Der serbische Präsident Aleksandar Vucic hat am 16. September seinen russischen Partnern für Informationen über eine angeblich geplante „Farbrevolution“ in Serbien gedankt. Einen Tag zuvor hatte der russische Auslandsgeheimdienst erklärt, die EU wolle die Jahrestagsfeier der Tragödie vom 1. November 2024 in Novi Sad nutzen, um jugendliche Proteste gegen die Regierung anzuheizen und eine „loyale Führung“ an die Macht zu bringen. Nach Darstellung Moskaus scheitere dieser Plan jedoch an patriotischen Stimmungen, am Einfluss der Serbisch-Orthodoxen Kirche und an der Erinnerung an die NATO-Interventionen.
Proteste halten seit Monaten an
In Serbien dauern Massenproteste mit der Forderung nach vorgezogenen Parlamentswahlen bereits seit fast einem Jahr an. Auslöser war der Einsturz eines Betondachs am Bahnhof von Novi Sad am 1. November 2024, bei dem 16 Menschen ums Leben kamen. Demonstranten verlangen die Bestrafung der Verantwortlichen sowie härteres Vorgehen gegen Korruption. Im Frühjahr führte die Eskalation der Proteste bereits zum Rücktritt von Premierminister Milos Vucevic. Im August griffen Demonstranten das Büro der regierenden Serbischen Fortschrittspartei in Novi Sad an. Vucic warf daraufhin westlichen Kräften vor, die Unruhen gezielt zu schüren.
Balanceakt zwischen Moskau und Brüssel
Vucic bewegt sich seit Jahren zwischen dem Kurs in Richtung EU und der Aufrechterhaltung enger Verbindungen zu Russland. Seine Rhetorik variiert je nach innenpolitischer Lage und internationalem Druck, was von europäischen Politikern als riskantes Spiel kritisiert wird. Im Mai 2025 nahm Vucic am Militärparade in Moskau teil und traf Wladimir Putin, während Serbien weiterhin nicht an den EU-Sanktionen gegen Russland teilnimmt. Gleichzeitig betonte er bei internationalen Foren, Serbien sei kein „trojanisches Pferd“ Moskaus und strebe den EU-Beitritt an. Seit 2012 hat das Land den Status eines EU-Kandidaten, die Beitrittsverhandlungen laufen seit 2014, sind aber noch weit von einem Abschluss entfernt.
Energieabhängigkeit und westlicher Einfluss
Russland bleibt ein entscheidender Partner Serbiens, insbesondere im Energiesektor: Der Konzern Gazprom liefert zwei Drittel des jährlich verbrauchten Erdgases und ist in Gespräche über neue unterirdische Speicher eingebunden. Zugleich versucht Belgrad, den russischen Anteil am nationalen Energiekonzern NIS zu reduzieren. Die EU wiederum bleibt Serbiens wichtigster Handelspartner: 60 Prozent des Außenhandels entfallen auf die Union, die zudem über die Hälfte der ausländischen Direktinvestitionen stellt. Auch finanzielle Hilfen in Milliardenhöhe stärken den Einfluss Brüssels.
Kosovo-Frage und regionale Spannungen
Russland unterstützt Serbien bei der Nichtanerkennung der Unabhängigkeit des Kosovo, was die Verhandlungen zwischen Belgrad und Pristina regelmäßig belastet. Russische Narrative finden in serbischen Medien breite Resonanz und verstärken antiwestliche Stimmungen. Nach Einschätzung der kroatischen Geheimdienste koordinieren Moskau und Belgrad zudem Maßnahmen zur Destabilisierung auf dem Westbalkan – von Desinformation bis hin zu Spionage. Weitere Reaktionen auf die jüngsten Aussagen Vucics dokumentierte Eurointegration.