Belarus setzt unabhängige Buchbranche weiter unter Druck
Belarus setzt unabhängige Buchbranche weiter unter Druck

Belarus setzt unabhängige Buchbranche weiter unter Druck

Oktober 10, 2026
2 min. lesezeit

Die belarusischen Behörden haben den Druck auf unabhängige Verlage und Buchhändler verschärft. Zwischen dem 6. und 8. Oktober 2026 wurden Igor Lohwinau, Andrej Januschkewitsch und Jaroslaw Iwanjuk nach Medienberichten zur Fahndung ausgeschrieben. Die Maßnahme trifft nicht nur drei Personen, sondern ein Vertriebsnetz, über das unabhängige und belarusischsprachige Bücher ihre Leser erreichen.

Die konkreten rechtlichen Gründe für die Fahndung wurden in den vorliegenden Berichten nicht genannt. Ihr zeitlicher Zusammenhang mit Durchsuchungen, Festnahmen und behördlichen Einstufungen im Frühjahr zeigt jedoch, dass die Buchbranche zunehmend in denselben Repressionsrahmen gerät wie andere unabhängige kulturelle und gesellschaftliche Initiativen.

Eine Branche wird zum Sicherheitsfall

Im Februar 2026 durchsuchten Sicherheitskräfte Mitarbeiter aktiver und bereits geschlossener Verlage. Auch Unternehmer, die Bücher verkaufen oder vertreiben, waren betroffen. Die Maßnahmen richteten sich damit nicht allein gegen einzelne Publikationen, sondern gegen die Infrastruktur ihrer Herstellung und Verbreitung.

Im März folgte eine behördliche Liste sogenannter „extremistischer Formationen“ aus dem Druck- und Verlagsbereich. Darauf standen unter anderem die Stiftung , der Verlag Lohwinau, Andrej Januschkewitsch Publishing und Gutenberg Publisher. Außerdem wurden Dmitri Kolas, Wazlaw Bohdanowitsch, Aljaksandr Jewdacha sowie Lohwinau, Januschkewitsch und Iwanjuk genannt.

Die gemeinsame Einstufung von Organisationen, Verlagen und Einzelpersonen erweitert den Anwendungsbereich des staatlichen Vorgehens. Aus den vorliegenden Angaben geht nicht hervor, dass gegen alle Genannten dieselben Verfahren laufen. Die Bezeichnung schafft jedoch ein einheitliches behördliches Risiko für sehr unterschiedliche Akteure: Verleger, Autoren, Druckereien, Händler und Betreiber kultureller Projekte.

Warum der Vertrieb entscheidend ist

Unabhängiges Verlegen besteht nicht nur darin, ein Manuskript zu drucken. Verlage wählen Autoren aus, finanzieren Auflagen, organisieren Übersetzungen und sorgen dafür, dass Bücher in Läden oder über alternative Kanäle verfügbar sind. Besonders für belarusischsprachige Literatur und Werke zu Geschichte und Kultur bilden sie eine eigenständige Öffentlichkeit außerhalb staatlich kontrollierter Medien.

Wird ein Verlag durchsucht oder geschlossen, fällt deshalb nicht nur ein Unternehmen aus. Es können Verträge, Lagerbestände, Konten und Lieferwege unbrauchbar werden. Werden zusätzlich Personen zur Fahndung ausgeschrieben oder Organisationen als „extremistisch“ bezeichnet, steigt auch für Geschäftspartner das Risiko. Druckereien, Buchhandlungen und Logistikunternehmen können Kontakte vermeiden, selbst wenn ihnen kein eigenes Verfahren droht.

So entsteht Druck entlang der gesamten Kette. Eine Behörde muss nicht jede Verkaufsstelle einzeln schließen, wenn die Einstufung eines Verlags genügt, um Händler und Dienstleister zur Distanz zu bewegen. Für kleine unabhängige Unternehmen, die oft nur über wenige Vertriebswege verfügen, kann bereits der Verlust eines Partners das Ende des Geschäfts bedeuten.

Vom Vorgehen gegen Einzelne zur Kontrolle der Netzwerke

Die Abfolge der Maßnahmen deutet auf eine Ausweitung des staatlichen Zugriffs hin: Zunächst standen Mitarbeiter und einzelne Unternehmer im Mittelpunkt, anschließend wurden Organisationen und weitere Vertreter der Branche in eine gemeinsame Kategorie eingeordnet. Die Fahndung nach Lohwinau, Januschkewitsch und Iwanjuk setzt diesen Prozess fort.

Für die drei Männer kann eine Fahndung Festnahmegefahr und zusätzliche rechtliche Einschränkungen bedeuten. Ob sich die Behörden dabei auf Verfahren im Inland beziehen, ob weitere Anklagen folgen oder ob Maßnahmen außerhalb von Belarus angestrebt werden, ist aus den vorliegenden Berichten nicht ersichtlich. Sicher ist lediglich, dass die öffentliche Ausschreibung die Betroffenen und ihre geschäftlichen Kontakte einer neuen Belastung aussetzt.

Die Entwicklung betrifft damit einen Teil des kulturellen Lebens, der häufig weniger sichtbar ist als Nachrichtenmedien oder politische Organisationen. Bücher wirken langsamer, aber ihre Verfügbarkeit entscheidet darüber, welche Sprache, welche historischen Deutungen und welche Stimmen Leser erreichen. Wird die Infrastruktur ihrer Produktion und Verbreitung systematisch geschwächt, kann staatliche Kontrolle auch ohne ein ausdrückliches Verbot jedes einzelnen Titels wachsen.

Zerkalo berichtete über die Fahndungsausschreibungen und die früheren Einstufungen. Offen ist nun, ob die Behörden gegen die drei Verleger konkrete Verfahren einleiten und ob weitere Verlage, Buchhändler oder kulturelle Organisationen in denselben Maßnahmenrahmen geraten.

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