Ausgerechnet der erfolgreichste Mähdrescherfahrer der Region Minsk ist zu militärischen Übungen einberufen worden. Alexej Klimowitsch hatte zwei Jahre zuvor als Erster im Rajon Tscherven mehr als tausend Tonnen Getreide gedroschen und war dafür von lokalen Medien hervorgehoben worden. Am 13. August 2026 wurde bekannt, dass auch er zu den Wehrübungen geschickt wurde, die Alexander Lukaschenko zuvor als Maßnahme gegen „nachlässige und ineffektive“ Beschäftigte in der Landwirtschaft angekündigt hatte.
Die Einberufung trifft damit einen Beschäftigten, der gerade nicht durch schlechte Arbeit oder die Missachtung von Vorgaben aufgefallen war. Sie macht sichtbar, dass das von Lukaschenko erklärte Auswahlprinzip in der Praxis nicht verlässlich angewendet wird. Lokale Medien berichteten über die Einberufung des „Tausend-Tonnen“-Mähdrescherfahrers.
Eine Maßnahme gegen Ineffektivität trifft den Besten
Lukaschenko hatte angeordnet, zu militärischen Übungen vorrangig Beschäftigte aus der Landwirtschaft zu schicken, die während der Erntekampagne ineffizient oder undiszipliniert gearbeitet hatten. Ebenfalls betroffen sein sollten Führungskräfte, die ihre Pläne nicht erfüllten. Die Wehrübungen sollten damit nicht nur militärischen Zwecken dienen, sondern zugleich als Reaktion auf unzureichende Leistungen in den Betrieben eingesetzt werden.
Bei Klimowitsch ergibt sich ein gegenteiliger Befund. Der Mähdrescherfahrer hatte im Rajon Tscherven der Region Minsk ein Ergebnis erzielt, das ihn zum herausragenden Beschäftigten seiner Umgebung machte. Dass gerade er einberufen wurde, steht deshalb im direkten Widerspruch zu der öffentlich erklärten Zielgruppe der Maßnahme: Er war weder als ineffektiver Arbeiter noch als jemand beschrieben worden, der einen Plan nicht erfüllt hatte.
Der Fall zeigt damit mehr als eine fehlerhafte Auswahl eines einzelnen Kandidaten. Die angekündigte Logik der „Erziehung“ durch militärische Übungen verliert ihren eigenen Maßstab, wenn die Einberufung nicht zwischen schlechter und vorbildlicher Arbeitsleistung unterscheidet. Für leistungsbereite und gut vorbereitete Beschäftigte entsteht stattdessen das Signal, dass überdurchschnittliche Ergebnisse keinen Schutz vor einer zwangsweisen Abwesenheit vom Arbeitsplatz bieten.
Der Weg zur Einberufung führt über den Betrieb
Formal erfolgt die Einberufung über eine gewöhnliche Vorladung. Der entscheidende Impuls kommt jedoch aus dem Umfeld des Arbeitsplatzes: Grundlage für die Weiterleitung einer Vorladung ist ein Hinweis der Leitung des Unternehmens oder der örtlichen Verwaltung, in der der betreffende „Kandidat“ arbeitet. Damit liegt die Auswahl nicht ausschließlich bei militärischen Stellen. Auch betriebliche und lokale Behörden können Beschäftigte für die Maßnahme benennen.
Diese Konstruktion erweitert den Spielraum für die Verantwortlichen erheblich. Ein Signal aus dem Betrieb oder von der lokalen Verwaltung kann dazu führen, dass ein Beschäftigter zu den Übungen geschickt wird, obwohl die Maßnahme ursprünglich gegen ineffektive oder undiszipliniert arbeitende Agrarbeschäftigte gerichtet war. Die Einberufung wird so zu einem Instrument, das von den Institutionen am Arbeitsplatz ausgelöst werden kann, während sie nach außen als reguläre militärische Vorladung erscheint.
