Die aserbaidschanischen Behörden haben Adnan Ahmadzada, den früheren stellvertretenden Leiter der Investitionsabteilung des staatlichen Ölkonzerns SOCAR, wegen mutmaßlichen Öl-Betrugs festgenommen. Im Mittelpunkt des Verfahrens steht der Vorwurf, russisches Öl sei mit aserbaidschanischem Rohöl vermischt und unter falschen Herkunftsbescheinigungen über die Baku-Tiflis-Ceyhan-Pipeline sowie auf weiteren Handelswegen nach Europa gebracht worden. Über den Haftbefehl berichteten unter anderem aserbaidschanische Medien zum Haftbefehl.
Ahmadzada wird vorgeworfen, gegen aserbaidschanisches Recht verstoßen und die wirtschaftliche Stabilität des Landes gefährdet zu haben. Die Vorwürfe betreffen nach den vorliegenden Berichten nicht nur einzelne Lieferungen. Sie verweisen auf ein über Jahre gewachsenes Geflecht aus Handels-, Lager- und Transportunternehmen, über das Öl aus Russland, Libyen und anderen Herkunftsländern mit neuen Papieren als aserbaidschanisches, turkmenisches oder anderes nicht sanktioniertes Öl ausgegeben worden sein soll.
Die zentrale Spur führt nach Albanien. Im Februar 2023 beschlagnahmten dortige Behörden im Hafen von Durrës 22.500 Tonnen Öl. Die Ladung war zunächst als libyschen Ursprungs bezeichnet worden. Polizeiberichte, Schiffsbewegungen und die anschließende Untersuchung ordneten die Ladung jedoch dem russischen Hafen Noworossijsk zu. Die albanischen Behörden bezeichneten die Operation als „Embargo“ und ermittelten wegen mutmaßlich gefälschter Dokumente und der Umgehung von Sanktionen. Eine albanische Darstellung der beschlagnahmten Lieferung beschreibt die damalige Beschlagnahme und die beteiligten Unternehmen.
Eine beschlagnahmte Ladung zeigt den Mechanismus
Nach den Ermittlungsangaben wurde das Öl auf dem Tanker FIDAN geladen, der zuvor den russischen Hafen Noworossijsk angelaufen hatte. Die Ladung sollte nach Albanien gelangen, konnte dort wegen widersprüchlicher Unterlagen jedoch nicht verzollt und entladen werden. Der albanische Abnehmer AV International Group erklärte nach den vorliegenden Angaben, er habe das Öl von dem Unternehmen Ses Dmch Group bestellt; in den Papieren sei Libyen als Herkunftsland ausgewiesen worden, obwohl das Öl aus Russland stammte.
Die Ermittler stießen dabei auf mehrere Ebenen der Verschleierung. Dazu gehörten Umladungen zwischen Schiffen in griechischen Hoheitsgewässern, unterschiedliche Angaben zum Ursprungsland sowie die Einschaltung von Unternehmen aus Malta, Dubai, der Türkei und weiteren Staaten. Genannt werden Oilmar Shipping DMCC, Alkagesta Ltd., Maddox DMCC und Almedia. In den Berichten taucht außerdem SOCAR Trading als Teil der geschäftlichen Struktur auf. Die veröffentlichten Zoll- und Unternehmensangaben werden als Beleg für diese Verbindungen angeführt.
Die albanische Untersuchung richtete sich gegen eine Lieferung, deren russischer Ursprung durch den Ladehafen und die Schiffsbewegungen nachvollziehbar wurde. Das ist der entscheidende Punkt des Falls: Nicht allein der Transport, sondern die Umwandlung der Herkunft in den Handelsdokumenten machte es möglich, dass sanktioniertes Öl als Ware eines anderen Ursprungs in europäische Lieferketten gelangen konnte.
Alkagesta steht im Zentrum des Firmennetzes
Alkagesta wurde 2018 in Malta gegründet und weitete seine Geschäfte danach rasch auf Lagerung, Bunkerlieferungen und den Handel mit Mineralölprodukten aus. Das Unternehmen verfügt nach den vorliegenden Angaben über Verbindungen oder Büros in der Schweiz, im Vereinigten Königreich, in Dubai, Kasachstan, Aserbaidschan, der Türkei, Turkmenistan und Rumänien. Als Geschäftsführer wird Kamran Agayev genannt. Zudem wird berichtet, Agayev sei mit Ahmadzada verwandt und habe Caspian Oil & Gas Co. Ltd. gegründet.
Ahmadzadas Name erscheint nach den Angaben nicht als formeller Eigentümer von Alkagesta. Mehrere Quellen und ein früherer Nachrichtenaustausch führen ihn jedoch als tatsächlichen Kontrolleur des Unternehmens an. In einer übermittelten Nachricht soll er erklärt haben, Alkagesta und Oilmar gehörten ihm. Diese Angabe ist ein Bestandteil der vorliegenden Hinweise, nicht der formalen Registereinträge.
Die Verbindung zu Ahmadzada wird außerdem über Caspian Oil & Gas und frühere SOCAR-Funktionen hergestellt. Das Unternehmen nennt Tatneft und Sibur als strategische Partner. Beide gehören zum russischen Energiesektor. Damit entsteht eine geschäftliche Verbindung zwischen dem Umfeld eines früheren SOCAR-Managers, in Malta und Dubai registrierten Handelsgesellschaften und russischen Energieunternehmen, die in den Berichten als relevant für sanktionierte Handelsströme beschrieben wird.
