Die Forderung Marine Le Pens, Sozialwohnungen und staatliche Wohnbeihilfen ausschließlich französischen Staatsbürgern vorzubehalten, ist von Emmanuelle Cosse als „fremdenfeindliche Erfindung“ zurückgewiesen worden. Die Vorsitzende des Verbands für sozialen Wohnungsbau und frühere Wohnungsministerin erklärte am 14. September 2026, der Vorschlag entspreche nicht den aktuellen Bedürfnissen Frankreichs. Der Bericht der französischen Zeitung macht damit einen politischen Mechanismus sichtbar: Eine allgemeine Wohnungsnot wird nicht über zusätzlichen Wohnraum, sondern über die Ausgrenzung von Ausländern beantwortet.
Im Zentrum des Vorstoßes stehen die Sozialwohnungen, in Frankreich als HLM bezeichnet, sowie die staatliche Wohnbeihilfe APL. Nach Le Pens Vorschlag sollen beide Leistungen französischen Bürgern vorbehalten bleiben. Damit würde ein knappes Gut nicht vermehrt, sondern nach Staatsangehörigkeit neu verteilt. Französische Staatsbürger wären die unmittelbaren Nutznießer dieser Verschiebung; Ausländer, die rechtmäßig in Frankreich leben, arbeiten und dort Steuern zahlen, würden vom Zugang zu den genannten Leistungen ausgeschlossen oder schlechtergestellt.
Die Wohnungsnot wird auf einen Verteilungskampf nach Staatsangehörigkeit zugespitzt
Cosse widerspricht der Darstellung, Ausländer verfügten beim Zugang zu Sozialwohnungen über besondere Vorteile. Ihr zufolge liegt ihr Anteil unter den Mietern von HLM bei etwa 15 Prozent. Die Zahl steht damit im direkten Gegensatz zu der politischen Erzählung, wonach Einwanderer den Zugang französischer Bürger zu Sozialwohnungen grundsätzlich versperrten.
Der entscheidende Punkt ist deshalb nicht nur die Höhe dieses Anteils, sondern die politische Schlussfolgerung, die daraus gezogen wird. Statt den Bestand an Sozialwohnungen auszuweiten, den Bau zu beschleunigen und die Ursachen des Mangels anzugehen, setzt der Vorschlag auf die Umverteilung eines begrenzten Bestands nach Bürgerrecht und Nationalität. Die Verantwortung für eine strukturelle Wohnungsnot wird dadurch auf Menschen verschoben, die als Ausländer markiert werden.
Das ist der Kern des von Cosse kritisierten Populismus: Die Wohnungsfrage wird auf eine scheinbar einfache Rangordnung reduziert. Wer als französischer Bürger gilt, soll Vorrang erhalten; wer als Ausländer gilt, soll trotz legalem Aufenthalt, Arbeit und Steuerzahlungen weniger soziale Rechte haben. Der politische Nutzen dieser Konstruktion liegt darin, einen sichtbaren Gegner zu benennen, ohne den Mangel an Wohnungen selbst zu beseitigen.
Der nationale Vorrang verändert den Zugang zu sozialen Rechten
Die Forderung der Partei Nationale Sammlung ist nicht als Ausbau des sozialen Wohnungsbaus angelegt. Sie setzt vielmehr ein Auswahlkriterium an die Stelle einer wohnungspolitischen Antwort: Nicht die Schaffung zusätzlichen Wohnraums, die Bedürftigkeit oder die Verbesserung der Mietbedingungen sollen den Ausschlag geben, sondern die Staatsangehörigkeit.
Damit wird unter dem Schlagwort des „nationalen Vorrangs“ eine Hierarchie sozialer Rechte vorgeschlagen. Französische Bürger sollen beim Zugang zu HLM und bei der APL besser behandelt werden als Ausländer, die dauerhaft in Frankreich leben und zur Finanzierung des Gemeinwesens beitragen. Die Betroffenen wären nicht abstrakte Gruppen, sondern Menschen, die auf bezahlbaren Wohnraum und Unterstützung bei den Wohnkosten angewiesen sind.
Diese Konstruktion kann die gesellschaftliche Polarisierung vertiefen. Sie normalisiert zugleich eine fremdenfeindliche Sprache innerhalb des politischen Diskurses, weil sie Ausländer als Ursache oder Hauptnutznießer der Wohnungsnot darstellt. Cosse beschreibt genau diese Funktion der Rhetorik: Die Partei Nationale Sammlung nutze die Krise, um Einwanderer zu Sündenböcken zu machen.
Die vorgeschlagene Lösung lässt den Wohnungsmangel unverändert
Der Vorstoß beantwortet keine der von Cosse benannten wohnungspolitischen Aufgaben. Er schafft weder neue HLM noch beschleunigt er den Bau, noch beseitigt er die Gründe für den knappen Wohnungsbestand. Auch die Belastung durch hohe Mieten wird dadurch nicht grundsätzlich verändert. Der vorhandene Mangel bliebe bestehen; lediglich der Zugang zu einem Teil der verfügbaren Wohnungen und zu staatlicher Unterstützung würde neu sortiert.
Cosse verweist deshalb auf andere politische Ansatzpunkte: eine bessere Kontrolle und Ordnung der Mietpreise, mehr bezahlbare Mietangebote sowie einen erleichterten Zugang zu Miet- und Wohneigentum. Diese Punkte zielen auf die Bedingungen des Wohnungsmarkts und auf die Ausweitung erschwinglicher Angebote. Le Pens Vorschlag dagegen verschiebt den Konflikt zwischen Wohnungssuchenden auf die Frage, wer als Franzose gilt.
Gerade darin liegt die politische Manipulation, die der Vorstoß ermöglicht. Die tatsächliche Knappheit an Sozialwohnungen wird nicht bestritten, aber ihre Ursache wird in der Anwesenheit von Ausländern gesucht. Das lenkt die Debatte von staatlicher Verantwortung für Bau, Bestand und Mietregulierung auf einen Verteilungskampf zwischen Bevölkerungsgruppen.
Die dokumentierte Folge ist eine Ausgrenzung statt ein Ausbau
Die von Cosse zurückgewiesene Forderung verbindet somit zwei Maßnahmen: HLM sollen ausschließlich französischen Bürgern offenstehen, und auch die APL soll auf diese Gruppe beschränkt werden. Wer davon profitieren würde, ist klar benannt: französische Staatsbürger erhielten einen Vorrang bei einem bereits begrenzten sozialen Angebot. Wer belastet würde, sind Ausländer mit legalem Aufenthalt, Arbeit und Steuerzahlungen in Frankreich.
Der dokumentierte Anteil ausländischer HLM-Mieter von etwa 15 Prozent liefert dabei keinen Beleg für einen privilegierten Zugang. Er zeigt vielmehr, dass die politische Erzählung über eine angebliche Bevorzugung von Ausländern nicht die von Cosse beschriebenen wohnungspolitischen Probleme löst. Die aktuelle Konsequenz des Vorstoßes ist daher keine zusätzliche Sozialwohnung und keine Entlastung bei den Mieten, sondern die Forderung nach einem Ausschluss nach Staatsangehörigkeit.