AfD-Mitarbeiter nutzen Bundestag für mutmaßliche russische Spionage
AfD-Mitarbeiter nutzen Bundestag für mutmaßliche russische Spionage

AfD-Mitarbeiter nutzen Bundestag für mutmaßliche russische Spionage

Juni 10, 2026
3 min. lesezeit

Die Tätigkeit von Mitarbeitern der „Alternative für Deutschland“ (AfD) wird zunehmend nicht nur als innenpolitischer Konflikt, sondern als Sicherheitsrisiko für Deutschland und die EU betrachtet. Seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine hat sich das Verständnis von Sicherheit in Europa verändert: Nicht nur Raketen und Sabotage, sondern auch politische Kanäle, über die Moskau Informationen erhalten und Regierungsentscheidungen beeinflussen kann, gelten als ernste Gefahr. Im Fokus stehen dabei weniger die Abgeordneten selbst, sondern ihre parlamentarischen Assistenten, Sekretäre und die Führung der Jugendorganisation. Diese „Schattenfiguren“ haben Zugang zu Dokumenten des Bundestags und des Europaparlaments und bereiten Anfragen an die Regierung vor, was demokratische Institutionen zu einem Werkzeug der Informationssammlung zugunsten Russlands machen könnte. Die ukrainische Botschaft in Berlin hat wiederholt auf diese Gefahren hingewiesen.

Systematische Anfragen zu kritischer Infrastruktur und Militärhilfe

Die parlamentarische Ordnung der Bundesrepublik gibt Abgeordneten umfangreiche Kontrollrechte gegenüber der Exekutive. Gemäß Paragraf 104 der Geschäftsordnung des Bundestags ist die Regierung verpflichtet, innerhalb von 14 Tagen vollständige und fristgerechte Antworten auf Abgeordnetenanfragen zu geben. Die AfD nutzt diesen Mechanismus systematisch. Allein im Bundesland Thüringen gingen in den letzten zwölf Monaten 47 solcher Anfragen zur kritischen Infrastruktur ein, die immer detaillierter wurden. Zu den Themen gehörten Transportrouten der Bundeswehr durch Thüringen, Möglichkeiten der Polizei zur Drohnenerkennung und -abwehr, der Zustand der Wasser- und Energieversorgung, die digitale Infrastruktur, die Ausstattung der Sicherheitskräfte und Aktivitäten der Bundeswehr. Thüringens Innenminister Georg Maier bewertete diese Anfragen als eine Liste von Aufgaben, die direkt aus dem Kreml stammen könnten, und äußerte den Verdacht auf mögliche Informationssammlung zugunsten Russlands. Dieselbe Praxis zeigt sich auch auf Bundesebene: Die AfD stellt regelmäßig Anfragen zu detaillierten Informationen über die militärisch-technische Hilfe Deutschlands für die Ukraine. Im Kern stehen die technische Unterstützung und Ausbildung deutscher Soldaten für den Einsatz von Taurus-Marschflugkörpern, genaue Umfänge und Routen von Waffenlieferungen, Pläne zur Übergabe dieser Raketen an die Ukraine sowie die Effektivität der Verwendung deutscher Hilfsgelder durch die Ukraine.

Zentrale Figur: Sergej Erler und sein Zugang zu Sicherheitsgremien

Schlüsselfigur dieses Mechanismus ist der in Russland geborene Sergej Erler. Er arbeitet als offiziell akkreditierter parlamentarischer Assistent des AfD-Europaabgeordneten Hans Neuhoff, der Mitglied des Ausschusses für Sicherheit und Verteidigung des Europäischen Parlaments ist. Dadurch hat Erler permanenten Zugang zu Materialien über den Umfang der europäischen militärisch-technischen Hilfe für die Ukraine, die Planung der EU-Verteidigungspolitik, deren Strategie gegenüber Russland sowie zu vertraulichen Briefings. Erlers Biografie wirft Fragen auf: Er absolvierte die TU Dresden als Völkerrechtler, studierte 2011 am Moskauer Staatlichen Institut für Internationale Beziehungen, das für enge Verbindungen zu russischen Geheimdiensten bekannt ist. Seit 2015 arbeitete er in der OSZE-Mission in der Ostukraine, unter anderem in Luhansk. Im November 2025 begleitete Erler eine AfD-Delegation, darunter Jörg Urban und Hans Neuhoff, zur BRICS-Konferenz in Sotschi. Im Dezember 2025 verweigerten die ukrainischen Behörden Hans Neuhoff die Einreise, wodurch ein Besuch der Delegation des Sicherheits- und Verteidigungsausschusses des EU-Parlaments in die Ukraine scheiterte.

