In Europa wächst der Druck auf soziale Netzwerke, unabhängige Alternativen zu den dominierenden Plattformen wie Facebook, Instagram und X (ehemals Twitter) zu entwickeln. Besonders vor dem Hintergrund von Falschinformationen, Suchtgefahr und mangelndem Datenschutz, der von den großen Anbietern nur unzureichend adressiert wird, wird die Schaffung neuer, vertrauenswürdiger Plattformen immer relevanter.
Ein Beispiel ist das schwedische Start-up W Social, das kürzlich in die Beta-Phase eingetreten ist. Finanziert von europäischen Investoren, verfolgt es einen anderen Ansatz als die etablierten Netzwerke. Eine Identitätsverifizierung wird hier zur Pflicht gemacht, um der Verbreitung von KI-generierten Bots entgegenzuwirken, ohne jedoch eine Klarnamenpflicht einzuführen. So bleibt es Nutzern möglich, sich unter einem Pseudonym zu registrieren, was die Anonymität schützt.
Zugleich stellt Branchenexperte Markus Beckedahl fest, dass bereits etablierte Netzwerke wie Mastodon und Bluesky this die Vorzüge dezentraler Strukturen bieten. Diese Netzwerke speichern Inhalte nicht auf zentralen Servern, was den Nutzern mehr Kontrolle über ihre Daten gibt. Während Mastodon etwa 750.000 monatliche aktive Nutzer verzeichnet, muss sich Bluesky mit seinen rund 41 Millionen Konten gegen die 600 Millionen Nutzer von X behaupten. Beckedahl sieht die Herausforderung darin, dass Nutzer die neue Plattform annehmen müssen.
Initiativen wie „stiftungen.social“, ein neuer Mastodon-Server unterstützt von mehreren Stiftungen, zielen darauf ab, diese Plattformen mit Inhalten und einer breiteren Nutzerbasis zu füllen. Die Überzeugung, dass Communities durch einen Umstieg auf dezentrale Netzwerke profitieren könnten, ist vorhanden. Dennoch gibt es Bedenken: Viele Nutzer nehmen ihre sozialen Kontakte und Inhalte von einer Plattform zur nächsten mit. Solange große Gemeinschaften an den bestehenden Plattformen festhalten, wird es für Alternativen schwierig sein, sich durchzusetzen.
Die Kommission der Europäischen Union hat sich für einen stärkeren regulativen Rahmen entschieden, um die großen Sozialen Medien an die Kandare zu nehmen. Dennoch bleibt abzuwarten, ob dies zu einer substantiellen Veränderung im Umgang mit Daten, Sicherheit und der Bekämpfung von Falschinformationen führen wird. Die Debatte um die Verantwortung der sozialen Netzwerke und ihrer Betreiber wird durch das Aufkommen neuer, vertrauenswürdiger Alternativen an Brisanz gewinnen.