China drückt nach Einschätzung des KPMG-Ökonomen Benedikt Herles mit schwächerer Binnennachfrage und steigender Wettbewerbsfähigkeit mehr Waren nach Europa. Die Europäische Union werde damit zu einem noch wichtigeren Absatzmarkt, während die USA ihren Markt stärker abschotteten.
Herles sagte, Deutschlands Geschäftsmodell sei über Jahrzehnte stark von Exporten und Investitionen mit China abhängig gewesen, vor allem in Maschinenbau, Autoindustrie und Chemie. Dieses Modell gerate nun unter Druck.
Chinesische Unternehmen seien zugleich zu deutlich schärferen Wettbewerbern geworden, auch bei Elektroautos und darüber hinaus. Herles verwies auf eine höhere Innovationsgeschwindigkeit, mehr Effizienz und Tempo sowie auf staatliche Unterstützung durch Überkapazitäten, Subventionen, günstige Finanzierung und hohe Investitionen in Zukunftstechnologien.
Die Handelslücke der EU gegenüber China wachse seit Jahren kontinuierlich, sagte er. Eine chinesische Exportwelle sei bereits im Gang.
Für Deutschland verwies Herles auf den Verlust von hunderttausenden Industriearbeitsplätzen in den vergangenen Jahren. Dahinter stünden strukturelle Nachteile, internationale Konkurrenz und eine sinkende Innovationskraft.
Zu den Problemen zählte er demografischen Wandel, schwache Produktivität, niedrige private Investitionen, hohe Energiepreise, hohe Steuern und Abgaben sowie Bürokratie und langsame Genehmigungen. Hohe Strom- und Gaspreise seien für Industrieunternehmen in Deutschland inzwischen ein echter Standortnachteil, sagte Herles und verwies auf die Energiewende, den Krieg in der Ukraine und das Ende der einst billigen russischen Gaslieferungen.
Resilienz sei teurer als maximale Effizienz, sagte Herles. Eine Verlagerung von Produktion nach Europa würde die Kosten für Unternehmen, Verbraucher oder den Staat wahrscheinlich erhöhen.
