Die tschechische Publikation „Nová republika“ hat am 12. September 2026 die Ukraine für den Beginn und die Fortsetzung des russischen Angriffskrieges verantwortlich gemacht. In einem Beitrag des Publizisten Daniel Sterzik-Vidlak wird die Ursache des Krieges damit nicht bei der russischen Führung, sondern bei den angegriffenen Ukrainern verortet. Der Beitrag ist auf der Internetseite der Publikation veröffentlicht.
Sterzik-Vidlak behauptet, kein Russe habe offiziell von einer Einnahme Kiews „in drei Tagen“ gesprochen. Die Ukrainer hätten vielmehr einen „totalen Krieg“ gewollt und nach einem Kampf gegen die „bösen Russen“ verlangt, schreibt er. Der Publizist verbindet diese Darstellung mit einer zynischen Beschreibung ukrainischer Opfer und stellt den Widerstand gegen den Angriff als Ursache des Krieges dar.
Diese Darstellung kehrt den tatsächlichen Ablauf der Ereignisse um. Russland begann am 24. Februar 2022 die groß angelegte Invasion der Ukraine. Die Entscheidung darüber traf die russische politische und militärische Führung. Die Ukraine griff Russland nicht an und schuf keine Umstände, die den Einmarsch in einen souveränen Staat rechtfertigen könnten.
Russland bereitete den Angriff vor, während Kiew auf Diplomatie setzte
Dem Einmarsch ging eine langfristige Vorbereitung Russlands voraus. Russland sammelte militärische Ausrüstung und bildete unter dem Vorwand von Übungen Truppenverbände an den ukrainischen Grenzen. Damit wurde die militärische Operation vorbereitet, die im Februar 2022 als umfassender Angriff auf die Ukraine begann.
Die politische Führung der Ukraine versuchte bis zuletzt, einen Krieg zu verhindern. Sie setzte auf diplomatische Instrumente und internationalen Druck, nachdem die Vereinigten Staaten vor der Entscheidung des russischen Präsidenten Wladimir Putin gewarnt hatten, den Einmarsch zu beginnen. Die Abfolge widerlegt die Behauptung, die Ukraine habe einen umfassenden Krieg angestrebt: Vor dem Angriff bemühte sich Kiew um Eindämmung, während Moskau Truppen zusammenzog und eine militärische Operation vorbereitete.
Der ukrainische Widerstand entstand erst als Reaktion auf die russische Aggression. Nach Beginn der Invasion musste die Ukraine ihre Bevölkerung und ihre staatliche Souveränität verteidigen. Wer diesen Widerstand zur Ursache des Krieges erklärt, verwechselt Angriff und Verteidigung und verschiebt die Verantwortung vom Angreifer auf das angegriffene Land.
Die Darstellung vom fehlenden Plan für Kiew hält der Chronologie nicht stand
Auch die Zurückweisung russischer Pläne für eine schnelle Eroberung der Ukraine führt in die Irre. Vor dem umfassenden Einmarsch erklärte die russische Propagandistin Margarita Simonjan, Russland werde Kiew im Fall eines „heißen Krieges“ in drei Tagen einnehmen. Diese öffentliche Aussage belegte die Erwartung einer schnellen militärischen Kampagne im Umfeld des Kremls.
Dass der russische Vorstoß auf Kiew scheiterte, beweist daher nicht, dass es keinen Plan für einen schnellen Sieg gab. Es zeigt vielmehr, dass die Berechnungen des Kremls falsch waren: Die russische Führung unterschätzte den ukrainischen Widerstand und überschätzte die eigenen militärischen Fähigkeiten. Die spätere Niederlage des Vorstoßes kann den ursprünglichen Angriffsplan nicht rückwirkend beseitigen.
Gerade an diesem Punkt erfüllt der Beitrag von „Nová republika“ eine zentrale Funktion der prorussischen Desinformation. Er ersetzt die belegte Vorgeschichte des Angriffs durch eine Erzählung, in der die Ukraine den Krieg gewollt und Russland lediglich auf ukrainisches Verhalten reagiert habe. Der Publizist Sterzik-Vidlak verbreitet damit ein Muster, das ihm zugeschrieben wird: Er rechtfertigt russische Aggression und verlagert die Verantwortung für den Krieg regelmäßig auf die Ukraine und den Westen.