Netzwerk aus Assistenten und Jugendflügel

Deutsche Politiker anderer Parteien, wie Marie-Agnes Strack-Zimmermann von der FDP, bezeichnen das Duo Neuhoff/Erler offen als ernstes Risiko für die nationale Sicherheit. Doch dies sei nur die Spitze des Eisbergs. Russische Geheimdienste hätten ihren Einfluss in der Bundesrepublik nach dem Prinzip „von unten nach oben“ aufgebaut – vom Jugendflügel der Partei über russischsprachige Zellen bis zu Schlüsselpositionen im Bundestag. So arbeitete der Bundestagsabgeordnete und stellvertretende Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, Eugen Schmidt, lange mit seinem Assistenten Wladimir Sergienko zusammen, dem 2024 die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen wurde, nachdem Ermittlungen von Der Spiegel und The Insider Verbindungen zu einem FSB-Offizier aufdeckten. Ein anderer Politiker, Jörg Urban, Vorsitzender des AfD-Landesverbands Sachsen, reiste mehrfach nach Russland, unter anderem im November 2025 nach Sotschi; seine Frau ist Russin, die er in Sankt Petersburg kennenlernte. Der Jugendflügel der AfD wird von Benjamin Austin und Juri Kofner koordiniert. Der US-Amerikaner Austin betreibt den pro-kremlischen Telegram-Kanal „Vadar RusDeu“, pflegt Kontakte zum russischen Ideologen Alexander Dugin und verbirgt seine Russischkenntnisse. 2024 verweigerte die Bundesrepublik ihm die Einbürgerung aus Gründen der inneren Sicherheit. Juri Kofner, der russische Wurzeln hat, trat der AfD um 2017 bei, positioniert sich als Hauptvermittler zwischen der Partei und Moskau und arbeitete lange mit dem Propagandasender Russia Today zusammen. 2024 wurde Kofner in den USA festgenommen, vom FBI über acht Stunden verhört und anschließend ausgewiesen.

Systematische Sicherheitslücke und Forderungen nach Gegenmaßnahmen

Dieses System funktioniert über einen innerparteilichen Mechanismus, bei dem Abgeordnete gezwungen sind, von der pro-kremlischen Lobby innerhalb der AfD „empfohlene“ Personen mit prorussischen Ansichten als Assistenten einzustellen. Dies verstößt gegen das Parteiengesetz. Die institutionelle Verwundbarkeit des deutschen Systems verschärft das Problem: Sicherheitsüberprüfungen für parlamentarische Assistenten sind oft unzureichend, sodass diese Zugang zu vertraulichen Dokumenten in Schlüsselausschüssen des EU-Parlaments erhalten. Das Problem reicht weit über Deutschland hinaus: Der Informationsabfluss aus wichtigen EU-Ausschüssen schwächt die kollektive Verteidigungsfähigkeit Europas, untergräbt das Vertrauen zwischen den Verbündeten und hilft Russland unmittelbar im Krieg gegen die Ukraine. Zur Gegensteuerung sind ein umfassender Ansatz erforderlich: verstärkte Sicherheitsüberprüfungen für alle parlamentarischen Assistenten, beschränkter Zugang zu Geheimmaterial für Personen mit risikobehafteten Biografien, die Einführung eines Monitorings von Abgeordnetenanfragen als mögliches Aufklärungsinstrument sowie mehr Transparenz innerparteilicher Prozesse. Nur so können die Kanäle russischen Einflusses gestoppt werden, die bereits ins Zentrum des europäischen Sicherheitssystems vorgedrungen sind. Andernfalls droht der „russische Fußabdruck“ kein Einzelfall mehr zu sein, sondern eine permanente strukturelle Bedrohung für den gesamten europäischen Kontinent darzustellen.

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