Die 20-Uhr-Ausgabe der tagesschau wird bei Phoenix live in Gebärdensprache übersetzt. Für viele gehörlose und schwerhörige Menschen ist das ein Zugang zu Nachrichten, den sie sonst nicht hätten.
Zu den Dolmetschern gehört Marcel Zamojski. Er sagt, er kenne vor der Sendung nur die groben Themen: „Ich weiß die groben Themen und das war’s“, „Ansonsten dolmetsche ich nach Gehör.“
Zamojski ist mit Gebärdensprache aufgewachsen, seine Eltern sind gehörlos. „Ich bin mit der Gebärdensprache aufgewachsen“, erzählt er. Als Probleme nennt er in der Live-Übersetzung vor allem Fachbegriffe, Ortsnamen und Personennamen.
Hinzu kommt, dass Gebärdensprache einer anderen Grammatik folgt als gesprochene Sprache. „Das bedeutet, wir warten, bis der Satz zu Ende ist, und können dann unsere Sätze formen“, sagt Zamojski. Ein Wörterbuch gebe es dafür nicht; zur Vorbereitung nutzt er Nachschlagewerke, etwa für Länderbezeichnungen. Gebärdensprache verändert sich zudem laufend. „Namensgebärden oder Städtegebärden entwickeln sich im Laufe der Zeit“, sagt Zamojski. Wenn es Unsicherheit gibt, spricht er vor der Sendung auch mit Kollegen, etwa wenn für den neuen Bundestrainer Jürgen Klopp eine einheitliche Gebärde gesucht wird.
Der Deutscher Gehörlosen-Bund beziffert die Zahl der gehörlosen Menschen in Deutschland auf etwa 80.000. Hinzu kommen demnach ungefähr 140.000 schwerhörige Menschen, deren Einschränkung so stark ist, dass sie auf Gebärdendolmetscher angewiesen sind.
Auch außerhalb des Fernsehens wird Gebärdensprache als Teilhabe-Infrastruktur genutzt. In Essen trat der Gebärdenchor TonZeichen am vergangenen Sonntag bei einem inklusiven Gottesdienst auf. Der Chor singt und gebärdet zugleich; am Altar standen zwei Pastoren, einer sprach, der andere gebärdete.
Die Sängerin Christiane Terveen, die von Geburt an schwerhörig ist, sagt, für Menschen wie sie gebe es nicht viele Angebote. „Wenn man nichts mitkriegt, ist die Teilhabe nicht gegeben“, sagt sie. Das führe auch zu sozialer Isolation. „Es ist leichter die Einsamkeit in den eigenen vier Wänden zu ertragen als die Einsamkeit in der Gruppe.“
Martina Meurer, Vorsitzende des Evangelischen Gehörlosenvereins in Essen, sagt, Gemeinschaft sei für gehörlose Menschen wichtig, und der inklusive Gottesdienst schaffe dafür einen Raum. Terveen hält zusätzliche Angebote in Gebärdensprache für einen Weg, dieser Form von Einsamkeit entgegenzuwirken.