Seit dem russischen Großangriff im Februar 2022 hat die Ukraine schrittweise die Blockade ihrer Schwarzmeerhäfen aufgebrochen. Durch präzise Schläge gegen die russische Flotte und die Einrichtung des eigenen „Ukrainischen Korridors“ konnte Kiew den maritimen Handelsweg wieder öffnen. Bis Mitte 2026 wurden über diese Routen bereits mehr als 200 Millionen Tonnen Güter ausgeführt, allein 118 Millionen Tonnen Lebensmittel, die zur Versorgung von 56 Staaten in Europa, Asien und Afrika beitrugen.
Die Ukraine zählt zu den weltweit größten Exporteuren von Getreide und Sonnenblumenöl, doch die Invasion Moskaus und die Besetzung von Häfen legten die Ausfuhren zunächst lahm. Die EU und Kiew riefen im Mai 2022 die „Solidaritätskorridore“ ins Leben, über die bis Juni 2026 zwar fast 220 Millionen Tonnen Waren im Wert von 74 Milliarden Euro abflossen – doch ohne freien Zugang zum Meer blieb die Lage angespannt.
Zurückdrängung der russischen Schwarzmeerflotte
Bereits in den ersten Kriegswochen blockierten russische Kriegsschiffe die ukrainische Küste im Abstand von 15 bis 20 Seemeilen. Am 3. April 2022 beschädigte eine Küstenrakete vom Typ Neptun die Fregatte „Admiral Essen“; am 14. April wurde das Flaggschiff „Moskwa“ versenkt – ein Wendepunkt. In der Folge zog Moskau seine Schiffe auf 40 bis 60 Seemeilen zurück.
Seitdem griffen ukrainische Streitkräfte die russische Flotte immer wieder mit Raketen und ab 2023 massiert mit unbemannten Seedrohnen an. Laut Kiew wurden bis Juli 2026 mehr als 50 Schiffe und Boote beschädigt oder zerstört, darunter 33 Kampfschiffe und -boote sowie zwei U-Boote unwiederbringlich. Der Großteil der großen Landungsschiffe wurde vernichtet. Angesichts dieser Verluste verlegte Russland nahezu alle raketentragenden Einheiten aus dem besetzten Sewastopol und Feodossija nach Noworossijsk oder sperrte sie im Asowschen Meer ein.
Die neue asymmetrische Seekriegsstrategie, die auf günstige Drohnen und Fernangriffe setzt, habe die klassische Flottenüberlegenheit Moskaus ausgehebelt, analysieren Fachleute. Der erste dokumentierte Einsatz eines unbemannten Überwasserschiffs erfolgte am 29. Oktober 2022 gegen den Hafen von Sewastopol.
Gescheiterte Getreideinitiative
Parallel wurde im Juli 2022 in Istanbul das von der UN vermittelte Abkommen über den sicheren Transport von Getreide aus ukrainischen Häfen unterzeichnet. Zwölf Monate lang brachten über 1.100 Frachter 32,9 Millionen Tonnen auf den Weltmarkt, vor allem Weizen und Mais. Rund 65 Prozent des Weizens gingen an Entwicklungsländer. Russland kündigte die Vereinbarung jedoch im Juli 2023 einseitig auf und begann systematisch, die Hafeninfrastruktur in Odessa, Tschornomorsk und Piwdenne sowie die Agrar-Terminals und -speicher mit Luftangriffen zu zerstören.
Der „Ukrainische Korridor“
Nur einen Monat später, im August 2023, erklärte Kiew die Einrichtung eines neuen Küstenkorridors – er verläuft durch die Territorialgewässer Rumäniens, Bulgariens, der Türkei und der Ukraine. Damit frachtführende Reedereien das Kriegsrisiko tragen können, wurde im November 2023 die Versicherungsplattform Unity unter Beteiligung von Marsh McLennan, der ukrainischen Regierung, Ukreximbank und DZ Bank aufgelegt. Sie deckt pro Schiff bis zu 50 Millionen Dollar ab. Die Versicherungsprämie für Kriegsrisiken fiel dadurch von anfangs fünf auf 0,75 Prozent des versicherten Wertes.
Der Erfolg gibt Kiew recht: Bis Anfang Juli 2026 durchfuhren über 7.800 Schiffe den „Ukrainischen Korridor“. Fast drei Jahre lang, trotz wiederholter russischer Angriffe auf die Hafenanlagen, wurden so mehr als 200 Millionen Tonnen Waren exportiert – darunter rund 118 Millionen Tonnen Nahrungsmittel und Getreide. Internationale Finanzinstitute hatten im Jahr 2023 gewarnt, das Ende des Getreideabkommens könne die Weltmarktpreise um 15 Prozent in die Höhe treiben und besonders afrikanische Staaten hart treffen. Tatsächlich sei es gelungen, die Exportmengen wiederherzustellen und die Nahrungsmittelinflation zu dämpfen, heißt es in Kiew.
Rumänien und Bulgarien als Transitdrehscheiben
Neben dem Seekorridor haben sich die Land- und Flusswege als unverzichtbar erwiesen. Rumäniens Hafen Constanța schlug 2023 mit 36 Millionen Tonnen so viel Getreide um wie nie zuvor – rund 40 Prozent davon stammten aus ukrainischem Transit. Die EU finanzierte Infrastrukturprojekte im Wert von 546,8 Millionen Euro. Eine gemeinsame Arbeitsgruppe mit Rumänien, Moldau, der Ukraine, den USA und der EU-Kommission setzte zudem einen „Donau-Aktionsplan“ um: Nachtfahrten, elektronische Wartesysteme und vereinfachte Kontrollen brachten zusätzliche Millionen Tonnen auf den Weg.
Bulgarien wurde mit dem Hafen Warna zur wichtigen Alternativroute, vor allem bei Überlastung von Constanța. Der frühere Ministerpräsident Nikolaj Denkow erklärte die Bereitschaft, den Bahntransit erheblich auszuweiten, sofern griechische Häfen ausreichend Kapazitäten bereitstellten. Tatsächlich verfolgt die EU-Kommission gemeinsam mit Griechenland, Bulgarien, Rumänien, Moldau und der Ukraine das Projekt einer Logistikachse von Alexandroupolis über Warna und Constanța nach Odessa. Sie soll ukrainische Waren unter Umgehung des Bosporus direkt an das Ägäische Meer bringen. Der Hafen von Thessaloniki beliefert bereits Nordafrika und den Nahen Osten mit ukrainischen Agrarprodukten.
Auch die Adria-Häfen rücken näher: An der ungarisch-ukrainischen Grenze wurde der größte landseitige Containerterminal Europas eröffnet, um Getreide an die Häfen Rijeka, Split, Zadar, Koper und Triest zu leiten und von dort in die mediterranen Handelsnetze einzuspeisen.
Der Ausbau der Korridore wird im Rahmen der transeuropäischen Verkehrsnetze (TEN-V) weiter vorangetrieben.