Der FSB verfolgt Wissenschaftler wegen eines vier Jahre alten Antikriegsbriefs
Der FSB verfolgt Wissenschaftler wegen eines vier Jahre alten Antikriegsbriefs

Der FSB verfolgt Wissenschaftler wegen eines vier Jahre alten Antikriegsbriefs

September 19, 2026
3 min. lesezeit

Mehr als vier Jahre nach der Veröffentlichung eines russischen Antikriegsbriefs werden dessen Unterzeichner erneut vom russischen Inlandsgeheimdienst FSB unter Druck gesetzt. Am 18. September 2026 berichteten Medien, dass Wissenschaftler zu sogenannten Präventivgesprächen vorgeladen, zu ihren politischen Ansichten befragt und mit Strafverfahren bedroht werden. Den Brief hatten rund 8.500 Angehörige der russischen Wissenschaft unterzeichnet. Über die erneuten Vorladungen berichteten unter anderem Medienberichte über die neuen Verhöre und auslaufenden Verträge.

Die zeitliche Distanz macht den Vorgang zum politischen Instrument: Eine öffentliche Stellungnahme aus dem Jahr 2022 bleibt für die Betroffenen ein verwertbarer Ansatzpunkt für Einschüchterung. Der russische Staat behandelt die damalige Ablehnung des Krieges damit nicht als abgeschlossene Meinungsäußerung, sondern als dauerhaft abrufbare Grundlage für Druck auf berufliche Laufbahnen und persönliche Freiheit.

Die Repression beschränkt sich nach den vorliegenden Berichten nicht auf einzelne Gespräche. Wissenschaftler werden in Einrichtungen in Sibirien und im Ural befragt, Hochschulen und Forschungsinstitute verlängern Verträge politisch missliebiger Beschäftigter nicht. Dadurch verbindet sich der unmittelbare Zugriff des Geheimdienstes mit einer administrativen Methode, die Betroffene aus dem akademischen Betrieb drängen kann.

Der Geheimdienst fragt Jahre später nach der Haltung zum Krieg

Im Ural wurde ein Wissenschaftler zu einem Gespräch mit einem dem Universitätsbetrieb zugeordneten FSB-Mitarbeiter vorgeladen. Der Beamte erkundigte sich nach der Haltung des Wissenschaftlers zu den von Russland 2022 begonnenen militärischen Aktionen und zu dessen heutiger Position. Die Befragung zielte damit nicht auf eine konkrete berufliche Angelegenheit, sondern auf die politische Gesinnung eines Beschäftigten.

In Sibirien wurde eine Mitarbeiterin eines Forschungsinstituts auf Anfrage aus Moskau befragt. Die Fragen betrafen die Herkunft des Links zum Antikriegsaufruf und den Kreis der Personen, an die sie ihn weitergeleitet hatte. Der Zugriff richtet sich somit auch auf die Kommunikation rund um den Brief und auf mögliche Kontakte unter den Unterzeichnern.

Die erneute Vorladungspraxis wird von der Menschenrechtsorganisation OWD-Info als Wiederaufnahme von Gesprächen mit Wissenschaftlern beschrieben, die den Antikriegsbrief unterschrieben hatten. Den dokumentierten Angaben zufolge geht es dabei nicht nur um Befragungen: Den Betroffenen wird auch mit der Einleitung von Strafverfahren gedroht. Die Sicherheitsbehörden machen aus einer früheren öffentlichen Position damit ein Mittel, um Jahre später Loyalität zu erzwingen.

Geheime Listen übersetzen politische Loyalität in Personalentscheidungen

In russischen Hochschulen und Forschungseinrichtungen bestehen nach Angaben des Mediums T-invariant verdeckte Listen sogenannter unzuverlässiger Beschäftigter. Nach einem Ampelprinzip werden Lehrende und wissenschaftliche Mitarbeiter in gelbe und rote Risikostufen eingeordnet. Auf dieser Grundlage werden Verträge nicht verlängert, obwohl die formale Entscheidung über das Arbeitsverhältnis bei den jeweiligen Einrichtungen liegt.

