und Versicherungswirtschaft betrug das Minus 247 Milliarden, im Kohlebergbau 178 Milliarden und im sonstigen Landpersonenverkehr 55 Milliarden Rubel. Im Fahrzeugbau lagen die Verluste um knapp vier Milliarden Rubel über den Gewinnen.
Geld kostet mehr, Nachfrage bringt weniger
Ein unmittelbarer Belastungsfaktor sind die Finanzierungskosten. Zwar ist der Leitzins auf 14 Prozent gesunken, doch Unternehmenskredite kosten häufig weiterhin mehr als 20 Prozent. Ein größerer Teil der laufenden Einnahmen fließt damit in Zinszahlungen – und steht nicht für Maschinen, Lagerbestände oder neue Projekte zur Verfügung.
Die Investitionen in Sachanlagen gingen im ersten Halbjahr 2026 im Jahresvergleich um zehn Prozent zurück. Das deutet darauf hin, dass Unternehmen Vorhaben verschieben, wenn die Finanzierung teuer und die Absatzperspektive unsicher ist. Der Rückgang kann die Belastung verstärken: Wo weniger investiert wird, bleiben veraltete Anlagen, niedrigere Produktivität und eine stärkere Abhängigkeit von teurer Arbeitskraft länger bestehen.
Auch die Personalkosten steigen. Die Mobilisierung, der Wegzug erwerbsfähiger Menschen und der Wechsel qualifizierter Beschäftigter in die Rüstungsindustrie haben nach den vorliegenden Angaben den Arbeitskräftemangel in zivilen Branchen verschärft. Unternehmen müssen Löhne erhöhen, um Fachkräfte zu halten. Ein entsprechender Anstieg der Produktivität bleibt dabei aus oder lässt sich zumindest nicht unmittelbar erreichen.
Hinzu kommen höhere Ausgaben für Treibstoff, Transporte und Lieferungen. Die zu Jahresbeginn 2026 erhöhte Mehrwertsteuer verteuerte die Kosten zusätzlich. Viele Unternehmen können diese Mehrbelastungen jedoch nur begrenzt an Kunden weitergeben, weil die Nachfrage schwach ist. Höhere Preise würden den Absatz weiter bremsen.
Hohe Sparzinsen wirken ebenfalls auf den Binnenmarkt. Wenn Haushalte ihr Geld eher auf Einlagen halten, verzichten sie leichter auf Ausgaben für Dienstleistungen, die nicht unbedingt notwendig sind. Dass Sport, Unterhaltung, Museen und Bibliotheken nun in der Liste der Verlustbereiche auftauchen, passt zu diesem Muster: Sinkende Nachfrage trifft dort auf laufende Kosten, die sich kurzfristig kaum reduzieren lassen.
Außenhandel unter zusätzlichen Reibungsverlusten
Die Sanktionen gegen Russland als Reaktion auf den Krieg gegen die Ukraine erschweren den Zugang zu vertrauten Absatzmärkten, moderner Technologie und importierten Komponenten. Unternehmen haben Handelsströme teilweise nach Asien und Afrika verlagert. Diese Umorientierung verlängert jedoch Transportwege und Lieferzeiten und verteuert die Logistik.
Zusätzliche Kosten entstehen durch kompliziertere Lieferketten, Zwischenhändler und grenzüberschreitende Zahlungsabwicklungen. Die verfügbaren Zahlen weisen nicht aus, welchen Anteil die Sanktionen allein an den Verlusten einzelner Branchen haben. Sie zeigen aber, dass außenwirtschaftliche Reibung zu den bereits hohen inländischen Finanzierungs-, Lohn- und Transportkosten hinzukommt.
Für exportorientierte Unternehmen ist zudem der starke Rubel problematisch. Sein nominaler effektiver Wechselkurs lag im Januar bis Juni 2026 um zwölf Prozent über dem Vorjahresniveau. Ausländische Einnahmen haben dadurch bei der Umrechnung in Rubel einen geringeren Wert, während die Kosten im Inland weiter steigen. Das drückt besonders auf Unternehmen, deren Margen ohnehin durch teurere Vorprodukte und längere Lieferwege geschrumpft sind.
Die Entwicklung betrifft damit unterschiedliche Teile der Wirtschaft: Rohstoffproduzenten leiden unter Absatz- und Exportproblemen, Industrieunternehmen unter Komponenten- und Finanzierungskosten, Verkehrsunternehmen unter teurem Betrieb und Dienstleister unter der Zurückhaltung der Verbraucher. Die Vervierfachung der Verlustbranchen ist deshalb weniger das Ergebnis einer Krise in einem einzelnen Sektor als ein Hinweis auf eine breiter werdende Belastung.
Weniger Spielraum für Regionen
Auch regional verschiebt sich das Verhältnis zwischen Gewinnen und Verlusten. In elf der 85 in der Statistik vertretenen Föderationssubjekte überstiegen die Verluste der Organisationen die Gewinne. Im Vorjahreszeitraum war das erst in sieben Regionen der Fall.
Diese Verschlechterung kann die öffentlichen Haushalte über einen zweiten Mechanismus treffen. Wenn Unternehmen weniger Gewinne erzielen, schrumpft tendenziell auch die Grundlage für die Gewinnsteuer. Rund zwei Drittel dieser Steuer fließen in Russland an die Regionen. Sinkende Einnahmen können daher den Spielraum für Infrastruktur, kommunale Versorgung und soziale Verpflichtungen verringern.
Die Regionalzahlen beweisen nicht, dass jedes betroffene Gebiet bereits vollständig von Transfers aus Moskau abhängig ist. Sie zeigen jedoch, dass mehr Regionen mit einer ungünstigeren Balance zwischen lokaler Wirtschaftskraft und öffentlichen Ausgaben umgehen müssen. Weniger Investitionen und geringere Unternehmensgewinne können diese Abhängigkeit verstärken, wenn die Zentralregierung zugleich hohe Ausgabenprioritäten in anderen Bereichen setzt.
Russlands Unternehmen erzielen weiterhin beträchtliche Gewinne, doch die Zahl der Verlustbetriebe steigt gerade in Branchen, die für Industrie, Beschäftigung und Binnennachfrage wichtig sind. Entscheidend wird sein, ob die Belastung auf besonders exponierte Bereiche begrenzt bleibt – oder ob teure Kredite, Arbeitskräftemangel, schwacher Konsum und erschwerte Handelswege weitere Teile der Wirtschaft in die Verlustzone drücken.
