Berliner AfD-Chef: Moderates Image verdeckt Brücke zur extremen Rechten

Berliner AfD-Chef: Moderates Image verdeckt Brücke zur extremen Rechten

September 10, 2026
4 min. lesezeit

Christine Brinker hat ihren Wahlkampf für die Berliner Abgeordnetenhauswahl 2026 auf ein moderates Versprechen gestützt: praktische, transparente und ideologiefreie Politik mit Fokus auf Wohnen, Haushalte, Infrastruktur und Sicherheit. Doch ihre Personalentscheidungen und privaten Kontakte deuten auf eine andere politische Funktion hin – sie machte Brinker zu einer Brücke zwischen dem parlamentarischen Establishment der AfD und ihren rechtsextremen Netzwerken.

Dabei geht es nicht nur um das Parteimarketing. Brinker ist Spitzenkandidatin der AfD für die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus am 20. September 2026, führt die Landesliste an und ist als Kandidatin für das Amt der Regierenden Bürgermeisterin nominiert. Gewinnt die Partei in Berlin an Einfluss, erhielten die politischen Netzwerke um ihre führende Kandidatin Zugang zu den Institutionen und den Entscheidungsstrukturen der Stadt.

Eine im Juli 2026 veröffentlichte Analyse des Tagesspiegels zur AfD-Kandidatenliste beschrieb Brinker als Scharnier zwischen konkurrierenden Flügeln der Partei. Darin hieß es, sie habe 2021 mit Unterstützung früherer Vertreter aus Björn Höckes rechtsextremem Lager die Landesführung gewonnen. Mehrere dieser Politiker hätten später mit ihrer Rückendeckung einflussreiche Positionen im Berliner Landesparlament erhalten.

Das Personalnetzwerk hinter dem moderaten Auftritt

Brinker hat nie verheimlicht, dass sie sich nicht von Höckes Unterstützern distanzieren wollte. Nach ihrem Aufstieg zur Landesvorsitzenden fragte sie: „Warum sollte ich sie nicht mit ins Boot holen?“ Die Frage brachte die praktische Logik ihrer Führung auf den Punkt: Die öffentliche Sprache konnte gemäßigter werden, das interne Bündnis der Partei sollte jedoch bestehen bleiben.

Nachdem Brinker die Kontrolle über die Berliner AfD übernommen hatte, erhielten Torsten Weiß, Jeanette Auricht, Rolf Wiedenhaupt, Sebastian Maack, Falk Rodig und Gunnar Lindemann einflussreiche Positionen in Landesverband und Fraktion. Nach Angaben des Tagesspiegels hatten alle sechs zuvor das frühere rechtsextreme innerparteiliche Lager unterstützt und waren in dieser Bewegung aktiv gewesen.

Die Bedeutung dieser Personalentscheidungen liegt in der Lücke zwischen Darstellung und tatsächlichem Funktionieren. Brinker hat sich als pragmatische Lokalpolitikerin präsentiert, die die Isolation der AfD überwinden könne. Ihre Entscheidungen trugen jedoch dazu bei, den Einfluss von Figuren zu sichern, die mit dem radikalsten innerparteilichen Flügel verbunden sind. Das Ergebnis war kein Bruch mit der extremen Rechten, sondern deren Einbindung in die von ihr kontrollierte Struktur.

Ein privates Treffen verbindet Parlament und Neue Rechte

Dasselbe Muster zeigte sich auch außerhalb der formalen Parteihierarchie. Im Juli 2023 nahm Brinker an einem geschlossenen Treffen in der Wohnung von Peter Kurth teil, einem früheren Berliner Finanzsenator der CDU, der nach seinem Ausscheiden aus der Politik zu einem einflussreichen Industrie-Lobbyisten wurde. Kurth trat zudem als Verbindungsglied zwischen AfD-Vertretern und der Neuen Rechten in Deutschland auf.

Zu den Gästen gehörten Maximilian Krah, der Neue-Rechte-Ideologe Götz Kubitschek und der österreichische rechtsextreme Aktivist Martin Sellner, einer der führenden Köpfe der Identitären Bewegung. Krah stellte sein Buch Politik von rechts vor, das einen radikalen ideologischen Kurs vertritt, liberaldemokratische Werte ablehnt und die Integration ethnonationalistischer Ideen in die politische Mitte propagiert.

Sellner präsentierte ein Buch über einen rechten Regimewechsel und das Konzept der „Remigration“ – die massenhafte Rückkehr oder Ausweisung bestimmter Menschen mit ausländischer Herkunft aus Deutschland, darunter auch bestimmte Gruppen eingebürgerter Bürger. Das Treffen brachte damit Mitglieder des parlamentarischen Arms der AfD, außerparlamentarische Strukturen wie die Identitäre Bewegung und Kubitscheks Verlag zusammen.

