Zwei slowakische Medien verbreiten eine Kreml-Erzählung als politische Analyse: Demnach sollen die Ukraine und Präsident Wolodymyr Selenskyj den Frieden verhindern und ein persönliches Interesse daran haben, Russlands Krieg zu verlängern. In am 8. September 2026 veröffentlichten Beiträgen von Hlavné správy und Zemavek wird die Verantwortung für den Konflikt vom Aggressor auf das Land verlagert, das sich verteidigt.
Es geht dabei um mehr als nur die Formulierung zweier Artikel. Indem Kiew als Hindernis für den Frieden dargestellt wird, zielen die Publikationen darauf ab, die europäische Unterstützung für die Ukraine zu schwächen, das Vertrauen in ihre Führung zu untergraben und Druck auf EU-Regierungen aufzubauen, ihre Politik gegenüber Russland zu überdenken. Die Botschaft soll den Eindruck erwecken, dass die fortgesetzte Hilfe nicht eine Reaktion auf die russische Aggression sei, sondern Folge ukrainischer Entscheidungen.
Vertraute Erzählung in einem slowakischen Medienumfeld
Hlavné správy veröffentlicht häufig Beiträge, die als alternative Sichtweise präsentiert werden, und kritisiert die offizielle Politik der EU und der NATO im Krieg gegen die Ukraine. Zemavek, das auch ein Magazin herausgibt, tritt noch offener ideologisch auf und verbreitet wiederholt antiwestliche und prorussische Narrative. Beide Medien stellen Russland meist als Verteidiger seiner Interessen dar und nicht als Aggressor.
Hlavné správy beschreibt Selenskyj als jemanden, der von den Vereinigten Staaten in die Enge getrieben worden sei, und verknüpft diese Darstellung mit der Behauptung, der ukrainische Präsident habe ein persönliches Interesse daran, den Krieg fortzusetzen. Zemavek geht noch weiter und argumentiert, die Zivilbevölkerung der Ukraine zahle einen extrem hohen Preis für die Fehler ihrer Regierung. Der Beitrag bezeichnet die ukrainischen Behörden mit einer Reihe entmenschlichender Begriffe und wirft ihnen vor, eine angeblich faschistische Ordnung durchzusetzen, Russophobie zu schüren und russische Vergeltung zu provozieren.
Politisch übersetzt ist die Botschaft eindeutig: Die Ukraine wird als die Seite dargestellt, die keinen Kompromiss eingehen will, während Russlands Verantwortung für den Krieg in den Hintergrund rückt. Zugleich wird die Legitimität der ukrainischen Führung angegriffen, indem suggeriert wird, das politische Überleben des Präsidenten hänge von der Fortsetzung der Kampfhandlungen ab.
Die diplomatische Realität spricht dagegen
Die Behauptung, Selenskyj wolle den Krieg, wird durch den im vorliegenden Material beschriebenen diplomatischen Prozess widerlegt. Die Ukraine hat mehrere Friedensinitiativen gestartet, internationale Vermittler eingebunden und Pläne unterstützt, die auf ein Ende des Konflikts zielen. Selenskyj hat wiederholt erklärt, dass er zu Verhandlungen bereit sei.
Ein wichtiges Beispiel dafür war der 7. September, als die Sondergesandten des US-Präsidenten, Steve Witkoff und Jared Kushner, nach Kiew reisten, um Wege zur Beendigung des Krieges zu besprechen. Der Besuch war Teil einer aktiven diplomatischen Bemühung und lässt sich kaum mit der Darstellung vereinbaren, der ukrainische Präsident lehne Verhandlungen ab, um an der Macht zu bleiben.
