Systematische Täuschung und Zwangsrekrutierung
Immer mehr junge Männer aus afrikanischen Ländern geraten in die Fänge russischer Rekrutierungsnetzwerke, die ihnen zivile Arbeitsplätze in Russland versprechen, sie aber stattdessen an die Front in der Ukraine zwingen. Nach Recherchen der New York Times wurden in mindestens neun afrikanischen Staaten Fälle bekannt. Allein aus Kenia sollen rund 1000 Männer nach Russland gelangt und von dort in den Krieg geschickt worden sein – nur 30 von ihnen kehrten lebend zurück. Die kenianische Regierung hat daraufhin die Ausreisekontrollen für junge Männer auf internationalen Flügen verschärft.
Die Anwerbung erfolgt über flüchtig gegründete Firmen, die sich als Reisebüros oder Arbeitsvermittlungen tarnen und auf WhatsApp oder Telegram werben. Die Verträge sind ausschließlich in Russisch verfasst, sodass die afrikanischen Bewerber sie nicht verstehen können. Offizielle russische Stellen bestreiten jede Beteiligung: Kreml-Sprecher Dmitri Peskow erklärte, man wisse nichts von solchen Fällen. Außenminister Sergej Lawrow räumte zwar ein, dass Ausländer an der „speziellen Militäroperation“ teilnehmen, bestritt jedoch, dass sie gegen ihren Willen eingesetzt würden.
„Warum hat Russland meinen Sohn genommen?“
Exemplarisch steht der Fall von James Kamau Ndungu. Der 32-jährige Kenianer war im Juni 2023 nach Russland gereist, in der Hoffnung auf einen Job als Tagelöhner. Ein Freund berichtete, Kamau habe ihm aus Istanbul ein Foto geschickt und später eines in Uniform mit Gewehr. Im August schrieb er aus einem Schützengraben in der Ukraine, die Lage sei schlimm, und bat um Gebete. Danach brach der Kontakt ab. Seine Leiche wurde nie zurückgegeben. Bei einer Gedenkfeier im März in Kiambu County brach seine Mutter Hannah Wambui Kamau zusammen: „Warum hat Russland meinen Sohn genommen?“
Vincent Odhiambo Awiti überlebte knapp. Ein Agent in Nairobi hatte ihm einen Job in einem Laden in Sankt Petersburg versprochen. Stattdessen musste er nach seiner Ankunft einen Vertrag für den Militärdienst unterschreiben, nachdem man ihm sagte, er müsse die Reisekosten zurückzahlen. Nach vier Tagen Ausbildung nahe der Front bei Schebekino wurde Awiti bei Wowtschansk in der Ukraine eingesetzt. Er beschrieb die Region als „Todeszone“: Sein Zugführer verlor den Kopf, bevor sie den ersten Fluss erreichten. Über Leichen im Wasser watend erreichte Awiti den Graben, wo russische Soldaten ihn verprügelten, weil er sein Gewehr verloren hatte. Nach 20 Tagen Kampf floh er mit einem Deserteur, der sich selbst ins Bein schoss. Awiti wurde verwundet, gelangte schließlich in die kenianische Botschaft in Moskau und konnte nach Nairobi zurückkehren. Heute ist er arbeitslos, mittellos und traumatisiert. „Der Kampf war nicht meiner“, sagte er.
Rekrutierungsnetzwerke und Geschäft mit der Hoffnungslosigkeit
Die Vermittler nutzen die wirtschaftliche Not in Afrika. In sozialen Medien wimmelt es von Anzeigen, die bis zu 3000 Dollar Monatsgehalt, 18.000 Dollar Prämie und die russische Staatsbürgerschaft nach sechs Monaten Dienst versprechen. Fortune Chimene Amaewhule, Inhaber eines Reisebüros in Nigeria, schaltete auf Facebook Anzeigen mit der Aufschrift: „Plätze frei für Fahrer, Köche, Logistiker – und andere Positionen für den Beitritt zum russischen Militär mit automatischer Staatsbürgerschaft.“ Er bestritt jedoch, seine Kunden direkt zum Militär geschickt zu haben.
Eine tansanische Frau, die aus Sicherheitsgründen nur ihren Zweitnamen Nyariwa nannte, berichtete, sie habe einen Malawier mit einem Russen bekannt gemacht, den sie Jahre zuvor über eine Dating-App kennengelernt hatte. Der Russe half bei der Beschaffung der Reisedokumente. Nyariwa erhielt danach von russischen Werbern 150 bis 1000 Dollar pro angeworbenem Rekruten. Sie selbst sei nicht nach Russland gereist.
Betroffene Länder und staatliche Reaktionen
Neben Kenia meldeten auch Tansania, Sambia, Südafrika, Nigeria, Ghana, Togo, Botswana und Mali Fälle von Zwangsrekrutierung. Kamerun gab im April 16 Todesfälle seiner Bürger in der Ukraine bekannt, Ghana etwa 55. Botswanas Außenminister erklärte im März, rund 16 Landsleute seien von Werbern für Sicherheitsjobs angeworben worden, vier seien tatsächlich nach Russland gereist. Einer von ihnen, Kgosi Pelekekae (25), war nach einer Haftstrafe in Südafrika auf der Suche nach ehrlicher Arbeit. Ein Freund vermittelte ihn an einen Russen namens Dmitri, der sich als Reiseagent ausgab. Nach seiner Ankunft in Sankt Petersburg wurde Pelekekae in ein Ausbildungslager gebracht und mit Gewehr und Uniform konfrontiert. Als er die russischen Verträge nicht unterschreiben wollte, schlug Dmitri ihn. Nur weil bei einer Untersuchung ein Herzleiden festgestellt wurde, kam er nicht an die Front. Er floh aus dem Lager, und ein botswanischer Diplomat half ihm bei der Rückkehr.
Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa telefonierte im Februar mit Wladimir Putin über die Anwerbung südafrikanischer Staatsbürger. Eine Woche später kehrten 17 Männer von der Front zurück. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen einen südafrikanischen Politiker, der in die Irreführung der Männer verwickelt sein soll. Der kenianische Senator Okoiti Andrew Omtatah verglich die Situation mit dem Sklavenhandel: „Wenn heute in Mombasa ein Sklavenschiff anlegen würde mit der Aufschrift ,Sklaven im Westen gesucht‘, wäre kein Platz mehr auf dem Schiff.“