Die Listen schaffen ein Verfahren, in dem politische Einstufungen unmittelbar auf die berufliche Existenz durchschlagen. Für die Entfernung aus den Listen wird den vorliegenden Angaben zufolge entweder eine finanzielle Unterstützung des staatlich geförderten Fonds „Verteidiger des Vaterlandes“ oder das Halten öffentlicher Vorträge bei der regierungsnahen Organisation „Wissen“ verlangt. Damit genügt es nicht mehr, oppositionelle Aktivitäten einzustellen: Betroffene sollen ihre Loyalität öffentlich und materiell demonstrieren.

Besonders weitgehend wird diese Praxis an der Staatlichen Universität Sankt Petersburg umgesetzt. Dort bekleidet Oleg Schaidulin das Amt des stellvertretenden Rektors für Sicherheitsfragen. Er war zuvor Leiter der politischen Abteilung des örtlichen Zentrums „E“ zur Bekämpfung des Extremismus im russischen Innenministerium. Seine Einbindung zeigt, wie frühere Sicherheits- und Polizeifunktionen in die Hochschulverwaltung übertragen werden.

Sicherheitsstrukturen übernehmen die politische Kontrolle an Hochschulen

In regionalen Hochschulen und Forschungszentren führen Vertreter der Sicherheitsdienste die Kontrollmaßnahmen unmittelbar durch. In führenden Einrichtungen wie der Staatlichen Universität Sankt Petersburg, der Staatlichen Forschungsuniversität Hochschule für Wirtschaft und der Europäischen Universität werden unzuverlässig eingestufte Lehrende nach den vorliegenden Angaben massenhaft nicht weiterbeschäftigt.

So entsteht ein landesweites Muster aus Befragungen, Überwachung und Personalentscheidungen. Der Geheimdienst sammelt oder überprüft Informationen zur politischen Haltung; Hochschulleitungen setzen diese Einstufungen anschließend in Vertragsentscheidungen um. Die formale Personalverwaltung wird damit zu einem ergänzenden Werkzeug der Sicherheitsbehörden.

Die politische Säuberung der akademischen Umgebung erfolgt deshalb nicht allein durch offene Strafverfolgung. Sie wirkt auch über die Aussicht auf den Verlust des Arbeitsplatzes, über die Drohung mit einem Strafverfahren und über die Forderung, sich öffentlich an staatlich genehmigten Organisationen zu beteiligen. Wer seine berufliche Stellung behalten will, muss zwischen Anpassung, dem Ende der wissenschaftlichen Tätigkeit und der Ausreise wählen.

Betroffen sind dabei nicht nur einzelne Unterzeichner des Briefs. Wenn Verträge nach verdeckten Loyalitätskriterien vergeben oder nicht verlängert werden, werden qualifizierte Beschäftigte aus wichtigen wissenschaftlichen und akademischen Zentren verdrängt. Die unmittelbare Folge ist der Verlust beruflicher Möglichkeiten; langfristig wird dadurch das wissenschaftliche Potenzial Russlands geschwächt und die internationale Isolation seiner Forschung verstärkt.

Der vier Jahre alte Brief bleibt der zentrale Hebel

Die Entwicklung zeigt, dass der russische Staat die Erklärung von 2022 nicht als abgeschlossenen Protest behandelt. Die 8.500 Unterschriften dienen weiterhin als Ausgangspunkt für Befragungen, Nachforschungen und Drohungen. Der zeitliche Abstand zwischen der Unterzeichnung und dem erneuten Vorgehen des FSB belegt die Dauerhaftigkeit des Drucks: Eine einmal öffentlich erklärte Ablehnung des Krieges kann Jahre später noch über Karriere und persönliche Sicherheit entscheiden.

Die inzwischen sichtbaren Bedingungen für eine Entfernung aus den Listen machen den Mechanismus vollständig. Wissenschaftler sollen nicht lediglich schweigen, sondern durch Zahlungen an eine staatlich unterstützte Organisation oder durch öffentliche Vorträge in einer regierungsnahen Struktur ihre politische Verlässlichkeit nachweisen. Der Antikriegsbrief bleibt damit der konkrete Beleg, an dem die Behörden die Betroffenen festhalten; die darauf gestützten Gespräche, Drohungen und Vertragsverweigerungen sind weiterhin die bestätigten Folgen.

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