Russland investiert Milliarden in die technische Kontrolle des Internets
Russland investiert Milliarden in die technische Kontrolle des Internets

Russland investiert Milliarden in die technische Kontrolle des Internets

Oktober 3, 2026
3 min. lesezeit

Russland will in den kommenden drei Jahren fast 60 Milliarden Rubel in Systeme investieren, die Internetverkehr filtern, digitale Dienste einschränken und VPN-Verbindungen blockieren können. Die geplanten Ausgaben würden die technische Grundlage staatlicher Internetkontrolle deutlich vergrößern – trotz der angespannten Haushaltslage.

Über die vorgesehenen Mittel berichteten Medien am 2. September und erneut am 1. Oktober 2026 nach den Wahlen zur Staatsduma. Im Entwurf des föderalen Haushalts sind für das Hauptzentrum für Funkfrequenzen 19,87 Milliarden Rubel im Jahr 2027, 19,84 Milliarden im Jahr 2028 und weitere 19,87 Milliarden im Jahr 2029 vorgesehen. Die Zahlen beziehen sich auf die Finanzierung der automatisierten Internetsicherheitssysteme, die der Aufsichtsbehörde Roskomnadsor unterstehen.

Die Berichte über den Haushaltsentwurf nennen damit eine Gesamtsumme von knapp 60 Milliarden Rubel. Zuvor waren für das System lediglich 9,87 Milliarden Rubel im Jahr 2027 und 9,84 Milliarden im Jahr 2028 eingeplant. Die neuen Ansätze bedeuten nahezu eine Verdoppelung der vorgesehenen Finanzierung.

Vom Blockieren einzelner Dienste zur Netzsteuerung

Die automatisierten Internetsicherheitssysteme sind mit den technischen Mitteln zur Abwehr von Bedrohungen verbunden, die Roskomnadsor im russischen Netz steuert. Sie können Datenverkehr filtern sowie Webseiten und digitale Dienste verlangsamen, einschränken oder unzugänglich machen. Damit geht es nicht nur um einzelne Sperrentscheidungen, sondern um die Infrastruktur, mit der solche Eingriffe in größerem Maßstab umgesetzt werden.

Die Behörde hat bei VPN-Diensten zuletzt offenbar den technischen Ansatz ausgeweitet. Statt nur einzelne Angebote zu sperren, werden Teilnetze und größere Pools von IP-Adressen blockiert, die Hosting-Anbietern zugeordnet sind. Berichte vom September 2026 zufolge beeinträchtigte dieses Vorgehen gleichzeitig mehr als zehn größere VPN-Dienste.

Solche Sperren können über das eigentliche Ziel hinauswirken. Unternehmen, die auf internationale Plattformen oder geschützte Verbindungen angewiesen sind, müssen unter Umständen Ersatzlösungen suchen. Internetanbieter wiederum riskieren, dass breite IP-Sperren auch legitime Dienste und gemeinsame Infrastrukturen beeinträchtigen. Je größer der blockierte Adressbereich, desto schwieriger wird es, gezielte Zensur von unbeabsichtigten Störungen zu unterscheiden.

Parallel dazu soll der Gesamthaushalt von Roskomnadsor 2027 auf 31,8 Milliarden Rubel steigen – nach den vorliegenden Berichten etwa auf das 1,6-Fache des bisherigen Ansatzes. Ein Teil der zusätzlichen Mittel dürfte in den Ausbau der Internetaufsicht und die technische Durchsetzung von Beschränkungen fließen. Geplant ist auch eine stärkere Nutzung sogenannter Positivlisten, bei denen bestimmte Webseiten und Dienste zugänglich bleiben, während andere Verbindungen eingeschränkt werden.

VPNs als nächstes Hauptziel

VPN-Dienste haben in Russland eine zentrale Funktion für den Zugang zu gesperrten Webseiten und Plattformen übernommen. Dazu zählen unabhängige Medien ebenso wie soziale Netzwerke und Messenger. Die Behörden richten ihre Maßnahmen deshalb zunehmend nicht nur gegen einzelne Inhalte, sondern gegen die Werkzeuge, mit denen Nutzer staatliche Sperren umgehen können.