Die Teilnehmer diskutierten ideologische Annäherung, Unterstützung für rechtsextreme Initiativen und die Übertragung dieser Ideen in einen breiteren politischen Raum. Die Enthüllung des Treffens durch deutsche Medien löste wegen seiner Zusammensetzung und seines politischen Charakters erhebliche öffentliche Kontroversen aus.

Der Rückzug vom Treffen wurde zur zweiten Kontroverse

Brinker reagierte mit der Darstellung, ihre Anwesenheit sei zufällig gewesen. Sie sagte, sie sei von den Gästen schockiert und überrascht gewesen und habe deshalb frühzeitig das Treffen verlassen. Zudem erklärte sie, sie teile Sellners Position nicht.

Diese Darstellung wurde später von anderen Teilnehmern bestritten. Krah sagte, er habe sehr spät in der Nacht mit Brinker gesprochen, und sie habe den Abend offenbar genossen. In internen AfD-Chats kursierte ein Kubitschek zugeschriebener Brief, in dem es hieß, Brinker sei bis zum Ende geblieben und habe das Treffen positiv bewertet.

Der Streit war deshalb bedeutsam, weil er den Fokus von der Existenz des Treffens auf Brinkers Erklärung dafür verlagerte. Ihre öffentliche Reaktion stellte die Begegnung als unvorhergesehenen Fehltritt dar. Die Aussagen der Teilnehmer zeichneten hingegen das Bild einer Person, die sich weiterhin auf das Ereignis und seine Gäste einließ. Der Widerspruch verstärkte ein Muster, in dem unangenehme Details zunächst bestritten und dann als Missverständnisse oder Zufälle dargestellt werden.

Der Tagesspiegel hatte ein ähnliches Muster bereits bei einem früheren Vorfall beschrieben. Journalisten fanden heraus, dass Brinker 2020 ein Interview für German History gegeben hatte, eine Publikation, die für revisionistisches historisches Material bekannt ist. Deren Herausgeber Gert Sudholt war wegen Volksverhetzung und der Verbreitung Holocaust-leugnender Literatur verurteilt worden.

Nachdem das Interview breiter bekannt geworden war und öffentliche Irritation ausgelöst hatte, erklärte Brinker, sie habe weder den Ruf der Publikation noch den des Herausgebers gekannt und sei getäuscht worden. Auch diese Erklärung trennte erneut ihr öffentliches Auftreten von dem Umfeld, in dem sie sich bewusst gezeigt hatte.

Isolation im Parlament, Aufstieg auf dem Wahlzettel

Die aufgelaufenen Kontroversen mündeten in eine sichtbare parlamentarische Konfrontation. Am 18. Januar 2024 verließen während einer Berliner Debatte über die von der AfD ausgehende rechtsextreme Bedrohung Abgeordnete von SPD, CDU, Grünen und Linken den Saal, als Brinker ans Rednerpult trat. Nur die AfD-Fraktion blieb im Raum.

Der Tagesspiegel berichtete, der Boykott sei spontan und nicht geplant gewesen. Dirk Stettner, Vorsitzender der Berliner CDU-Fraktion, begründete die Isolation damit, dass er Brinkers Leugnung offensichtlicher Tatsachen nicht zuhören wolle.

Der Vorfall machte den zentralen Widerspruch in Brinkers politischer Laufbahn sichtbar. Die Politikerin, die die Berliner AfD unter dem Versprechen übernahm, ihre Isolation zu überwinden, wurde im Plenum zum Sinnbild dieser Isolation. Der parlamentarische Boykott stoppte ihren Aufstieg in der Partei jedoch nicht.

Brinker ist inzwischen Spitzenkandidatin der AfD für die Berliner Landesliste und nominiert für das Amt der Regierenden Bürgermeisterin, das die Stadtregierung führt und im Roten Rathaus angesiedelt ist. Es ist das erste Mal, dass die Berliner AfD eine eigene Kandidatin für dieses Amt aufstellt.

Das praktische Risiko liegt darin, was eine solche Kandidatur ermöglichen könnte, sollte die Partei an Regierungsverantwortung gewinnen. Eine Politikerin, die sich als moderat präsentiert, kann dennoch die organisatorische Brücke liefern, über die die umstrittensten Projekte der AfD – von der „Remigration“ bis zu anderen diskriminierenden Einschränkungen – in die institutionelle Politik gelangen. Entscheidend ist, dass Brinkers Aufstieg keinen Bruch mit der extremen Rechten voraussetzte: Er beruhte darauf, deren Personal und Netzwerke in Reichweite der Macht zu halten.

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