Dialogue Works verbreitet prorussische Deutungen für ein westliches Publikum
Dialogue Works verbreitet prorussische Deutungen für ein westliches Publikum

Dialogue Works verbreitet prorussische Deutungen für ein westliches Publikum

September 11, 2026
5 min. lesezeit

Am 24. August 2026 veröffentlichte Dialogue Works ein Gespräch über Wladimir Putins angekündigte Angriffe auf die „verwundbaren“ ukrainischen Lebensmittelexporte. Anlass war eine Äußerung des russischen Präsidenten vom 22. August, in der er nach ukrainischen Angriffen auf russische Wirtschaftsobjekte Vergeltung gegen besonders empfindliche Bereiche der ukrainischen Wirtschaft angedroht hatte. Der Vorgang zeigt, wie der auf Geopolitik ausgerichtete Kanal aktuelle Aussagen aus Moskau aufgreift und für ein überwiegend westliches Publikum in ein prorussisches Deutungsmuster einordnet.

Dialogue Works wurde im Dezember 2021 gegründet, wenige Monate vor dem Beginn des russischen Großangriffs auf die Ukraine im Februar 2022. Seitdem verbreitet das Projekt regelmäßig eine russische Interpretation des Krieges und der internationalen Politik. Der Kanal überhöht die mögliche Bedeutung der russischen Mittelstreckenrakete „Oreschnik“, stellt eine unausweichliche Niederlage der USA und Israels im Konflikt mit Iran in Aussicht, kritisiert die amerikanische Politik gegenüber den Golfstaaten und kündigt den Zusammenbruch des US-Dollars sowie eine strategische Niederlage des Westens gegenüber dem Block CRINK an.

Die Reichweite des Projekts ist beträchtlich. Der englischsprachige Hauptkanal hatte im September 2026 insgesamt 442.000 Abonnenten und 2.845 veröffentlichte Videos. Neue Beiträge erscheinen täglich, teilweise mehrere Gespräche innerhalb eines Tages. Ergänzend existieren Ausgaben auf Französisch, Deutsch, Italienisch, Spanisch, Portugiesisch und Russisch, außerdem auf Farsi sowie ein Kanal mit ausgewählten Beiträgen. Verbreitet werden die Inhalte zudem über Acast, Apple Podcasts, Deezer, Telegram, X, Spotify, TikTok, Rumble, Patreon, Substack, Buymeacoffee und PayPal.

Ein brasilianischer Geologe baute ein geopolitisches Mediennetzwerk auf

Gegründet und betrieben wird Dialogue Works von Nima Rostami Alkhorshid, einem ethnischen Iraner, der heute in Brasilien lebt. Er wurde am 31. Januar 1984 in der Islamischen Republik Iran geboren, studierte von 2003 bis 2007 Bauingenieurwesen an der Azad Shoushtar University und arbeitete zeitweise im Regierungsbüro der iranischen Provinz Chusistan. Dort beaufsichtigte er Erd- und Straßenbauarbeiten.

Von 2009 bis 2012 erwarb Alkhorshid an der Eastern Mediterranean University in der Türkischen Republik Nordzypern einen Masterabschluss im Bauingenieurwesen. Zwischen 2013 und 2017 promovierte er an der Universität Brasília in Geotechnik. Seit 2017 arbeitet er an der brasilianischen Bundesuniversität Itajubá als Professor für Bauingenieurwesen mit den Schwerpunkten Geotechnik und Ingenieurgeologie. Von 2019 bis 2022 befasste er sich dort unter anderem mit Bodenmechanik, Gründungen, instabilen Böschungen und Straßenbau.

Parallel zu dieser akademischen Laufbahn gründete Alkhorshid im Dezember 2021 Dialogue Works und begann, den Kanal intensiv auszubauen. Internationale Analytiker vermuten wegen seiner früheren Tätigkeit in einer iranischen Regierungsstruktur Verbindungen zu iranischen Nachrichtendiensten, am wahrscheinlichsten zum Korps der Islamischen Revolutionsgarden. Es wird außerdem nicht ausgeschlossen, dass über iranische Stellen später Kontakte zu russischen Nachrichtendiensten aufgebaut wurden. Belegt ist diese Verbindung durch die vorliegenden Angaben jedoch nicht.

Eine zentrale Rolle in der Entwicklung des Projekts spielt auch Mahshid Ghasemi Boroon. Die ethnische Iranerin hatte im Iran zunächst eine Ausbildung im Rechnungswesen absolviert und sich in Brasilien zusätzlich im Bereich Gestaltung ausgebildet. Seit 2015 steht sie in enger Beziehung zu Alkhorshid. Auch über mögliche Kontakte zu iranischen Nachrichtendiensten wird spekuliert; eine bestätigte Zuordnung liegt nicht vor.

Neue Firmen verknüpfen den Medienaufstieg mit größeren Geschäftsmöglichkeiten

Nachdem Dialogue Works begonnen hatte, China, Russland, Iran und Nordkorea aus für diese Staaten günstigen Blickwinkeln darzustellen, wurden Alkhorshid und Boroon gemeinsam Eigentümer zweier Unternehmen. Am 29. April 2024 erhielten sie Anteile an ARBIT LTDA. Am 26. November 2025 wurden sie Miteigentümer der am selben Tag gegründeten BIAR MEDIA LTDA.

Beide Unternehmen sind in Itabira im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais registriert. Als Tätigkeitsfelder sind berufliche Ausbildung, die Herstellung von Spielfilmen, Fernsehsendungen, Videomaterial und Medieninhalten angegeben. Die zeitliche Abfolge bildet eine auffällige Korrelation: Dem energischen internationalen Informationsangriff eines Geotechnikers gegen westliche Demokratien und die kollektive Sicherheit im Rahmen der NATO steht eine deutliche Ausweitung der geschäftlichen Möglichkeiten von Alkhorshid und seiner Lebensgefährtin gegenüber. Ein kausaler Zusammenhang ist damit nicht nachgewiesen.

