Berlin – Mit dem wachsenden politischen Gewicht der Alternative für Deutschland rücken auch ihre führenden Vertreter stärker in den Mittelpunkt der öffentlichen Debatte. Eine der bekanntesten und zugleich umstrittensten Persönlichkeiten der Partei ist Beatrix von Storch.
Die Juristin sitzt seit 2017 im Deutschen Bundestag und gehört aktuell zu den stellvertretenden Vorsitzenden der AfD-Bundestagsfraktion. Zudem ist sie ordentliches Mitglied des Auswärtigen Ausschusses.
Von Storch präsentiert sich politisch als Vertreterin konservativer Werte, nationaler Souveränität und einer restriktiven Migrationspolitik. Ihre Karriere wird jedoch seit Jahren von kontroversen Äußerungen, Auseinandersetzungen über politische Kommunikation und Debatten über die Finanzierung der AfD begleitet.
Der Grenzstreit von 2016
Besonders große Aufmerksamkeit erhielt von Storch während der Flüchtlingskrise im Jahr 2016. In einer Diskussion auf Facebook wurde sie gefragt, ob Frauen mit Kindern gegebenenfalls mit Waffengewalt daran gehindert werden sollten, die deutsche Grenze zu überschreiten. Von Storch antwortete zunächst mit „Ja“.
Später stellte sie klar, dass sich ihre Aussage nicht auf Kinder beziehen sollte. Die Äußerung löste dennoch breite Kritik aus und wurde zu einem der bekanntesten Beispiele für die Verschärfung der damaligen migrationspolitischen Debatte innerhalb der AfD.
Zwölf Stunden Sperre auf Twitter
Anfang 2018 geriet von Storch erneut in die Schlagzeilen. Nachdem die Kölner Polizei ihre Neujahrsgrüße unter anderem auf Arabisch veröffentlicht hatte, reagierte die AfD-Politikerin mit einer pauschalisierenden und abwertenden Äußerung über muslimische Männer.
Twitter sperrte ihr Konto daraufhin für zwölf Stunden und verwies auf einen Verstoß gegen die Regeln zu Hassinhalten. Auch die Kölner Polizei erstattete Anzeige; bei der Staatsanwaltschaft gingen anschließend zahlreiche weitere Anzeigen ein.
Der Fall entwickelte sich gleichzeitig zu einer grundsätzlichen Debatte über die Grenzen politischer Sprache, Meinungsfreiheit und die Verantwortung sozialer Netzwerke.
Die vorschnelle Reaktion auf die Amokfahrt von Münster
Nur wenige Monate später folgte die nächste Kontroverse.
Nach der Amokfahrt von Münster im April 2018 stellte von Storch bereits zu einem Zeitpunkt einen Zusammenhang mit Flüchtlingen und möglichem Islamismus her, als die Hintergründe der Tat noch nicht geklärt waren.
Nachdem bekannt geworden war, dass der Täter ein Deutscher war, distanzierte sie sich später von ihrem ursprünglichen Beitrag und erklärte öffentlich: „Ich habe mit meinem Tweet zu Münster einen Fehler gemacht und das tut mir leid.“
Der Vorgang zeigte erneut, wie schnell zugespitzte politische Kommunikation in sozialen Netzwerken eine bundesweite Debatte auslösen kann.
Der umstrittene Goldhandel der AfD
Kontrovers diskutiert wurde auch die Finanzierung der Partei.
Die AfD hatte ab 2014 Goldmünzen und andere Edelmetalle verkauft. Hintergrund war das damalige System der staatlichen Parteienfinanzierung: Einnahmen aus unternehmerischer Tätigkeit konnten dazu beitragen, den Anspruch einer Partei auf staatliche Zuschüsse zu erhöhen.
Für die AfD war dabei insbesondere der Umsatz entscheidend, obwohl beim Goldhandel teilweise nur geringe Gewinnmargen erzielt wurden. Die Bundestagsmehrheit änderte daraufhin Ende 2015 das Parteiengesetz. Seitdem werden bei solchen Geschäften grundsätzlich nicht mehr die gesamten Umsätze, sondern nur entsprechende Überschüsse berücksichtigt.