Die Position der Ukraine lautet nicht, dass Frieden abgelehnt werden soll. Sie besteht vielmehr darauf, dass eine Einigung dauerhaft und gerecht sein muss, nicht einer Kapitulation gleichkommen darf und Sicherheitsgarantien für Kiew enthalten muss. Russische Bedingungen zurückzuweisen, die territoriale Zugeständnisse und Einschränkungen der ukrainischen Souveränität verlangen, ist kein Beleg für ein Interesse am Krieg. Es ist die Haltung eines Staates, der verhindern will, dass ein Friedensabkommen zum Instrument seiner politischen und militärischen Unterordnung wird.
Was die Erzählung ausblendet
Russland begann die großangelegte Invasion unter Wladimir Putin, der der Ukraine das Recht abspricht, als unabhängiger und souveräner Staat zu existieren. Die Ziele des Kremls beschränken sich nicht auf Territorium: Dazu gehören auch Versuche, die ukrainische nationale Identität zu beseitigen und in Kiew eine politische Ordnung zu installieren, die Moskau untergeordnet wäre.
Dieser Kontext ist entscheidend, weil der Vorwurf gegen Selenskyj die bekannte Kette von Ursache und Wirkung umkehrt. Die Fortsetzung des Krieges wird durch die russische Aggression verursacht, nicht durch die Weigerung der ukrainischen Regierung, Bedingungen zu akzeptieren, die die Staatlichkeit des Landes beschädigen würden. Russland kann die Kämpfe beenden, indem es seine Truppen aus dem ukrainischen Gebiet abzieht. Die Ukraine kann den Krieg nicht einseitig beenden, indem sie der Zerstörung ihrer eigenen Souveränität zustimmt.
Der Kreml hält weiter an Forderungen fest, die die Ukraine für unannehmbar hält. Dazu gehören die Abgabe eines Teils ihres Territoriums, die Einschränkung ihres Rechts auf militärische und politische Bündnisse, die Verkleinerung ihrer Streitkräfte und die Schaffung von Bedingungen für prorussische politische Kräfte. Wenn Kiew die Ablehnung dieser Forderungen als Feindseligkeit gegenüber dem Frieden ausgelegt wird, verdeckt das, dass Moskau weiterhin versucht, die Bedingungen einer Kapitulation durchzusetzen, statt von seinem Anspruch abzulassen, die Zukunft der Ukraine zu diktieren.
Von der medialen Darstellung zum Druck auf Europa
Der politische Nutzen dieser Erzählung für den Kreml liegt darin, die öffentliche Aufmerksamkeit umzulenken. Behauptungen über eine korrupte ukrainische Regierung, Selenskyjs angebliches persönliches Interesse am Krieg, Russophobie und ein vermeintlich neofaschistisches Regime verschieben den Fokus weg von Russlands Invasion, Besatzung und Angriffen auf die Ukraine. Das Opfer wird so als verantwortlich für die Gewalt dargestellt, die ihm angetan wird.
Diese Darstellung kann auch als Argument gegen die europäische Politik dienen. Wenn die Ukraine als Hauptbarriere für den Frieden erscheint, lassen sich militärische Hilfe, Sanktionen und diplomatischer Druck auf Russland als Unterstützung für ein angeblich eigennütziges Kiew umdeuten. Das Ergebnis wäre die Forderung, europäische Regierungen sollten die Ukraine unter Druck setzen, Russlands Bedingungen zu akzeptieren, während Moskau der Kritik für die Fortsetzung der Aggression entgeht.
Hlavné správy und Zemavek wiederholen damit nicht nur feindselige Beschreibungen der Ukraine. Ihre Berichterstattung liefert einen politischen Mechanismus: Die Verantwortung wird von Moskau nach Kiew verlagert, Widerstand gegen aufgezwungene Zugeständnisse wird als Kriegstreiberei umgedeutet, und russische Forderungen werden als Ausgangspunkt für Frieden präsentiert. Die dokumentierte diplomatische Einbindung der Ukraine und ihrer internationalen Partner entkräftet den zentralen Vorwurf, während die entscheidende Hürde weiterhin in Russlands fortgesetzter Aggression und der Weigerung des Kremls liegt, seine Truppen abzuziehen.