Polens PiS vor dem Machtproblem nach Kaczynski
Polens PiS vor dem Machtproblem nach Kaczynski

Polens PiS vor dem Machtproblem nach Kaczynski

Oktober 6, 2026
2 min. lesezeit

In Polens Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) wächst der Zweifel an der politischen Steuerungsfähigkeit ihres langjährigen Vorsitzenden Jaroslaw Kaczynski. Eine am 4. Oktober 2026 veröffentlichte Umfrage sieht erstmals eine klare Mehrheit der Befragten skeptisch: 48,9 Prozent meinen, Kaczynski kontrolliere die Partei nicht mehr. 35,7 Prozent widersprechen, 15,4 Prozent sind unentschieden.

Die Zahlen messen nicht unmittelbar, wer innerhalb der PiS Entscheidungen trifft. Sie zeigen die öffentliche Wahrnehmung von Kaczynskis Stellung. Gerade für eine Partei, deren Geschlossenheit über Jahre eng mit der Autorität ihres Vorsitzenden verbunden war, kann diese Wahrnehmung selbst zum politischen Faktor werden.

Der Zweifel reicht über das Regierungslager hinaus

Besonders kritisch urteilen die Anhänger der polnischen Regierungskoalition. Unter ihnen sind 72 Prozent überzeugt, dass Kaczynski die Kontrolle über die PiS verloren hat. Doch die Einschätzung beschränkt sich nicht auf seine politischen Gegner: Auch unter den Unterstützern oppositioneller Kräfte teilen 39 Prozent diese Ansicht.

Das Ergebnis der von United Surveys für IBRiS durchgeführten Befragung wurde von Polityka berichtet. Es belegt weder einen formellen Machtverlust noch eine konkrete Führungsalternative. Es deutet aber darauf hin, dass Kaczynskis Rolle als letztlich unangefochtener Mittelpunkt der Partei nicht mehr als selbstverständlich gilt.

Diese Verschiebung ist für die PiS deshalb bedeutsam, weil persönliche Autorität dort lange eine ordnende Funktion erfüllte. Solange Kaczynski als unbestrittener Entscheider wahrgenommen wurde, konnten unterschiedliche Interessen innerhalb der Partei unter einem gemeinsamen Machtzentrum gebündelt werden. Offene Konflikte ließen sich dadurch begrenzen oder zumindest vertagen.

Wenn Autorität zur offenen Frage wird

Sinkt das Vertrauen in die Durchsetzungsfähigkeit des Vorsitzenden, verändert sich der Charakter innerparteilicher Auseinandersetzungen. Differenzen über Strategie, Personal und den künftigen Kurs können leichter zu einem Wettbewerb um Einfluss werden. Die Umfrage benennt keine Fraktionen und keine möglichen Nachfolger. Sie macht jedoch sichtbar, dass ein Teil der Öffentlichkeit die PiS nicht mehr ausschließlich als politisches Instrument eines dominierenden Führers betrachtet.

Damit entsteht für die Partei ein strukturelles Risiko: Ihre bisherige Stärke kann zugleich ihre Schwachstelle sein. Wo Entscheidungen stark an eine einzelne Person gebunden sind, kann ein wahrgenommener Rückgang ihrer Macht schneller zu Unsicherheit führen als in einer Partei mit dauerhaft etablierten inneren Machtzentren. Aus Zweifeln an der Führung können Erwartungen an einen Wechsel entstehen, auch wenn zunächst niemand offen eine Ablösung fordert.

Für Kaczynski geht es deshalb nicht nur um die Frage, ob er formal an der Spitze bleibt. Entscheidend ist, ob seine Anweisungen innerhalb der Partei weiterhin dieselbe Verbindlichkeit besitzen wie in der Vergangenheit. Der Abstand zwischen offizieller Führungsposition und tatsächlicher Gefolgschaft kann sich vergrößern, sobald Politiker, Funktionäre und Anhänger mit einem Machtwechsel rechnen.

Die Konkurrenz auf dem rechten Flügel

Die möglichen Folgen reichen über die Organisation der PiS hinaus. Die Partei steht der polnischen Regierungskoalition als oppositionelle Kraft gegenüber, muss sich aber zugleich mit anderen Parteien und Bewegungen im rechten politischen Lager auseinandersetzen. Wenn ein Teil ihrer Wählerschaft zu diesen Alternativen abwandert, verteidigt die PiS ihre Stellung an zwei Fronten: gegen die Regierung und gegen Konkurrenten im eigenen politischen Spektrum.

Eine solche Entwicklung könnte die polnische Rechte weiter fragmentieren. Für die PiS würde es schwieriger, sich erneut als natürliche Regierungsalternative und führende oppositionelle Kraft zu präsentieren. Selbst ohne spektakulären Bruch an der Parteispitze können Zweifel an Kaczynskis Kontrolle die Verteilung von Einfluss, künftige Bündnisse und die Bereitschaft zu innerparteilichen Machtproben verändern.

Die zentrale offene Frage lautet daher nicht allein, ob Jaroslaw Kaczynski weiterhin Vorsitzender der PiS ist. Entscheidend ist, ob seine persönliche Autorität noch ausreicht, um Rivalitäten einzudämmen und die Anhängerschaft zusammenzuhalten. Die Umfrage zeigt, dass ein erheblicher Teil der Öffentlichkeit daran nicht mehr glaubt.

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