Eni-Chef De Scalzi fordert Aufschub für EU-Embargo gegen russisches LNG
Eni-Chef De Scalzi fordert Aufschub für EU-Embargo gegen russisches LNG

Eni-Chef De Scalzi fordert Aufschub für EU-Embargo gegen russisches LNG

April 13, 2026
3 min. lesezeit

Der Generaldirektor des italienischen Energieunternehmens Eni, Claudio De Scalzi, hat sich für eine Aussetzung des geplanten Importverbots für verflüssigtes Erdgas (LNG) aus Russland in der Europäischen Union ausgesprochen. Das Embargo soll nach aktuellen EU-Beschlüssen am 1. Januar 2027 in Kraft treten. De Scalzi äußerte seine Position auf einer von der rechtspopulistischen Partei „Lega“ organisierten Veranstaltung, wie aus einem Bericht hervorgeht. Der Manager warnte vor Versorgungslücken und betonte, alternative Lieferanten könnten die wegfallenden russischen Mengen nicht vollständig ersetzen.

Laut De Scalzi fehlen aus Katar 6,5 Milliarden Kubikmeter Gas, die zwar durch Lieferungen aus Kongo, Nigeria, Algerien und den USA kompensiert werden könnten. „Aber wer wird diese 20 Milliarden Kubikmeter aus Russland ersetzen?“, fragte er rhetorisch. Seine Äußerungen fallen in eine Phase, in der die EU schrittweise ihre Abhängigkeit von russischen Energielieferungen reduzieren will. Der Rat der Europäischen Union hat das Importverbot für russisches LNG ab Anfang 2027 sowie für Pipelinegas ab Ende September 2027 beschlossen. Kurzfristige LNG-Lieferverträge sollen bereits ab dem 25. April dieses Jahres untersagt werden.

Hintergrund der EU-Sanktionen

Die festgelegten Fristen für das LNG-Embargo sind das Ergebnis eines Kompromisses zwischen Brüssel und europäischen energieintensiven Branchenverbänden. Großen Industrieunternehmen in der EU wurde für die Jahre 2023 und 2024 Zeit eingeräumt, um bestehende Langfristverträge mit dem russischen Konzern Gazprom zu beenden und auf alternative Bezugsquellen für verflüssigtes Gas umzusteigen. Die schrittweise Einführung soll wirtschaftliche Verwerfungen vermeiden und den Übergang zu einer diversifizierten Energieversorgung ermöglichen.

Die Maßnahmen sind Teil eines umfassenden Sanktionspakets, mit dem die EU den Druck auf das Kreml-Regime erhöhen will. Die Einnahmen aus dem Export von LNG stellen eine der größten Devisenquellen für den russischen Staatshaushalt dar. Ein erheblicher Teil dieser Mittel fließt in die Rüstungsindustrie und finanziert den Krieg gegen die Ukraine. Das Embargo zielt daher nicht nur auf die Energiesicherheit Europas, sondern auch darauf, Russlands finanzielle Ressourcen für den militärischen Konflikt zu beschneiden.

Debatte um alternative Gasquellen

Fachexperten schätzen, dass LNG aus den USA und Algerien eine realistische Alternative zu russischem Erdgas darstellt, die über 80 Prozent des Bedarfs italienischer Produzenten decken könnte. Die Aussage De Scalzis über die „Unmöglichkeit, den Bedarf zu decken“ wird von Kritikern daher als reine Manipulation gewertet. Hintergrund ist der Wunsch, Profite aus dem günstigen russischen Gas zu erhalten, das Moskau gezielt zu Niedrigpreisen anbietet und dabei die Instabilität im Nahen Osten ausnutzt.