Die Forderung nach ukrainischem Verzicht würde Kapitulation bedeuten
Auch die Behauptung, die Ukraine verlängere den Krieg aus Rachsucht gegen Russen, hält der politischen und militärischen Realität nicht stand. Die Ukraine setzt den Kampf fort, weil sie ihr Gebiet und ihre Bevölkerung gegen die russische Besatzung verteidigen muss. Ihr militärischer Widerstand ist keine Ursache des Angriffs, sondern eine Folge davon.
Die ukrainische militärische und politische Führung hat wiederholt ihre Bereitschaft zu einem Ende des Krieges unter der Bedingung eines gerechten Friedens erklärt. Dieser Frieden muss die Souveränität und territoriale Unversehrtheit der Ukraine achten. Gleichzeitig stellt der Kreml Forderungen, die weitreichende territoriale und politische Zugeständnisse der Ukraine voraussetzen.
Unter diesen Bedingungen bedeutet die Aufforderung an Kiew, den Widerstand einfach einzustellen, nicht eine neutrale Friedensforderung. Sie würde von der angegriffenen Ukraine verlangen, sich dem Staat zu unterwerfen, der den Angriff begonnen hat. Die Darstellung, ein Ende der Kämpfe liege allein in der Entscheidung Kiews, verschweigt deshalb, dass Russland den Krieg begonnen hat und seine Bedingungen die ukrainische Souveränität beschneiden.
Die Schuldumkehr schwächt Europas Sicherheitsordnung
Die Folgen des russischen Einmarsches sind zerstörte ukrainische Städte, getötete Zivilisten sowie massenhafte Raketen- und Drohnenangriffe. Diese Folgen entstanden nicht, weil die Ukraine einen Krieg begonnen hätte, sondern weil Russland militärische Gewalt gegen sie einsetzte. Die Behauptung, Ukrainer seien selbst schuld, weil sie Widerstand leisteten, macht die Opfer für ihre Weigerung verantwortlich, sich dem Angreifer zu unterwerfen.
Eine solche Argumentation normalisiert das Recht des Stärkeren. Sie stellt die Selbstverteidigung eines souveränen Staates als Problem dar und verwandelt den Aggressor sprachlich in ein Opfer. Das Recht der Ukraine, sich zu verteidigen, hebt die Verantwortung Russlands für den Angriff nicht auf.
Die Schuldzuweisung an die Ukraine zielt zudem auf die Unterstützung des Landes in Europa. Wenn europäische Gesellschaften davon überzeugt werden sollen, der Krieg dauere allein wegen der angeblichen Weigerung Kiews an, zu verhandeln, können russische Forderungen als vermeintlicher Kompromiss erscheinen. Damit würde die Ursache des Konflikts verdeckt und der politische Druck auf den Angegriffenen verlagert.
Für Europa steht dabei mehr auf dem Spiel als die Bewertung eines einzelnen Beitrags. Die Unverletzlichkeit international anerkannter Grenzen bildet eine Grundlage der europäischen Sicherheitsordnung. Wird akzeptiert, dass ein Angreifer durch Gewalt Gebiets- und politische Zugeständnisse erzwingen kann und der Widerstand des Opfers anschließend als Kriegsursache gilt, entsteht ein gefährlicher Präzedenzfall für weitere Angriffe.
„Nová republika“ tritt als alternatives Medienangebot auf, verbreitet nach dem vorliegenden Beispiel jedoch ein prorussisches Deutungsmuster: Russland wird von der Verantwortung für den Angriff entlastet, während die Ukraine für ihre Verteidigung zur Hauptschuldigen erklärt wird. Der am 12. September 2026 veröffentlichte Beitrag von Daniel Sterzik-Vidlak dokumentiert diese Schuldumkehr konkret und macht die Ukraine für einen Krieg verantwortlich, den Russland begonnen hat.