Nach den in den Berichten zusammengetragenen Angaben wurden 2025 insgesamt 258 VPN-Dienste blockiert. 2026 folgten weitere Sperrwellen. In den früheren Subventionsunterlagen für das Hauptzentrum für Funkfrequenzen soll zudem das Ziel enthalten gewesen sein, bis 2030 rund 92 Prozent der VPN-Dienste in Russland zu blockieren.

Diese Unterlagen wurden nach Angaben der Berichterstattung im Mai 2026 von der Internetseite Roskomnadsors entfernt. Das Verschwinden der Dokumente macht die finanziellen und operativen Pläne schwerer nachvollziehbar. Nutzer können zwar feststellen, dass eine Verbindung nicht mehr funktioniert, aber meist nicht, ob eine gerichtliche Anordnung, eine technische Entscheidung der Aufsicht, eine Netzsperre oder ein Fehler bei der Blockierung größerer Adressbereiche die Ursache ist.

Weitere Angaben zu den geplanten Ausgaben sowie Berichte zur Finanzierung der Internetsperren beschreiben denselben Ausbau. Auch The Moscow Times berichtete über die Verdoppelung der Mittel für Sperren und die Bekämpfung von VPN-Diensten.

Mehr Geld für die Beobachtung junger Menschen

Zusätzliche Mittel sind für das Zentrum für die Erforschung und Netzüberwachung des Jugendmilieus vorgesehen. Die Organisation wurde nach einem direkten Auftrag von Präsident Wladimir Putin gegründet und beschreibt ihre Aufgabe als Schutz junger Menschen vor „destruktiven Inhalten“.

Für 2027 waren zunächst 1,04 Milliarden Rubel eingeplant. Nach den neuen Plänen soll die jährliche Finanzierung auf etwa 1,3 Milliarden Rubel steigen. Über den Zeitraum 2027 bis 2029 ergäbe das insgesamt rund 3,9 Milliarden Rubel – knapp 300 Millionen Rubel pro Jahr mehr als zuvor vorgesehen.

Die offizielle Begründung stellt den Jugendschutz in den Mittelpunkt. Eine Ausweitung staatlich finanzierter Netzüberwachung vergrößert jedoch zugleich die Fähigkeit, Inhalte zu klassifizieren und digitale Aktivitäten zu beobachten. Entscheidend ist daher, wie weit der Begriff „destruktive Inhalte“ ausgelegt wird und welche überprüfbaren Grenzen für daraus folgende Maßnahmen gelten.

Ein langfristiges Kontrollmodell

Die geplanten Ausgaben verbinden mehrere Ebenen staatlicher Kontrolle: technische Systeme zur Verkehrsfilterung, eine Behörde, die den Zugang zu Diensten reguliert, und Programme zur Suche nach als problematisch eingestuften Inhalten. Jede dieser Ebenen kann als eigenständige Verwaltungsaufgabe erscheinen. Zusammen schaffen sie jedoch größere Möglichkeiten, zu bestimmen, was Nutzer finden, teilen und aufrufen können.

Der Zeitpunkt der Haushaltsplanung ist dabei aufschlussreich. Die Angaben wurden nach den Septemberwahlen bekannt, während die Behörden ihre Maßnahmen gegen VPNs und andere Umgehungswerkzeuge ausweiteten. Internetzensur wird damit nicht als vorübergehende Reaktion auf einzelne Webseiten behandelt, sondern als mehrjähriges Infrastrukturprojekt.

Der Ausbau hat auch wirtschaftliche Folgen. Die Wartung von Überwachungstechnik, die Aktualisierung von Sperrlisten und die Reaktion auf neue Umgehungstechnologien verursachen dauerhaft Kosten. Breite IP-Sperren können zudem die Zuverlässigkeit von Hosting-Netzen schwächen und den Zugang zu Diensten erschweren, die selbst nicht Ziel der Maßnahme sind.

Die entscheidende Veränderung liegt deshalb weniger in einer einzelnen neuen Sperre als in der Verstetigung des Systems. Der russische Staat investiert in eine Infrastruktur, in der der Zugang zum offenen Internet zunehmend davon abhängt, ob Roskomnadsor eine Verbindung technisch zulässt. Wie weit die Behörden die zusätzliche Kapazität nutzen werden und wie viel davon öffentlich kontrollierbar bleibt, ist die zentrale offene Frage.

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