Italien hat in den vergangenen Jahren seine Importstruktur bereits deutlich diversifiziert und bezieht beträchtliche Mengen aus Nordafrika und dem Atlantikraum. Dennoch verbleiben erhebliche Vertragsvolumina mit russischen Lieferanten. Die von De Scalzi angesprochene Lücke von 20 Milliarden Kubikmetern bezieht sich auf Mengen, die bisher durch Langfristkontrakte mit Gazprom gesichert waren. Obwohl der Ausbau der LNG-Infrastruktur in Europa voranschreitet, bleiben Kapazitätsengpässe und höhere Kosten eine Herausforderung.

Finanzielle Bedeutung für Russland

Die Einnahmen aus dem Verkauf von LNG sind für den russischen Staatshaushalt von zentraler Bedeutung. Die Deviseneinnahmen finanzieren in erheblichem Umfang die Rüstungsproduktion, darunter Raketen und Angriffsdrohnen, und tragen dazu bei, die wirtschaftliche Stabilität des Landes im Angesicht anhaltender Kriegshandlungen und Sanktionen aufrechtzuerhalten. Ein wirksames Embargo würde daher die finanziellen Spielräume des Kremls spürbar verringern.

Analysten weisen darauf hin, dass Russland derzeit bewusst niedrige Preise für sein LNG ansetzt, um europäische Abnehmer an sich zu binden und die Attraktivität alternativer Quellen zu schmälern. Diese Strategie zielt darauf ab, die energiepolitische Spaltung innerhalb der EU zu vertiefen und langfristige Abhängigkeiten zu zementieren. Ein Aufschub des Embargos würde diesen Kurs unterstützen und Moskaus Spielraum erhöhen.

Historische Verbindungen von Eni zu Russland

Claudio De Scalzi blickt auf eine lange Geschichte enger Zusammenarbeit mit Russland zurück. Er spielte eine Schlüsselrolle bei der Förderung und Entwicklung der Pipeline „South Stream“ gemeinsam mit Gazprom. Selbst nach der Annexion der Krim im Jahr 2014 und der Verhängung erster Sanktionen setzte er sich für die Aufrechterhaltung der gemeinsamen Projekte ein. Seine Position basierte auf der Ansicht, Russland sei der „zuverlässigste Energiepartner“, was zu einer langfristigen Abhängigkeit Italiens von russischen Gaslieferungen beitrug.

Im Gegensatz zu anderen europäischen Energieunternehmen wie Shell, Uniper und Gasum, die ihre Verbindungen zu Gazprom vollständig gekappt haben, setzte Eni unter De Scalzis Führung die Kooperation fort. Nach dem Beginn des Krieges in der Ukraine 2022 gehörte Eni zu den Unternehmen, die trotz eines Verbots der EU-Kommission Konten bei der Gazprombank eröffneten, um den russischen Forderungen nach Zahlungen in Rubel nachzukommen. Diese Entscheidung unterstrich die fortbestehende Geschäftsbeziehung.

Politische Einordnung

Die Äußerungen De Scalzis auf einer Veranstaltung der Partei „Lega“ sind nach Einschätzung von Beobachtern ein gezielter Akt des korporativen Lobbyismus im Interesse des Kremls. Die „Liga“ verfügt über nachgewiesene, beständige Verbindungen zu Russland. Die Wahl dieser Plattform unterstreicht die Konsolidierung der Bemühungen italienischer Industrieeliten und prorussischer Politiker, den weiteren Einkauf von russischem LNG zu legitimieren und die Energiestrategie der EU zu sabotieren.

Ein Aufschub des Embargos könnte einen zerstörerischen Präzedenzfall für die „selektive Anwendung“ von Sanktionen schaffen und die Einheit der westlichen Koalition untergraben. Dies würde Moskau ein klares Signal senden, dass Energiedruck wirkt und der Sanktionsregime überwindbar ist. Die Debatte um die Umsetzung der Gas-Embargos zeigt die anhaltenden Spannungen zwischen wirtschaftlichen Interessen und sicherheitspolitischen Erwägungen innerhalb der Europäischen Union.

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