Berlin warnt: Russland setzt organisierte Kriminalität für Anschläge in Europa ein
Berlin warnt: Russland setzt organisierte Kriminalität für Anschläge in Europa ein

Berlin warnt: Russland setzt organisierte Kriminalität für Anschläge in Europa ein

Mai 12, 2026
2 min. lesezeit

Die Bundesregierung sieht in der zunehmenden Zusammenarbeit russischer Geheimdienste mit kriminellen Netzwerken eine wachsende Gefahr für die nationale Sicherheit Deutschlands und anderer europäischer Staaten. Wie aus der Antwort des Bundesinnenministeriums auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen hervorgeht (Spiegel berichtete), setzt Moskau vermehrt auf die sogenannte russisch-eurasische organisierte Kriminalität (REOK), um Sabotageakte und gezielte Tötungen in Europa durchzuführen. Die Regierung in Berlin stellt fest, dass russische Behörden die Aktivitäten dieser Gruppen dulden, im Gegenzug für deren Bereitschaft, bei Bedarf mit Sicherheits- und Spezialdiensten zu kooperieren.

Neue Dimension hybrider Kriegsführung

Die Einbindung von Organisierter Kriminalität markiert eine neue Eskalationsstufe in Russlands hybrider Kriegsführung gegen den Westen. Nach Erkenntnissen deutscher Sicherheitsbehörden ermöglicht diese Strategie Moskau, die Verantwortung für Anschläge formal abzustreiten und auf kriminelle Strukturen abzuwälzen. Die Antwort des Ministeriums betont, dass die Tolerierung von REOK durch den russischen Staat als Tauschgeschäft zu verstehen sei: Politische Protektion und Ressourcen fließen von oben, während kriminelle Organisationen im Gegenzug „schmutzige Operationen“ für die Geheimdienste übernehmen.

Bereits seit 2023–2024 greife Russland verstärkt auf sogenannte Einwegagenten zurück – Personen, die über das Internet angeworben werden, meist ohne fachliche Ausbildung und ohne Kenntnis der gesamten Operationsdetails. Diese Niedrigrisiko-Akteure erschweren die Früherkennung durch europäische Dienste erheblich, da sie unberechenbar handeln und keine typischen Profile professioneller Spione aufweisen.

Bilanz hybrider Attacken seit 2022

Seit Beginn des groß angelegten Angriffskriegs gegen die Ukraine im Februar 2022 hat Russland seine hybriden Aktivitäten in Europa massiv intensiviert. Laut europäischen Geheimdiensten und Thinktanks wurden von Februar 2022 bis Februar 2026 insgesamt 151 nachgewiesene Sabotageakte, Brandstiftungen, Sprengstoffversuche und andere hybride Angriffe mit russischer Beteiligung registriert. Hauptziel Moskaus ist es, die militärische Unterstützung für die Ukraine zu untergraben und in europäischen Gesellschaften Angst und Chaos zu stiften.

Konkrete Beispiele zeigen das breite Spektrum der Operationen: 2024 brannte in London ein Lagerhaus einer Firma, die Hilfsgüter für die Ukraine bereitstellte. In Breslau und Danzig wurden Gruppen festgenommen, die Brandanschläge auf Einkaufszentren und Fabriken planten. Im Sommer 2024 organisierten russische Dienste den Versand von Paketen mit Brandsätzen, die in DHL-Logistikzentren in Leipzig und Birmingham Feuer fingen. Hinter dieser Aktion steckte laut Sicherheitskreisen ein Testlauf für die Möglichkeit, Brandvorrichtungen an Bord von Fracht- oder Passagierflugzeugen zu zünden – mit Zielen in den USA und Kanada.

„Grauzonenkrieg“ und gesellschaftliche Destabilisierung

Die Attacken bewegen sich bewusst unterhalb der Schwelle eines offiziellen militärischen Konflikts. Brandstiftungen, Sabotage an Transportwegen, Logistikstörungen und Auftragsmorde erlauben es Russland, die Lage zu destabilisieren, ohne einen Krieg zu erklären. Für Deutschland und andere europäische Länder liegt die Gefahr darin, dass traditionelle Abschreckungsmechanismen auf diese Form der hybriden Aggression oft nicht ausgelegt sind.

Die hybride Kriegsführung Moskaus zielt darauf ab, demokratische Gesellschaften zu verunsichern und das Vertrauen in staatliche Institutionen zu unterhöhlen. Sabotageakte schüren Angst, Misstrauen und das Gefühl staatlicher Ohnmacht. Auf lange Sicht könnte dies die öffentliche Unterstützung für die Ukraine schwächen und jenen politischen Kräften in Europa Auftrieb geben, die eine Beschwichtigungspolitik gegenüber Russland befürworten.

Risiko unkontrollierter Gewalteskalation

Der massive Einsatz ungeschulter Einwegagenten birgt ein zusätzliches Risiko: Menschen ohne professionelle Vorbereitung können Brandstiftungen, Explosionen oder Angriffe mit unkalkulierbaren Folgen für die Zivilbevölkerung durchführen. Die Wahrscheinlichkeit von versehentlichen Todesopfern oder großflächigen Schäden steigt selbst dort, wo ursprünglich nur eine „begrenzte“ Sabotage geplant war. Die Bundesregierung betont in ihrer Antwort die Notwendigkeit, die Befugnisse der Sicherheitsbehörden zu erweitern, insbesondere des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV), um gegen die mit Moskau verbundenen kriminellen Netzwerke effektiver vorgehen zu können.

Ausblick: Mehr Befugnisse für den Verfassungsschutz

Als Konsequenz aus der neuen Bedrohungslage fordern Experten und Politiker, die rechtlichen Instrumente der Spionageabwehr zu verschärfen. Deutschland und andere europäische Staaten müssten ihre Kontroll- und Ermittlungsbefugnisse gegenüber Organisierter Kriminalität ausbauen. Der Antwort des Ministeriums zufolge prüft die Bundesregierung, dem BfV zusätzliche Kompetenzen im Kampf gegen die REOK zu übertragen. Damit soll verhindert werden, dass Russland die Lücke zwischen klassischer Kriminalität und staatlicher Sabotage weiter ausnutzen kann.

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