Russland plant im Moskauer Gebiet den Bau seines bislang größten Untersuchungsgefängnisses. Der Komplex soll 4.000 Menschen aufnehmen, 37,75 Milliarden Rubel kosten und bis zum vierten Quartal 2031 fertiggestellt werden.
Das Vorhaben fällt in eine Zeit angespannter öffentlicher Finanzen. Während staatliche Stellen in sozialen Bereichen und bei der medizinischen Versorgung Einsparungen oder sogenannte Optimierungen vornehmen, wird für die Infrastruktur der Untersuchungshaft ein mehrjähriger Finanzierungsplan aus dem föderalen Haushalt aufgelegt. Damit stellt sich nicht nur die Frage nach den Baukosten, sondern auch nach der politischen Entscheidung, Haftkapazitäten auszubauen, statt die Zahl der Untersuchungshäftlinge zu verringern.
Finanzierung mit einem ungewöhnlichen Schwerpunkt
Der von Ministerpräsident Michail Mischustin unterzeichnete Finanzierungsplan sieht für 2026 zunächst mehr als eine Milliarde Rubel vor. Der größte jährliche Betrag soll 2027 fließen: 13,9 Milliarden Rubel. Danach sind 2,7 Milliarden Rubel für 2028, 3,2 Milliarden für 2029 und 3,8 Milliarden für 2030 vorgesehen. Im letzten Finanzierungsjahr 2031 sollen nochmals 12,9 Milliarden Rubel bereitstehen.
Medien berichteten am 13. Oktober 2026 über die Ausschreibung und die staatliche Finanzierung des Projekts. Einzelheiten zur Ausschreibung veröffentlichte ; über Umfang und Finanzierung berichtete auch MSK1.
Die genannten Jahresraten ergeben zusammen nicht die gesamte Projektsumme. Nach den vorliegenden Angaben entsprechen die bis 2031 eingeplanten Mittel rund 71 Prozent der veranschlagten Kosten. Welche weiteren Zahlungen in der Kalkulation enthalten sind und wie stark sich die Summe während der Bauphase verändert, bleibt damit eine zentrale Frage.
Bei 37,75 Milliarden Rubel und 4.000 vorgesehenen Plätzen entfallen rechnerisch rund 9,44 Millionen Rubel an Bau- und Investitionskosten auf einen Haftplatz. Darin sind weder der spätere Betrieb noch Personal, Bewachung, Verpflegung, medizinische Versorgung, Energie und Instandhaltung enthalten.
Eine Haftanstalt als abgeschlossene Siedlung
Das geplante Gelände soll 427.700 Quadratmeter umfassen. Auf rund 49.000 Quadratmetern sollen Gebäude entstehen. Der Entwurf sieht nicht lediglich zusätzliche Zellenblöcke vor, sondern eine weitgehend eigenständige Anlage mit den Strukturen, die für einen dauerhaften Betrieb erforderlich sind.
Geplant sind getrennte Bereiche für männliche, weibliche und minderjährige Beschuldigte. Hinzu kommen Quarantäne- und Untersuchungshaftabteilungen sowie ein eigener Bereich für Menschen mit Tuberkulose. Medizinische Einrichtungen, Werkstätten, eine Wäscherei, eine Großküche, Lager für Lebensmittel, ein Feuerwehrdepot und Räume für Besuche gehören ebenfalls zum Konzept.
Für das Personal sind Wohnheime, Verpflegungseinrichtungen, medizinische Räume und Sportanlagen vorgesehen. Auch ein vergrößerter Zwinger für Diensthunde ist eingeplant. Kontrollstellen, Verwaltungsgebäude und technische Infrastruktur sollen den Komplex zu einer in sich geschlossenen Einrichtung machen.
In seiner Dimension soll das Projekt die bekannte Haftanstalt Kresty 2 in Kolpino übertreffen. Die Idee für einen neuen großen Untersuchungshaftkomplex entstand bereits 2022. Im Februar 2026 erhielt das Vorhaben nach den vorliegenden Angaben die Zustimmung der zentralen staatlichen Bauprüfung Russlands.
Mehr Platz für Untersuchungshaft
Ein Untersuchungsgefängnis dient der Unterbringung von Menschen, gegen die noch kein rechtskräftiges Urteil vorliegt. Der Ausbau betrifft daher nicht nur die Strafvollzugsverwaltung, sondern den Umgang des Staates mit Freiheitsentzug vor einer Verurteilung.
Ein Kapazitätsproblem kann ein nachvollziehbarer Grund für neue Haftplätze sein. Der gewählte Lösungsweg ist jedoch politisch bedeutsam: Statt die Belegung durch Hausarrest, Kaution oder andere Auflagen für Beschuldigte weniger schwerer Delikte zu reduzieren, schafft der Staat zusätzliche bauliche Kapazitäten für die Untersuchungshaft.
Das Projekt vergrößert damit die materielle Grundlage eines Systems, in dem Menschen bereits vor einer gerichtlichen Feststellung ihrer Schuld ihrer Freiheit beraubt werden können. Die bloße Existenz eines zusätzlichen Platzangebots sagt zwar nichts darüber aus, wie es später genutzt wird. Sie ermöglicht jedoch, die bisherige Praxis in größerem Umfang fortzuführen.
Nach der Fertigstellung soll der Föderale Strafvollzugsdienst für das Moskauer Gebiet eine spezialisierte Einrichtung übernehmen, die dauerhaft Personal, Sicherheitsstrukturen und eine umfangreiche Versorgung benötigt. Eine belastbare öffentliche Schätzung der jährlichen Betriebskosten ist in den vorliegenden Angaben nicht enthalten. Die finanziellen Verpflichtungen enden daher nicht mit dem Abschluss der Bauarbeiten.
Der Präzedenzfall Kresty 2
Die Größe des Vorhabens lenkt den Blick auch auf die Kontrolle staatlicher Bauprojekte. Im Zusammenhang mit Kresty 2 wurden laut früheren Ermittlungen Vorwürfe des Diebstahls und anderer Unregelmäßigkeiten bei Bau und Ausstattung untersucht. In einem genannten Fall ging es um 16 Millionen Rubel, die für eine Zufahrtsstraße vorgesehen waren; Ermittler warfen Beteiligten vor, davon 12,2 Millionen Rubel entwendet zu haben.
Diese früheren Ermittlungen belegen nicht, dass beim neuen Projekt bereits Geld veruntreut wurde oder dass sich dieselben Vorgänge wiederholen werden. Sie zeigen jedoch, welche Bedeutung Ausschreibungen, Vertragsvergaben, Nachträge und die Abnahme der Bauleistungen bei einem mehrjährigen Milliardenprojekt haben. Je länger die Bauzeit, desto größer ist zudem das Risiko, dass steigende Materialpreise oder geänderte Planungen zu neuen Finanzierungsforderungen führen.
Der geplante Komplex ist deshalb mehr als eine einzelne Investition in Gebäude. Mit ihm würde Russland langfristig eine größere Infrastruktur für Untersuchungshaft schaffen: mit eigenen medizinischen, logistischen und sicherheitsbezogenen Einheiten. Offen bleibt, ob die staatlichen Stellen die Kapazitätsfrage künftig vor allem durch neue Haftplätze beantworten oder durch eine Begrenzung der Untersuchungshaft selbst.