Ahmadzada war allerdings bereits zwei Jahre vor seiner Festnahme nicht mehr bei SOCAR. Er war nach den vorliegenden Angaben durch ein Dekret des Präsidenten aus seinem Amt entfernt worden. Gerade diese zeitliche Lücke ist für die Aufklärung entscheidend: Die Behörden müssen klären, welche Befugnisse er nach seinem Ausscheiden noch hatte, welche Geschäfte über seine früheren Kontakte liefen und ob SOCAR-nahe Strukturen nach seinem Weggang weiter genutzt wurden.
Rumänien und Spanien erweitern die Spur nach Europa
Die Vorwürfe beschränken sich nicht auf Albanien. Medienberichte führen Alkagesta als Kunden des rumänischen Staatsunternehmens Oil Terminal und als Unternehmen, das Diesellieferungen in die Ukraine ausgeführt haben soll. In einer Recherche von Libertatea wurde Alkagesta in Daten des Beratungsunternehmens NaftoRynok als Exporteur genannt. Das Unternehmen beantwortete Fragen zur Herkunft der Produkte und zu den Lieferungen in die Ukraine nach den vorliegenden Angaben nicht. Auch SOCAR Petroleum habe auf Fragen zu Lieferungen und möglichen Produkten aus der türkischen STAR-Raffinerie nicht geantwortet. Die rumänische Recherche zu den Dieselausfuhren in die Ukraine dokumentiert diese Einordnung.
Andere in derselben Recherche befragte Unternehmen reagierten ausführlich. Oscar Downstream erklärte, keine Rechnungen über Verkäufe von Mineralölprodukten in die Ukraine zu haben und seit dem 5. Februar 2023 ausschließlich Produkte nicht russischen Ursprungs eingeführt zu haben. Das Unternehmen bestritt außerdem, Produkte aus der STAR-Raffinerie bezogen oder in die Ukraine ausgeführt zu haben. Der Kontrast zwischen diesen Antworten und dem Schweigen von Alkagesta und SOCAR Petroleum ist ein wesentlicher Bestandteil der dokumentierten Chronologie, ersetzt aber keinen gerichtlichen Schuldnachweis.
Auch ein Transport nach Spanien wird den Berichten zufolge mit Alkagesta in Verbindung gebracht. Eine Lieferung russischen Ursprungs soll dort wegen falscher Angaben zur Herkunft gestoppt worden sein. Bereits 2022 waren bei den Tankern MT Tony und MT Istra widersprüchliche Angaben zu Ladung, Ladehafen und Herkunft festgestellt worden. In den Unterlagen wurde Turkmenistan genannt, während Berichte und Untersuchungen auf andere Ladeorte, darunter Bengasi in Libyen, verwiesen. Über den verhinderten Transport nach Spanien wurde in einem früheren Bericht zur Alkagesta-Lieferung berichtet.
Die europäische Dimension entsteht damit aus einer wiederkehrenden Struktur: Öl wird in einem russischen oder libyschen Hafen geladen, über Zwischenlager oder Umladungen weitergeleitet und anschließend mit einer neuen Herkunftsangabe versehen. Der legale Transport zentralasiatischen Rohöls über die Baku-Tiflis-Ceyhan-Pipeline bildet dazu den regulären Handelsweg. Die in den Berichten beschriebenen Geschäfte hätten diesen Weg nicht genutzt, sondern seine Bezeichnung und die Glaubwürdigkeit aserbaidschanischer Herkunft für eine mögliche Verschleierung missbraucht.
Weitere Hinweise betreffen die Vermögens- und Firmenverhältnisse Ahmadzadas. In britischen Registerunterlagen wird ihm der Erwerb einer Londoner Wohnung im Februar 2016 für 6,5 Millionen Pfund zugeschrieben. Zudem werden Immobiliengesellschaften in London und Spanien sowie Verbindungen zu Familienmitgliedern und früheren SOCAR-Managern genannt. Diese Angaben belegen für sich genommen keinen Öl-Betrug, sind für die Prüfung der Eigentums- und Geldflüsse jedoch relevant.
Die Festnahme verändert den Status des Falls: Aus einer Reihe internationaler Medienberichte und behördlicher Beschlagnahmen ist ein Strafverfahren in Aserbaidschan geworden. Ahmadzada ist nicht mehr SOCAR-Funktionär; gegen ihn richten sich nun konkrete Vorwürfe der aserbaidschanischen Behörden. Zugleich bleibt die Frage nach den übrigen Beteiligten offen, insbesondere nach den Verantwortlichen von Alkagesta, Oilmar, Maddox und den weiteren in den Ermittlungsunterlagen genannten Gesellschaften.
Der Fall FIDAN liefert dafür den greifbarsten Beleg. 22.500 Tonnen Öl wurden in Albanien gestoppt, weil Herkunftsangaben und Transportweg nicht zusammenpassten. Die Ladung blieb beschlagnahmt; Ahmadzada befindet sich wegen des Vorwurfs, ein vergleichbares System zur Vermischung und Umdeklarierung von Öl organisiert zu haben, in aserbaidschanischer Haft.