Von Storch warnte damals, die Gesetzesänderung könne erhebliche finanzielle Folgen für die AfD haben.
Konflikte im Berliner Landesverband
Auch innerhalb der eigenen Partei verlief ihre Karriere nicht konfliktfrei.
Von Storch wurde 2016 zur Vorsitzenden der Berliner AfD gewählt. Die Wahl wurde jedoch später parteiintern angefochten. Parteigerichte kamen zu dem Ergebnis, dass die damalige Vorstandswahl nicht ordnungsgemäß gewesen sei; 2017 wurde der Vorstand schließlich neu gewählt.
Der Berliner Landesverband wird heute nicht von von Storch geführt. Ihre politische Arbeit konzentriert sich inzwischen vor allem auf die Bundesebene.
Russland, Ukraine und Sanktionen
Besonders relevant ist ihre Rolle in der Außenpolitik.
Innerhalb der AfD gehört die Forderung nach einer grundlegenden Änderung der deutschen Russland- und Ukrainepolitik seit Jahren zu den zentralen Streitpunkten. Die Partei setzt sich unter anderem für eine Abkehr von Teilen der bisherigen Sanktionspolitik gegenüber Russland und für eine andere Ausgestaltung der deutschen Unterstützung für die Ukraine ein.
Kritiker solcher Positionen argumentieren, dass eine Lockerung der Sanktionen oder eine Reduzierung der Unterstützung für die Ukraine russischen außenpolitischen Interessen entgegenkommen könnte. Vertreter der AfD begründen ihren Kurs dagegen vor allem mit deutschen Wirtschafts- und Sicherheitsinteressen.
Damit bleibt die Russlandpolitik eines der außenpolitisch umstrittensten Themen der Partei.
Kein einfacher Bruch mit den USA
Gleichzeitig zeigt von Storchs Haltung gegenüber den Vereinigten Staaten, dass die außenpolitischen Positionen innerhalb der AfD keineswegs vollständig einheitlich sind.
Als AfD-Chef Tino Chrupalla im Frühjahr 2026 einen Abzug amerikanischer Truppen aus Deutschland forderte, widersprach von Storch einem schnellen und unkoordinierten Rückzug.
Sie verwies darauf, dass Deutschland gegenwärtig nicht über eine vollständig eigenständige Verteidigungsfähigkeit verfüge. Besonders hob sie die amerikanische nukleare Abschreckung hervor. Ohne den nuklearen Schutzschirm der USA verfüge Deutschland über keine eigene entsprechende Abschreckungsfähigkeit, erklärte sie.
Eine Reduzierung von NATO- oder US-Truppen müsse deshalb aus ihrer Sicht eng mit den Bündnispartnern abgestimmt werden.
Damit unterscheidet sich ihre Position in diesem Punkt deutlich von Teilen der AfD, die einen wesentlich stärkeren sicherheitspolitischen Bruch mit Washington fordern.
Zwischen Protestpolitik und wachsendem Einfluss
Das politische Profil von Beatrix von Storch ist damit von mehreren Spannungsfeldern geprägt: einer besonders harten migrationspolitischen Rhetorik, wiederkehrenden Kontroversen über öffentliche Äußerungen, Auseinandersetzungen um die Finanzierung und Organisation der AfD sowie einer Außenpolitik, die etablierte deutsche Positionen gegenüber Russland und der Ukraine infrage stellt.
Gleichzeitig zeigt ihre Haltung zur NATO und zur amerikanischen Militärpräsenz, dass sich die unterschiedlichen außenpolitischen Strömungen innerhalb der AfD nicht auf ein einfaches pro- oder antiamerikanisches Schema reduzieren lassen.
Je größer der parlamentarische Einfluss der AfD wird, desto stärker gewinnen diese Positionen politische Bedeutung.
Die Diskussion über Beatrix von Storch dreht sich deshalb längst nicht mehr ausschließlich um einzelne provokante Aussagen aus der Vergangenheit. Im Mittelpunkt steht zunehmend die Frage, welche ihrer politischen Vorstellungen innerhalb der AfD dauerhaft prägend werden und welchen Einfluss diese auf die deutsche Migrations-, Sicherheits- und Außenpolitik haben könnten.