Russlands Zentralbank kalkuliert für 2027 mit einem BIP-Rückgang von bis zu vier Prozent
Russlands Zentralbank kalkuliert für 2027 mit einem BIP-Rückgang von bis zu vier Prozent

Russlands Zentralbank kalkuliert für 2027 mit einem BIP-Rückgang von bis zu vier Prozent

September 21, 2026
3 min. lesezeit

Die russische Zentralbank rechnet in einem Risikoszenario mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um drei bis vier Prozent im Jahr 2027. Für 2028 stellt sie einen weiteren Rückgang um 1,5 bis 2,5 Prozent in Aussicht. Die Zahlen stammen aus dem am 20. September 2026 bekannt gewordenen Szenario, das einen zweijährigen Abschwung, eine deutlich höhere Inflation und eine erneute Verschärfung der Geldpolitik beschreibt. Der Bericht der Zeitung Kommersant macht damit sichtbar, welche wirtschaftlichen Folgen der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, die Sanktionen und die wachsende Finanzierungslast inzwischen für Russland haben.

Der entscheidende Befund liegt nicht in einer einzelnen schlechten Prognose. Er liegt darin, dass Russlands wichtigste Währungsbehörde inzwischen einen Zeitraum von zwei Jahren mit schrumpfender Wirtschaftsleistung durchrechnet. Ein solcher Abschwung würde zu den längsten Rückgängen der vergangenen Jahrzehnte gehören. Zugleich müsste die Zentralbank nach diesem Szenario nicht nur eine Rezession abfedern, sondern auch eine beschleunigte Inflation bekämpfen.

Die Zentralbank rechnet mit Rezession und zweistelliger Inflation zugleich

In dem Risikoszenario steigt die Inflation auf elf bis 13 Prozent. Der zentrale Leitzins könnte auf 19 bis 21 Prozent zurückkehren. Damit würden Kredite teurer, Investitionen erschwert und die private Nachfrage geschwächt – genau zu einem Zeitpunkt, an dem die Wirtschaft zusätzliche Ausgaben und neue Produktionsmöglichkeiten bräuchte.

Es entsteht eine wirtschaftspolitische Zwangslage: Eine stärkere Nachfrageförderung könnte den Preisauftrieb weiter beschleunigen. Eine noch straffere Geldpolitik würde dagegen den Zugang zu Krediten, Investitionen und Konsum zusätzlich begrenzen und damit den Abschwung vertiefen. Die Zentralbank müsste somit gleichzeitig gegen die Rezession und gegen die Inflation vorgehen, obwohl sich beide Probleme mit gegensätzlichen Mitteln bekämpfen lassen.

Dass einzelne Schätzungen sogar einen tieferen Einbruch zulassen, verschärft den Befund. Die genannten Werte sind kein feststehendes Ergebnis, sondern ein von der Zentralbank geprüfter Krisenverlauf. Seine Bedeutung liegt jedoch darin, dass ein zweijähriger Rückgang der Wirtschaftsleistung, eine Inflation von bis zu 13 Prozent und ein Leitzins von bis zu 21 Prozent in einem offiziellen Planungsrahmen überhaupt gemeinsam berücksichtigt werden.

Sinkende Exporterlöse würden den Staat direkt unter Druck setzen

Der Auslöser des Szenarios ist eine Kombination äußerer und innenpolitischer Belastungen. Dazu gehören Ölpreise von 25 bis 35 Dollar je Barrel, eine Verschärfung der Sanktionen und eine mögliche weltweite Finanzkrise von der Größenordnung des Jahres 2008. Zusätzlich wird eine Krise bei Unternehmen aus dem Bereich der künstlichen Intelligenz als mögliches Risiko für die internationalen Finanzmärkte genannt.

Für Russland würde ein solcher Schock zunächst die Einnahmen aus Öl und anderen Exporten treffen. Weniger Devisen könnten den Rubel schwächen, die Förderung und die Ausfuhr verringern und den Staat zwingen, seine Reserven stärker einzusetzen. Der Druck würde damit nicht auf den Energiesektor begrenzt bleiben: Sinkende Exporterlöse würden zugleich die finanziellen Möglichkeiten des Haushalts einengen.

