Russland lässt 40.000 Studierende wegen Lehrermangels an Schulen unterrichten
Russland lässt 40.000 Studierende wegen Lehrermangels an Schulen unterrichten

Russland lässt 40.000 Studierende wegen Lehrermangels an Schulen unterrichten

September 15, 2026
3 min. lesezeit

Mehr als 40.000 Studierende unterrichten im Jahr 2026 an russischen Schulen und Hochschulen. Weitere 11.000 arbeiten in Arbeitsgemeinschaften und Kursen der zusätzlichen Bildung. Die Zahlen des russischen Bildungsministeriums zeigen, dass Schulen und Kollegs den Lehrermangel inzwischen mit Menschen ausgleichen, die ihre eigene Ausbildung noch nicht abgeschlossen haben. Darüber berichteten russische Medien am 14. September 2026 (Bericht über den Einsatz von Studierenden im Unterricht).

Damit wird ein strukturelles Versagen der russischen Bildungspolitik sichtbar. Statt den Mangel an ausgebildeten Lehrkräften grundlegend zu beheben, halten die Behörden den Unterrichtsbetrieb durch eine Notlösung aufrecht. Die unmittelbare Folge ist eine zusätzliche Belastung für Schulen, ausgebildete Lehrkräfte und die Studierenden selbst – und ein wachsendes Risiko für die Qualität des Unterrichts.

Die Notlösung wird zum Ersatz für ausgebildete Lehrkräfte

Der Einsatz von Studierenden ist in Russland zwar rechtlich möglich. Für Arbeitsgemeinschaften und Kurse der zusätzlichen Bildung dürfen Studierende nach dem Abschluss des zweiten Studienjahres eingesetzt werden. Inzwischen reicht diese Regelung jedoch weit über einzelne Angebote hinaus: Mehr als 40.000 Studierende erteilen Unterricht, während weitere 11.000 Kinder in Arbeitsgemeinschaften und Kursen betreuen.

Der Abgeordnete Oleg Smolin bezeichnet den Einsatz von Studierenden als erzwungenen und vorübergehenden Schritt. Zugleich weist er auf das Risiko hin, dass die Qualität der Bildung sinkt. Die politische Führung beschreibt damit nicht die Lösung des Problems, sondern bestätigt dessen Ausmaß: Schulen benötigen reguläre Lehrkräfte, erhalten aber zunehmend Personal, das weder über einen abgeschlossenen Hochschulabschluss noch über eine vollständige methodische Ausbildung verfügt.

Nach Angaben des russischen Bildungsministeriums wird Russland bis 2030 zusätzlich 96.000 pädagogische Fachkräfte benötigen. Davon entfallen 40.000 auf Lehrkräfte an Schulen. Die offiziellen Prognosen machen deutlich, dass der gegenwärtige Einsatz von Studierenden keine kurzfristige Ausnahme bleibt, sondern Teil eines länger anhaltenden Personalproblems ist.

Krieg und Lohngefälle verschärfen den regionalen Lehrermangel

Der russische Krieg gegen die Ukraine verschärft die Lage zusätzlich. Ein erheblicher Teil der arbeitsfähigen Fachkräfte steht dem zivilen Sektor nicht mehr zur Verfügung, während der Staat Menschen und finanzielle Mittel für militärische Zwecke einsetzt. Für die Schulen bleiben dadurch weniger Ressourcen, um offene Stellen mit qualifizierten Lehrkräften zu besetzen.

Hinzu kommt ein starkes regionales Gefälle bei der Bezahlung. Während Lehrkräfte in Moskau zu Beginn ihrer Tätigkeit 180.000 bis 190.000 Rubel verdienen können, liegen die Einkommen in den Provinzen deutlich niedriger. Diese Unterschiede beschleunigen den Abfluss qualifizierter Pädagogen aus Regionen mit weniger attraktiven Arbeitsbedingungen und verschärfen den personellen Gegensatz zwischen Hauptstadt und übrigen Landesteilen.

Die Folgen zeigen sich unter anderem in Tatarstan. Zu Beginn des Schuljahres 2026/27 fehlten dort mehr als 2.000 Lehrkräfte. In der Region Amur sollen 150 Studierende zur Besetzung offener Stellen eingesetzt werden. Diese Maßnahme kann den Betrieb vorübergehend aufrechterhalten, beseitigt aber weder den Mangel an ausgebildetem Personal noch das regionale Lohn- und Arbeitsgefälle.