Für den betroffenen Beschäftigten bedeutet das: Die Entscheidung über seine Abwesenheit wird nicht allein anhand einer militärischen Notwendigkeit sichtbar, sondern kann durch eine Meldung aus dem Verwaltungs- oder Betriebsapparat eingeleitet werden. Im Fall Klimowitsch führt dieser Mechanismus dazu, dass ein nachweislich erfolgreicher Mähdrescherfahrer der Ernte entzogen und zu militärischen Übungen geschickt wird.
Menschenrechtler sehen eine Umkehrung des Zwecks
Menschenrechtler kritisieren die Praxis wegen der weitreichenden Möglichkeiten für Missbrauch. Nach ihrer Einschätzung werden militärische Übungen dadurch als Instrument zur „Umerziehung“ oder Bestrafung von Beschäftigten eingesetzt. Der Charakter der Übungen werde auf diese Weise verdrängt; an die Stelle militärischer Ausbildung trete eine Form von Zwangsarbeit.
Diese Bewertung knüpft unmittelbar an die formale Organisation der Einberufungen an. Wenn ein Hinweis von Unternehmensleitungen oder lokalen Verwaltungen genügt, um den Prozess in Gang zu setzen, können die Übungen als Disziplinierungsmaßnahme innerhalb des Agrarsektors genutzt werden. Die gewöhnliche Vorladung verleiht diesem Vorgehen den Anschein eines normalen Einberufungsverfahrens, obwohl der Anlass aus der Bewertung der Arbeitsleistung oder des Verhaltens im Betrieb hervorgehen kann.
Die Folgen tragen dabei die Beschäftigten und die landwirtschaftlichen Betriebe. Der einberufene Arbeiter fehlt während der Übungen an seinem Arbeitsplatz; der Betrieb verliert zugleich einen erfahrenen und produktiven Mitarbeiter. Besonders widersprüchlich wird das dort, wo die politische Führung die Erfüllung von Ernteplänen priorisiert und zugleich genau jene Arbeitskräfte abzieht, die zur Erreichung dieser Ziele beitragen.
Der Fall Klimowitsch legt den Mechanismus offen
Die Einberufung des Mähdrescherfahrers macht deshalb den zentralen Widerspruch der Initiative sichtbar. Lukaschenko begründete die Maßnahme mit der Absicht, ineffektive oder undiszipliniert arbeitende Agrarbeschäftigte sowie erfolglose Führungskräfte zu den Übungen zu schicken. Die Auswahl eines Beschäftigten, der zuvor durch ein Spitzenresultat und vorbildliche Arbeit aufgefallen war, unterläuft diese Begründung in der Praxis.
Gleichzeitig zeigt der Fall, dass der Mechanismus nicht bei der erklärten Zielgruppe endet. Entscheidend ist nicht nur, welche Leistung ein Beschäftigter während der Ernte erbracht hat, sondern auch, ob sein Name durch einen Betrieb oder eine lokale Verwaltung weitergegeben wird. Die militärische Vorladung wird damit zum sichtbaren Endpunkt einer Auswahl, die im administrativen Umfeld des Arbeitsplatzes beginnt.
Für die Beschäftigten im Agrarsektor entsteht daraus ein widersprüchlicher Anreiz: Der Staat verlangt hohe Ergebnisse, kann aber auch einen der erfolgreichsten Arbeiter ohne erkennbare Übereinstimmung mit dem angekündigten Auswahlkriterium zu militärischen Übungen schicken. Das schwächt die Motivation leistungsstarker und ausgebildeter Kräfte und zeigt, dass die Erfüllung von Plänen über wirtschaftliche Zweckmäßigkeit und über die naheliegende Unterscheidung zwischen schlechter und guter Arbeit gestellt wird.
Alexej Klimowitsch bleibt damit der konkrete Beleg für die Abweichung zwischen Ankündigung und Umsetzung. Der Mähdrescherfahrer, der im Rajon Tscherven als Erster die Marke von tausend Tonnen Getreide erreicht hatte, wurde trotz dieser dokumentierten Spitzenleistung zu den militärischen Übungen geschickt. Die von Lukaschenko als Maßnahme gegen Ineffektivität präsentierte Praxis trifft damit nachweislich auch einen der produktivsten Beschäftigten der Region.