Im Zentrum steht der Nationale Wohlfahrtsfonds. Seine liquide, unmittelbar einsetzbare Hälfte könnte sich nach dem Szenario deutlich verringern, wenn der Staat Einnahmeausfälle und Krisenfolgen ausgleichen muss. Der Fonds würde dann von einem Sicherheitspolster zu einer Finanzierungsquelle für die laufende Stabilisierung. Je länger diese Mittel eingesetzt werden, desto weniger Spielraum bliebe für den nächsten äußeren Schock.

Der Krieg verlagert die wirtschaftliche Last in Haushalt und Reserven

Die Entwicklung kommt nicht aus dem Nichts. Im fünften Jahr des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine fließen weiterhin gewaltige Ressourcen in die Kriegsmaschinerie. Sanktionen, wirtschaftliche Isolation, steigende Belastungen für den Staatshaushalt und schrumpfende Produktionsmöglichkeiten verstärken sich dabei gegenseitig.

Die zentrale Ursache der Verwundbarkeit ist damit die politische Prioritätensetzung des Kremls. Der Krieg bindet Mittel, während Sanktionen den Zugang zu Technologien und Märkten begrenzen. Gleichzeitig verteuern hohe Zinsen die Finanzierung und verringern die Bereitschaft zu Investitionen. Eine Wirtschaft, die weniger exportiert, weniger produziert und teurer finanziert wird, kann äußere Preis- und Finanzschocks nur mit wachsendem Aufwand abfedern.

Auch die angekündigte Anpassungsfähigkeit der russischen Wirtschaft ändert an diesem Mechanismus nichts. Begrenzte Technologien, geringere Produktionsmöglichkeiten, teure Kredite und sinkende Exporterlöse haben konkrete materielle Kosten. Importersatz kann diese Belastungen nicht aufheben, wenn zugleich die Einnahmen des Staates zurückgehen und ein größerer Teil der verfügbaren Mittel für militärische Zwecke gebunden bleibt.

Die absehbaren Folgen reichen deshalb über Kennziffern hinaus. Ein schwächerer Rubel verteuert Einfuhren. Weniger Importe treffen Unternehmen und Verbraucher, während ein geringeres privates Konsumniveau die Binnenwirtschaft belastet. Der Haushaltsfehlbetrag bliebe bestehen, und die staatliche Unterstützung müsste nach dem Risikoszenario ausgeweitet werden – ausgerechnet in einer Phase, in der die Reserven schrumpfen.

Das dokumentierte Szenario zeigt die Grenze der bisherigen Krisenpolitik

Die Zentralbank müsste in diesem Verlauf zugleich eine umfangreichere Haushaltshilfe, eine aktivere Nutzung des Nationalen Wohlfahrtsfonds und eine deutlich härtere Geldpolitik einplanen. Damit würde der Staat die Folgen einer Belastung verwalten, die er durch die Fortsetzung des Krieges und die damit verbundene Umleitung von Ressourcen selbst vergrößert hat.

Die wirtschaftliche Rechnung ist deshalb eindeutig: Je länger der Krieg andauert, desto stärker wachsen die Kosten für Haushalt, Unternehmen und private Haushalte. Reserven können Einnahmeausfälle zeitweise überdecken, aber sie ersetzen weder Exporterlöse noch Produktionskapazitäten. Hohe Zinsen können die Inflation bremsen, schaffen jedoch keine neuen Investitionen.

Die Bekanntgabe des Szenarios markiert somit keinen bereits eingetretenen Einbruch, sondern eine offiziell berechnete Warnstufe. Bestätigt ist, dass die russische Zentralbank für 2027 einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um drei bis vier Prozent und für 2028 einen weiteren Rückgang um 1,5 bis 2,5 Prozent als Krisenverlauf prüft. Zugleich kalkuliert sie mit einer Inflation von bis zu 13 Prozent, einem Leitzins von bis zu 21 Prozent und einem deutlich stärkeren Zugriff auf staatliche Reserven.

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