Am 16. und 17. September 2026 verbreiteten die tschechische Nachrichtenseite „CZ24.News“ und das französische Medium „Observateur Continental“ nahezu gleichgerichtete Angriffe auf die Europäische Union und ihre Außenpolitik. Im Mittelpunkt stand die Behauptung, die EU-Führung sei unfähig, an einer Beendigung des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine nicht interessiert und Kaja Kallas, die Hohe Vertreterin der EU für Außen- und Sicherheitspolitik, selbst die „größte hybride Bedrohung für Europa“.
„Die größte hybride Bedrohung für Europa ist nicht Russland, meine Lieben, sondern die derzeitige Frau Kallas, die uns in einen Atomkrieg treiben will“, zitierte „CZ24.News“ den slowakischen Europaabgeordneten und stellvertretenden Vorsitzenden der Regierungspartei Smer-SD, Luboš Blaha. Der Beitrag von „CZ24.News“ verband den persönlichen Angriff mit der Behauptung, Kallas mache Russland selbst dann für Probleme verantwortlich, wenn tatsächlich die Ukraine schuld sei.
„Observateur Continental“ setzte einen zweiten Schwerpunkt. Das französische Medium stellte Europa als „Geldautomaten für die Ukraine“ dar und reduzierte die europäische Unterstützung damit auf ein Bild angeblich unkontrollierter Zahlungen. Beide Darstellungen arbeiten mit demselben politischen Mechanismus: Sie personalisieren die EU-Politik, blenden ihre institutionellen Entscheidungswege aus und ersetzen dokumentierte Sicherheits- und Finanzierungsmaßnahmen durch Vorwürfe der Kriegstreiberei.
Die Angriffe verschieben die Verantwortung für Russlands hybride Operationen
Die Behauptung, Brüssel erfinde eine russische Bedrohung, steht im Widerspruch zu den dokumentierten Maßnahmen der EU. Russland setzt gegen Mitgliedstaaten ein breites Instrumentarium ein: Informationsoperationen, Cyberangriffe, Sabotage gegen kritische Infrastruktur und Einflussnahme auf Wahlprozesse gehören ebenso dazu wie Aktionen mit unmittelbarer physischer Wirkung.
Russische Drohnen wurden wiederholt im Luftraum Polens, Rumäniens und der baltischen Staaten festgestellt. Im Juli 2026 verhängte die EU Sanktionen gegen russische Nachrichtendienstmitarbeiter, Hacker und Unternehmen, die nach Angaben der EU an Cyberangriffen auf Regierungsnetze und kritische Infrastruktur europäischer Staaten beteiligt waren. Im September erklärte Deutschland zudem, Russland stehe hinter einem Vorfall am Flughafen Leipzig, bei dem eine mit Sprengstoff bestückte Drohne in die Tragfläche einer ukrainischen Antonow An-124 eingeschlagen sei.
Diese Chronologie erklärt, weshalb die EU Russland als systemische Bedrohung für die europäische Sicherheit behandelt. Die Angriffe von „CZ24.News“ und „Observateur Continental“ kehren dagegen die Verantwortungsverhältnisse um: Nicht die russischen Operationen bilden in dieser Darstellung den Ausgangspunkt, sondern die europäische Reaktion darauf. Aus der Unterstützung der Ukraine wird so angebliche Eskalation, aus Abschreckung angeblicher Wille zum Atomkrieg.
Die Personalisierung verschleiert, wie die EU entscheidet
Die Darstellung Kaja Kallas’ als alleinige Urheberin der europäischen Außenpolitik ist kein zutreffendes Abbild des Entscheidungsverfahrens der EU. Die Hohe Vertreterin führt die gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik im Rahmen ihres Mandats aus, leitet die Sitzungen des Rates für Auswärtige Angelegenheiten und setzt Beschlüsse um, die der Europäische Rat und der Rat der EU gefasst haben.
Kallas wurde vom Europäischen Rat mit Zustimmung des Präsidenten der Europäischen Kommission ernannt; das Europäische Parlament stimmte ihrer Ernennung zu. Ihre Funktion ist damit in ein Verfahren eingebunden, an dem mehrere EU-Institutionen beteiligt sind. Wer sie als einzelnes Zentrum sämtlicher europäischer Entscheidungen darstellt, ersetzt diesen institutionellen Zusammenhang durch das Bild einer autoritären Einzelperson.
