Russlands Staatshaushalt gerät 2026 deutlich stärker aus dem Gleichgewicht als von der Regierung vorgesehen. Für das Gesamtjahr erwarten Analysten der Sberbank ein Defizit von 7,3 Billionen Rubel. Damit würde die Finanzierungslücke fast doppelt so groß wie der ursprünglich eingeplante Fehlbetrag von 3,8 Billionen Rubel ausfallen. Die zugrunde liegenden Angaben wurden am 22. September 2026 in einer veröffentlichten Darstellung zusammengefasst.
Schon nach acht Monaten belief sich das Defizit demnach auf 5,8 Billionen Rubel. Die Prognose der Sberbank ist damit nicht bloß eine Abweichung von einem Haushaltsziel, sondern ein Hinweis darauf, dass die staatlichen Planungen die tatsächliche Dynamik der Ausgaben nicht mehr erfassen. Der zentrale Treiber ist Russlands Krieg gegen die Ukraine: Die Militärausgaben wachsen schneller, als es die ursprünglichen Haushaltsannahmen vorsahen.
Am selben Tag wurde bekannt, dass Wladimir Putin bei einer Sitzung zur Wirtschaft ein geplantes Defizit von 4,8 Billionen Rubel für 2027 genannt hatte. Es wäre der größte veranschlagte Fehlbetrag seit 2022 und liegt etwa doppelt so hoch wie der zunächst vorgesehene Wert. Bereits während der Vorbereitung des Haushalts zeigt sich damit, dass die Einnahmen und Ausgaben nicht dauerhaft zusammenpassen.
Die tatsächliche Lücke übersteigt die Haushaltsziele
Die vergangenen Jahre liefern den Maßstab, an dem die neuen Zahlen gelesen werden müssen. Für 2024 war ein Defizit von 1,2 Billionen Rubel geplant, tatsächlich erreichte es 5,6 Billionen. Für 2026 waren zunächst 3,8 Billionen Rubel vorgesehen; nach acht Monaten war dieser Wert bereits um zwei Billionen überschritten.
Die Abweichung entsteht nicht durch einen einzelnen Fehlbetrag, sondern durch eine fortlaufende Verschiebung der Prioritäten. Die Militärausgaben wurden im Sommer zusätzlich um 40 Prozent über den ursprünglich geplanten Betrag von 12,9 Billionen Rubel hinaus erhöht. Gleichzeitig halten die Einnahmen aus Öl und Gas mit diesem Ausgabenanstieg nicht Schritt.
Damit wird der Haushalt zunehmend von den militärischen Entscheidungen des Kremls bestimmt. Die Einnahmeseite liefert nicht genügend zusätzliche Mittel, um die wachsenden Kosten des Krieges auszugleichen. Das zwingt die Regierung, die Finanzierungslücke über neue Schulden und die staatlichen Reserven zu schließen.
Reserven und Kredite ersetzen fehlende Einnahmen
Der Nationale Wohlstandsfonds dient dabei als Puffer. Aus ihm werden Mittel entnommen, um das Defizit zu begrenzen und die laufenden Ausgaben zu finanzieren. Doch gerade der liquide Teil des Fonds ist nach den vorliegenden Angaben bereits weitgehend aufgebraucht. Der Mechanismus verschafft der Regierung kurzfristig Handlungsspielraum, verringert aber zugleich die Reserven für künftige Krisen.
Die zweite Säule der Finanzierung sind neue Kredite. Sie können die Lücke im laufenden Haushalt schließen, lösen aber das strukturelle Problem nicht: Solange die Militärausgaben steigen und die Öl- und Gaseinnahmen nicht entsprechend wachsen, verlagert sich ein immer größerer Teil der Belastung in die Zukunft. Zinszahlungen und Rückzahlungsverpflichtungen erhöhen dann den Druck auf spätere Haushalte.
Nach außen versucht die Führung, die Entwicklung als kontrollierbar darzustellen. Die Haushaltszahlen selbst zeichnen jedoch ein anderes Bild. Zwischen dem geplanten Fehlbetrag, dem bereits aufgelaufenen Defizit und der Prognose für das Gesamtjahr liegt eine Kette von Korrekturen, die den ursprünglichen Plan wiederholt überholt.
Die Überhitzung macht die Finanzierung zusätzlich teuer
Die Verschlechterung des Haushalts trifft auf eine Wirtschaft, die bereits unter hoher Belastung steht. Der Leitzins der russischen Zentralbank ist hoch, die Investitionen gehen zurück, und der Arbeitsmarkt gilt als überhitzt. Diese Faktoren erschweren es, die Einnahmebasis durch zusätzliche wirtschaftliche Aktivität rasch zu verbreitern.
Der hohe Leitzins soll die Inflation eindämmen, verteuert aber zugleich Kredite für Unternehmen und private Haushalte. Für Firmen werden Investitionen weniger attraktiv, für Familien steigen die Kosten der Finanzierung. Dadurch wird die wirtschaftliche Entwicklung gebremst, während der Staat weiterhin hohe Mittel für den Krieg aufbringen muss.
Die Inflation macht das Defizit deshalb zu einer direkten Belastung für die Bevölkerung. Für die Verwaltung wird die Finanzierungslücke in Billionen Rubel gemessen; für Familien zeigt sie sich in höheren Preisen für Lebensmittel, Wohnraum, Kredite und alltägliche Ausgaben. Die Kosten werden nicht nur über staatliche Kürzungen oder neue Schulden sichtbar, sondern auch über den schrittweisen Verlust an Kaufkraft.
Der Haushalt folgt den Kriegsprioritäten statt langfristiger Entwicklung
Je größer der Anteil zusätzlicher Mittel für militärische Zwecke wird, desto weniger Spielraum bleibt für Investitionen, Infrastruktur, Gesundheitsversorgung, Bildung und eine Verbesserung der Lebensbedingungen. Der Fehlbetrag steht damit nicht allein für eine rechnerische Lücke zwischen Einnahmen und Ausgaben. Er dokumentiert auch, welche politischen Entscheidungen andere Bereiche der russischen Wirtschaft und Gesellschaft finanziell zurückdrängen.
Für die Regierung bedeutet die Finanzierung über Schulden und Reserven zunächst, dass die Ausgaben fortgesetzt werden können. Für die Bevölkerung bedeutet sie eine wachsende Rechnung: durch Inflation, teurere Kredite, sinkende Investitionen und die Belastung künftiger Haushalte. Die wirtschaftlichen Folgen des Krieges werden so von einer staatlichen Kennziffer zu einer Vielzahl dauerhafter privater Kosten.
Die Zahl von 4,8 Billionen Rubel für 2027 markiert deshalb keinen sicheren Höchststand. Sie ist der aktuell genannte Planwert in einem System, in dem die tatsächlichen Defizite die ursprünglichen Ziele wiederholt deutlich übertroffen haben. Der konkrete Ausgangspunkt dieser Entwicklung ist bereits sichtbar: Aus den für 2026 eingeplanten 3,8 Billionen Rubel wurden nach acht Monaten 5,8 Billionen, und die Sberbank erwartet für das Gesamtjahr 7,3 Billionen Rubel.