"Wir haben hier eine historische Chance"
"Wir haben hier eine historische Chance"

Interview zu Plastikabkommen: „Wir haben hier eine historische Chance“

August 5, 2025
3 min. lesezeit
Quelle

Internationales Plastikabkommen „Wir haben hier eine historische Chance“

Plastik ist überall: im Meer, auf Bergen und sogar in der Atemluft. Zahlreiche Staaten ringen nun um ein Abkommen, um die Plastikverseuchung zu stoppen. Zuletzt gab es keine Einigung – aber Meeresbiologin Melanie Bergmann äußert sich im Interview zuversichtlich.

tagesschau24: Plastikmüll ist an den verschiedensten Orten zu finden – wo war der letzte Ort, an dem Sie Plastikteilchen gefunden und sich geärgert haben?

Melanie Bergmann: Das prägnanteste Beispiel war wahrscheinlich auf unserer letzten Arktisexpedition: Plötzlich sahen wir morgens neben dem Schiff Plastikteilchen vorbeischwimmen. Plastik an der Meeresoberfläche mitten im Eis. Das war schon sehr ärgerlich.

Mikroplastik kommt in kleinsten Organismen vor

tagesschau24: Es gibt Zahlen, laut denen weltweit etwa 460 Millionen Tonnen Plastik jedes Jahr hergestellt werden – Tendenz steigend. Was macht dieses Plastik so gefährlich?

Bergmann: Plastik geht nicht weg. Und es hat die Eigenschaft, dass es sich zum Beispiel in Form von Netzen aus der Fischerei um Tiere wickeln kann, die dann stranguliert werden können oder ersticken. Die Tiere können es als Nahrung aufnehmen – dann kann es zu Entzündungsreaktionen kommen, zu Wachstumsveränderungen, zu allen möglichen Problemen, auch in der Fortpflanzung.

Wenn das Plastik als Mikroplastik immer kleiner wird, kann es von einer immer größeren Anzahl von Organismen aufgenommen werden. Und nicht zuletzt können eben dann auch Chemikalien oder andere Pathogene auf die Organismen übertragen werden und ihre schädliche Wirkung im Organismus entfalten.

Plastik in Herz, Lunge und Muttermilch

tagesschau24: Verrottet Plastik irgendwann?

Bergmann: Auf sehr lange Zeitskalen gesehen – wahrscheinlich schon. Allerdings laufen die Untersuchungen noch. Wir haben erst ab den 50er-, 60er-Jahren richtig mit der großen Plastikproduktion angefangen. Deswegen wissen wir noch gar nicht so genau, wie lange das Verrotten dauert. Man hört immer, es dauere 100 bis 500 Jahre, bis bestimmte Plastikteile verrotten. Aber eigentlich haben wir noch keine verlässlichen Zahlen dazu.

tagesschau24: Das bedeutet, das Plastik bleibt im Kreislauf und am Ende landet es über Essen oder die Atemluft auch schließlich bei uns im Körper?

Bergmann: Wir wissen aus verschiedenen Studien, dass wir Plastik, genau wie überall in der Umwelt auch überall im menschlichen Körper finden. Wir haben es im Herz gefunden, in unseren Lungen, in der Blutbahn, sogar im Hirn wurden sehr kleine Partikel nachgewiesen, aber eben auch schon in der Plazenta und in der Muttermilch. Das heißt, unsere Nachkommen werden schon damit konfrontiert, bevor sie überhaupt auf die Welt kommen. Und das ist natürlich ein sehr sensibles Entwicklungsstadium und zeigt nochmal, dass wir dringend ins Handeln kommen müssen.

Produktion von Plastik verringern

tagesschau24: Wo müssten wir jetzt ansetzen, um diesen Plastikmüll wirklich zu reduzieren?

Bergmann: Wir müssen dringend die Produktion von Plastik verringern. Das ist das Wichtigste, auch um den Klimaeintrag zu senken. Und dann müssen wir dringend die chemische Zusammensetzung verändern. Dahingehend, dass diese schädlichen Chemikalien ausgeschlichen werden, dass wir eine Vereinfachung bekommen. Denn momentan können selbst PET-Flaschen von verschiedenen Anbietern eine unterschiedliche Zusammensetzung haben.

Wenn man das dann klein schreddert und zusammenwirft, dann weiß man eben nicht, was in diesem Cocktail, der dann wieder zusammengeschmolzen wird, wirklich drin ist. Das verringert auch die Recyclingfähigkeit. Denn bestimmte Stoffe dürfen nicht als Lebensmittelverpackung verwendet werden. Also ist es das Wichtigste, dass wir auf eine geringere Chemikalienvielfalt in der Zusammensetzung setzen.

Recycling ist außerdem nicht unendlich oft möglich, 3- bis 4-mal im besten Fall. Denn bei jeder Recyclingstufe verkürzen sich die Kohlenstoffketten und damit muss dann auch immer neues Kunststoff-Material hinzugefügt werden. Und dann wird es nach diesen drei bis vier Zyklen letztendlich auch zu Müll.

Planetare Belastungsgrenzen erreicht

tagesschau24: Wenn Sie jetzt auf diese Konferenz schauen, wie wichtig ist es aus Ihrer Sicht, dass es diesmal eine Einigung gibt?

Bergmann: Das ist unglaublich wichtig. Wir haben hier wirklich eine historische Chance, die wir beim Schopfe packen müssen. Denn jedes Jahr vermehrt sich ja sogar die Plastikproduktion noch um circa vier Prozent. Es wird prognostiziert, dass sich der Plastikmüll, der entsteht, bis 2060 verdreifachen könnte. Jedes Jahr landen zwischen 19 und 23 Millionen Tonnen Plastik in unseren Gewässern. Und ja, wir haben jetzt schon ein Problem, weil wir laut wissenschaftlichen Studien über unseren planetaren Belastungsgrenzen liegen. Das heißt, wir müssen wirklich ganz dringend dieses Problem regulieren, auch um unsere CO2-Emissionen zu reduzieren.

Kommentar hinzufügen

Your email address will not be published.

Nicht verpassen