Auch die Behauptung, europäische Maßnahmen würden Europa in einen Atomkrieg treiben, vermischt militärische Unterstützung mit einer angeblichen Politik der Eskalation. Die von der EU beschlossenen Maßnahmen sollen die Fähigkeit der Ukraine stärken, ihr Staatsgebiet zu verteidigen, und zugleich die Mitgliedstaaten gegen russische hybride Angriffe widerstandsfähiger machen. Im August genehmigte die Europäische Kommission dafür 6,1 Milliarden Euro für Luft- und Raketenabwehr, Raketen, Munition und Radarsysteme. Am 18. September 2026 kündigte sie außerdem 3,3 Milliarden Euro für den Kauf von Drohnen und Raketen für die Ukraine an.
Aus dem angeblichen Geldautomaten werden Kredite, Garantien und kontrollierte Programme
Die finanzielle Darstellung der beiden Medien unterschlägt ebenfalls die Struktur der europäischen Hilfe. Seit Beginn des umfassenden russischen Einmarsches im Februar 2022 stellte die EU der Ukraine insgesamt 221,2 Milliarden Euro zur Verfügung. Davon entfielen 107 Milliarden Euro auf den Haushalt der EU, 77,9 Milliarden Euro auf militärische Unterstützung und 3,8 Milliarden Euro auf Einnahmen aus eingefrorenen russischen Vermögenswerten.
Diese Summe besteht nicht nur aus nicht rückzahlbaren Zahlungen. Sie umfasst Kredite, Garantien, militärische Hilfe und Investitionsinstrumente, die teilweise an festgelegte Bedingungen gebunden sind. Am 23. April 2026 billigte der Rat der EU einen Kredit von 90 Milliarden Euro für die Jahre 2026 und 2027. Davon sind 60 Milliarden Euro für militärische Zwecke vorgesehen; im September wurden innerhalb dieses Kredits weitere 3,3 Milliarden Euro für den Kauf ukrainischer Drohnen und Raketen bereitgestellt.
Der langfristige Finanzierungsmechanismus der EU sieht für die Ukraine bis 2027 bis zu 50 Milliarden Euro vor. Die Auszahlung ist an vereinbarte Reformen gebunden, unter anderem an Fortschritte bei Rechtsstaatlichkeit und Verwaltung. Bis Juni 2026 waren über diesen Mechanismus mehr als 42 Milliarden Euro mobilisiert. Die Bezeichnung Europas als „Geldautomat“ lässt genau diese Bedingungen und Kontrollverfahren verschwinden.
Die politische Wirkung liegt in der Umkehrung belegter Tatsachen
Die EU begründet ihre Unterstützung der Ukraine mit dem Ziel eines umfassenden, gerechten und dauerhaften Friedens auf Grundlage der Souveränität und territorialen Unversehrtheit der Ukraine. Hilfe für Kiew soll damit Bedingungen schaffen, unter denen die Ukraine ihre Interessen in Verhandlungen verteidigen kann. Sie ist nach der offiziellen europäischen Linie kein Verzicht auf eine Verhandlungslösung.
Die untersuchten Beiträge stellen diese Politik dennoch als Beweis für einen angeblichen Unwillen zum Frieden dar. Sie verschweigen die russischen Cyberangriffe, Sabotageakte und Drohnenvorfälle, entkoppeln die Finanzierung von ihren Reformauflagen und schreiben die Entscheidungen der EU einer einzelnen Politikerin zu. So entsteht das Bild eines inkompetenten und konfrontationsbereiten Brüssels, obwohl die zugrunde liegenden Maßnahmen von den zuständigen EU-Institutionen beschlossen und mit konkreten Sicherheits- und Kontrollmechanismen verbunden wurden.
Damit erfüllen die Botschaften einen Kern russischer Informationsoperationen: Sie sollen das Vertrauen in europäische Institutionen schwächen, die Unterstützung für die Ukraine untergraben und die Bereitschaft der Mitgliedstaaten zur gemeinsamen Reaktion auf hybride Angriffe verringern. Der konkrete Ausgangspunkt dieser Kampagne bleibt die Veröffentlichung vom 16. und 17. September 2026: Aus Kaja Kallas wurde die angebliche Hauptbedrohung Europas gemacht, während die dokumentierten russischen Operationen und die kontrollierte europäische Hilfe aus dem Zusammenhang gerissen wurden.