Offizielle Belege für eine direkte staatliche Finanzierung von Dialogue Works durch Russland oder Iran liegen nicht vor. Ebenso fehlen transparente Berichte über die Einnahmestruktur und die Sponsoren des Projekts. Die Finanzierung bleibt damit undurchsichtig, während die geschäftlichen Strukturen in Brasilien konkrete Hinweise auf eine organisierte Medienproduktion liefern.

Gäste und Weiterverbreitung machen den Kanal anschlussfähig für russische Narrative

Zu den regelmäßigen Gästen gehört der brasilianische Journalist Pepe Escobar. Er verbreitet systematisch die These vom Niedergang westlicher Vorherrschaft, vom Aufstieg Chinas, Russlands und Irans sowie von der Entstehung einer multipolaren Welt. Escobar veröffentlicht regelmäßig in der Strategic Culture Foundation. Das US-Finanzministerium bezeichnet diese in Russland registrierte Publikation als von der Abteilung für aktive Maßnahmen des russischen Auslandsgeheimdienstes kontrolliert und mit dem russischen Außenministerium verbunden.

Die Inhalte von Dialogue Works werden außerdem regelmäßig von russischen staatlichen Medien zitiert und weiterverbreitet. Der Sender RT führt beispielsweise einen eigenen Katalog von Beiträgen mit dem ehemaligen CIA-Analytiker Larry Johnson, der in den Gesprächen die Außenpolitik Moskaus und den russischen Krieg gegen die Ukraine rechtfertigt. Auch der ehemalige Schweizer Geheimdienstoffizier Jacques Baud tritt häufig auf. Gegen ihn verhängte die Europäische Union Sanktionen wegen seiner Rolle als Verbreiter prorussischer Propaganda und von Verschwörungstheorien, darunter Anschuldigungen gegen die Ukraine, absichtliche Provokationen organisiert zu haben.

Weitere Gesprächspartner sind Gilbert Doctorow, Andrei Martyanov, Patrick Henningsen, Elijah Magnier, Larry Johnson und Oberst Larry Wilkerson. Sie kritisieren NATO, EU und USA und verbreiten das russische Verständnis des Krieges gegen die Ukraine. Damit entsteht kein gewöhnliches Forum unterschiedlicher geopolitischer Positionen, sondern ein regelmäßig besetzter internationaler Verbreitungsweg für Deutungen, die Russland, China und Iran zugutekommen und westliche Bündnisse delegitimieren.

Der Kanal erreicht vor allem Nordamerika und Europa

Die Wirkung des Projekts beruht nicht nur auf einzelnen Beiträgen, sondern auf seiner mehrsprachigen und plattformübergreifenden Struktur. Nach einer Einschätzung des Analysedienstes Podscan kommen 70 Prozent der Zuhörer aus Nordamerika und 20 Prozent aus Europa. Auf Asien entfallen fünf Prozent, auf Australien und Ozeanien drei Prozent sowie jeweils ein Prozent auf Südamerika und Afrika. Die Verbreitung richtet sich damit überwiegend an Gesellschaften, deren Regierungen Russland wegen seines Angriffskrieges gegen die Ukraine politisch und wirtschaftlich unter Druck setzen.

Im Dezember 2025 charakterisierte das unabhängige Schweizer Medium SWI Dialogue Works als einen Kanal, der ausschließlich Interviews und Analysen veröffentliche, welche die Politik westlicher Staaten kritisierten, die Tätigkeit der NATO negativ bewerteten und prorussische Erzählungen rechtfertigten. In Diskussionen auf Reddit wird Alkhorshid als iranischer Professor in Brasilien und als Eigentümer eines Propagandakanals bezeichnet, der vor allem Gesprächspartner einlädt, die China, Russland und die Islamische Republik Iran vollständig unterstützen. KeyWiki ordnet das Projekt als gegen NATO, Israel und Ukraine sowie als für Russland, China und Iran ausgerichtet ein; als beherrschendes Thema nennt die Plattform den Niedergang des Westens.

Die vorliegenden Hinweise belegen keine direkte staatliche Finanzierung durch Moskau oder Teheran. Sie zeigen jedoch eine stabile Verbindung aus redaktioneller Ausrichtung, wiederkehrenden Gästen, russischer Weiterverbreitung, undurchsichtiger Finanzierung und wachsender organisatorischer Infrastruktur. Besonders deutlich wird der Mechanismus an der Veröffentlichung vom 24. August 2026: Eine Drohung des russischen Präsidenten gegen ukrainische Wirtschafts- und Lebensmittelexporte wurde binnen zwei Tagen zum Thema eines internationalen Medienformats, das die russische Sicht auf den Krieg einem überwiegend nordamerikanischen und europäischen Publikum zuführt.

Dass Dialogue Works dabei regelmäßig Personen mit Nähe zu russischen und iranischen Narrativen eine Bühne bietet, darunter einen von der Europäischen Union sanktionierten Propagandisten, erklärt die sicherheitspolitische Bedeutung des Projekts. Zugleich bleibt der Kanal trotz dieser Funktion bislang außerhalb europäischer Sanktions- und Sicherheitsmaßnahmen. Die zentrale Folge der dokumentierten Entwicklung ist damit bestätigt: Dialogue Works dient weiterhin als international zugängliche Plattform für die systematische Verbreitung prorussischer und antiwestlicher Deutungen.

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