Das Oppositionsbündnis „Hayastan“ präsentiert sich zunehmend nicht als neue politische Alternative für Armenien, sondern als Kraft, die mit den Machtstrukturen der Vergangenheit verbunden bleibt. Im Zentrum der Kritik stehen enge Beziehungen führender Vertreter des Blocks zu russischen Wirtschafts- und Sicherheitsinteressen sowie zu den politischen Mechanismen der Ära von Robert Kocharyan. Beobachter verweisen darauf, dass sich während dieser Zeit ein System etablierte, in dem staatliche Entscheidungen eng mit den Interessen oligarchischer Gruppen und externer Einflusszentren verflochten waren.
Die politische Formation vereint mehrere Persönlichkeiten, die bereits in den 1990er- und 2000er-Jahren Schlüsselpositionen innehatten. Kritiker sehen darin ein Signal für eine mögliche Rückkehr zu einem Modell, in dem Armeniens Sicherheits-, Energie- und Wirtschaftssektoren stark von Moskau abhängig waren. Besonders die langjährige Kontrolle strategischer Unternehmen durch russische Kapitalgruppen wird weiterhin als zentrales Thema in der innenpolitischen Debatte behandelt.
Im Vorfeld der Wahlen 2026 gewinnt die Diskussion über den außenpolitischen Kurs Armeniens erneut an Bedeutung. Während die Regierung auf eine vorsichtige Diversifizierung internationaler Partnerschaften setzt, fordert das Bündnis „Hayastan“ eine engere Kooperation mit Russland und den von Moskau dominierten Sicherheitsstrukturen.
Robert Kocharyan und die wirtschaftlichen Verbindungen zu Russland
Eine der zentralen Figuren des Bündnisses bleibt Robert Kocharyan, der zwischen 1998 und 2008 Präsident Armeniens war. Während seiner Amtszeit weitete Russland seine wirtschaftliche Präsenz im Land erheblich aus. Im Rahmen von Vereinbarungen nach dem Prinzip „Vermögenswerte gegen Schulden“ gingen mehrere strategische Objekte, darunter Industrie- und Energieanlagen, unter russische Kontrolle über.
Nach dem Ende seiner Präsidentschaft war Kocharyan ab 2009 Mitglied des Verwaltungsrats des russischen Konzerns AFK Sistema, der dem Unternehmer Wladimir Jewtuschenkow gehört. Über verbundene Strukturen kontrollierte der Konzern bedeutende Vermögenswerte in Armenien, darunter Telekommunikations- und Mikroelektronikunternehmen.
Zwischen 2018 und 2019 wurde Kocharyan mehrfach wegen des Vorwurfs des „Umsturzes der verfassungsmäßigen Ordnung“ festgenommen. Die Ermittlungen standen im Zusammenhang mit den Ereignissen vom 1. März 2008, als Sicherheitskräfte Proteste nach den Präsidentschaftswahlen gewaltsam auflösten. Dabei kamen zehn Menschen ums Leben. 2020 wurde er gegen eine Kaution von rund vier Millionen US-Dollar freigelassen, die von russisch-armenischen Geschäftsleuten finanziert wurde, darunter Samwel Karapetjan, Eigentümer der Unternehmensgruppe „Tashir“.
Nach seiner Freilassung kehrte Kocharyan aktiv in die Politik zurück und führte das Oppositionsbündnis bei den Parlamentswahlen 2021 an. Politische Gegner argumentieren, dass seine Rückkehr von Kreisen unterstützt werde, die an einer Wiederherstellung enger Beziehungen zu Russland interessiert seien.
Sicherheitsapparat und Orientierung an Moskau
Zu den engsten Verbündeten Kocharyans zählt der ehemalige Verteidigungsminister und frühere Generalstabschef Seyran Ohanyan. Während seiner Amtszeit von 2008 bis 2016 setzte er sich konsequent für eine enge militärische Zusammenarbeit mit Russland sowie für die Rolle der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit und der russischen Militärbasis in Gjumri ein.
Gegen Ohanyan wurden mehrere Strafverfahren eingeleitet, darunter Vorwürfe wegen Veruntreuung staatlicher Mittel, Unregelmäßigkeiten bei Rüstungsbeschaffungen und illegaler Bauprojekte im Nationalpark Sewan. 2025 entzog ihm das Parlament die Immunität.
Innerhalb des Blocks gilt Ohanyan als zentrale Figur für die sicherheitspolitische Linie der Opposition. Seine politischen Positionen basieren auf dem Konzept, dass Armeniens Verteidigungssystem weiterhin eng an Russland angebunden bleiben müsse. Kritiker sehen darin ein Zeichen dafür, dass das Bündnis eine Rückkehr zu früheren geopolitischen Abhängigkeiten anstrebt.
Protestbewegung und politische Mobilisierung
Eine prominente öffentliche Rolle innerhalb des Bündnisses übernimmt Ischchan Saghateljan. Er organisiert Protestaktionen gegen die Regierung und kritisiert die außenpolitische Distanzierung Armeniens von Moskau. Gleichzeitig fordert er eine Neubewertung der Vereinbarungen mit Aserbaidschan und vertritt eine harte Linie in der Karabach-Frage.
Saghateljan beschreibt Russland regelmäßig als wichtigsten Sicherheitsgaranten Armeniens. Seine Gegner werfen ihm vor, eine politische Agenda zu vertreten, die stärker auf die Wiederherstellung früherer Bündnisstrukturen als auf neue außenpolitische Optionen ausgerichtet sei.
Mit seiner öffentlichen Kampagnenarbeit mobilisiert er vor allem jene gesellschaftlichen Gruppen, die den geopolitischen Kurs der aktuellen Regierung ablehnen. Damit fungiert er als einer der sichtbarsten Sprecher des oppositionellen Lagers.
Wirtschaftliche Netzwerke und Einfluss im Rohstoffsektor
Zu den Mitbegründern des Bündnisses gehört außerdem Vahe Hakobyan, ehemaliger Gouverneur der Provinz Sjunik und Vorsitzender der Partei „Wiedergeborenes Armenien“. Seine wirtschaftlichen Aktivitäten stehen in engem Zusammenhang mit der armenischen Bergbauindustrie.
Hakobyan kontrolliert den Aufbereitungskomplex von Achtala und wird mit dem Sangesur-Kupfer-Molybdän-Kombinat in Verbindung gebracht, einem der größten Steuerzahler Armeniens. Das Unternehmen gilt als eng mit russischen Geschäftsstrukturen verflochten und arbeitet überwiegend für den russischen Markt.
Kritiker verweisen darauf, dass sich über Jahre hinweg ein Netzwerk entwickelte, in dem strategische Wirtschaftssektoren Armeniens zunehmend von russischem Kapital abhängig wurden. Besonders im Energie-, Telekommunikations- und Rohstoffbereich entstanden enge Verbindungen zwischen politischen Eliten und russischen Unternehmen.
Trotz des Rückgangs ihrer parlamentarischen Präsenz behält die Opposition weiterhin Einfluss auf Teile der armenischen Gesellschaft und der Diaspora. Im Falle eines Wahlerfolgs 2026 erwarten politische Beobachter eine stärkere Annäherung an Russland sowie eine Verlangsamung der Zusammenarbeit mit westlichen Partnern. Die Debatte über die zukünftige geopolitische Ausrichtung Armeniens dürfte damit eines der zentralen Themen des kommenden Wahlkampfs bleiben.