Unvollständig ausgebildete Kräfte erhöhen die Belastung der Schulen

Die Ersetzung diplomierter Fachkräfte durch Studierende ohne abgeschlossenes Studium senkt unmittelbar das Niveau des Unterrichts. Es fehlt nicht nur an fachlicher und methodischer Vorbereitung. Die Studierenden müssen zugleich ihre eigene Ausbildung fortsetzen und sich in eine bürokratisch stark belastete Schulumgebung einarbeiten.

Für die bereits beschäftigten Lehrkräfte bedeutet das keine Entlastung. Viele arbeiten auf zwei oder sogar drei Stellen. Zusätzlich müssen sie Studierende anleiten, deren Unterricht kontrollieren und Fehler korrigieren. So wird der bestehende Personalmangel nicht behoben, sondern innerhalb der Schulen weitergereicht.

Auch die Studierenden geraten unter erheblichen Druck. Wer bis zu 40 Unterrichtsstunden pro Woche mit dem eigenen Studium und den Verwaltungsaufgaben einer Schule verbindet, ist einer dauerhaften Überlastung ausgesetzt. Die Folge ist berufliche Erschöpfung. Viele verlassen den Beruf unmittelbar nach dem Abschluss, wodurch die Bildungseinrichtungen erneut auf unerfahrenes Personal oder weitere Notlösungen angewiesen sind.

Jewgeni Jamburg, der Direktor der Moskauer Schule Nr. 109, führt den Lehrermangel vor allem auf die hohe Arbeitsbelastung und die niedrige Bezahlung der Lehrkräfte zurück. Seine Einschätzung verweist auf den Kern des Problems: Solange die Arbeitsbedingungen ausgebildete Pädagogen aus dem Beruf oder in besser bezahlte Regionen treiben, kann der Einsatz von Studierenden nur die sichtbare Lücke füllen.

Die Behörden halten die Statistik niedrig, nicht den Mangel

Die Probleme reichen über die aktuelle Besetzung einzelner Stellen hinaus. Die schlecht geplante Neuordnung pädagogischer Hochschulen hat die fachliche Spezialisierung und die methodische Grundlage der Lehrerausbildung weiter geschwächt. Damit wird genau jene Ausbildungsstruktur beschädigt, die langfristig für qualifizierte Lehrkräfte sorgen müsste.

Dass der Versuch, Studierende im Unterricht einzusetzen, bis 2032 verlängert werden soll, zeigt die Abhängigkeit der Behörden von dieser Notmaßnahme. Unter wachsenden Haushaltsengpässen gelingt es ihnen nicht, den Lehrermangel mit üblichen arbeitsmarkt- und sozialpolitischen Instrumenten zu überwinden. Stattdessen bleibt die Nutzung von Studierenden eine Möglichkeit, den Schulbetrieb formal abzusichern.

Nach Einschätzung von Experten der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und öffentlichen Dienst könnte der tatsächliche Mangel bei einer normalen Arbeitsbelastung der Lehrkräfte rund 250.000 pädagogische Fachkräfte betragen. Die offizielle Zahl der offenen Stellen von etwa zwei Prozent bildet damit nur einen Teil des Problems ab. Sie bleibt niedrig, weil Schulen den Ausfall ausgebildeter Lehrkräfte durch Überstunden, Mehrfachbeschäftigung und den Einsatz noch nicht fertig ausgebildeter Studierender verdecken.

Vor den Wahlen beschränken sich Abgeordnete der Staatsduma damit weitgehend auf die Feststellung, dass sich die Lage verschlechtert. Die offiziell angekündigten Pläne zur Weiterentwicklung des Bildungssystems ändern an der unmittelbaren Praxis nichts: Im Jahr 2026 werden mehr als 40.000 Studierende bereits im Unterricht eingesetzt, weitere 11.000 betreuen Kinder in Kursen und Arbeitsgemeinschaften. Der konkrete Beleg für den politischen Stillstand steht damit in den Klassenräumen selbst – dort, wo Studierende weiterhin fehlende ausgebildete Lehrkräfte ersetzen.

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