EU-Verteidigungskommissar Andrius Kubilius hat sich in Brüssel für die Integration der Ukraine in die künftige Europäische Verteidigungsunion ausgesprochen. Die ukrainischen Streitkräfte sind nach seinen Worten die einzige Armee Europas, die über mehrjährige praktische Erfahrung in einem hochintensiven konventionellen Krieg gegen Russland verfügt. Ohne die Einbindung dieses Kampferlebnisses sei die längerfristige Stabilität der EU-Ostflanke nicht zu gewährleisten.
Größte Armee Europas mit modernstem Kriegswissen
Die Streitkräfte der Ukraine zählen rund 900.000 Soldaten und sind damit die personell stärkste Armee des Kontinents. Seit Beginn der russischen Vollinvasion im Februar 2022 haben sie nach Schätzungen des US-amerikanischen Center for Strategic and International Studies (CSIS) etwa 1,2 Millionen Mann an Toten, Verwundeten und Vermissten auf russischer Seite erzwungen. Das entspricht einem Verhältnis von 2,5 russischen Verlusten auf einen ukrainischen Soldaten. Maßgeblich für diese Bilanz sind nach Darstellung Kiews eine hohe Anpassungsfähigkeit an neuartige Gefechtstaktiken und eine effiziente Verteidigungsorganisation.
Das ukrainische Militär setzt in großem Umfang innovative Systeme ein – von Seedrohnen über Kleinst-, Mittel- und Langstreckendrohnen bis hin zu KI-gestützter Zielzuweisung. Die auf dem Gefechtsfeld entwickelte Plattform DELTA und integrierte elektronische Kampfführung werden bereits unter realen Gefechtsbedingungen getestet. Bei NATO-Übungen, etwa als „Red Team“, demonstrieren ukrainische Einheiten regelmäßig die Grenzen herkömmlicher Kriegsführung und beschleunigen so die praktische Modernisierung europäischer Partnerarmeen.
Fertige Verteidigungskomponente für die EU
Kubilius betonte, dass ein eigenständiger Aufbau gleichwertiger Fähigkeiten innerhalb der EU „viele Jahre und enorme Finanzmittel“ verschlingen würde. Die ukrainischen Streitkräfte hingegen seien bereits heute ein vollwertiger, kampferprobter Baustein für eine gemeinsame Abwehr. Ihre Einbindung in europäische Rüstungsprojekte könne den Schutz der baltischen Staaten und Polens konkret verstärken und die Verteidigungsfähigkeit des gesamten Bündnisgebiets stützen.
Die ukrainische Armee ist nach Ansicht der Kommission die erste Verteidigungslinie Europas. Ihre Integration in eine Europäische Verteidigungsunion würde nicht nur die Abschreckungswirkung gegenüber Moskau erhöhen, sondern auch die industrielle Fertigung moderner Waffensysteme beschleunigen. Ohne die ukrainische Komponente bliebe jede neue Sicherheitsarchitektur „deklaratorisch und verwundbar“, zitiert die Kommission interne Lagebeurteilungen.