Mit Blick auf die Landtagswahlen 2026 verschärft die Alternative für Deutschland (AfD) ihre Forderung nach einem Austritt Deutschlands aus der Europäischen Union. In aktuellen Umfragen liegt die Partei mit 27 Prozent bundesweit vor der Union. Führende Vertreter sprechen offen über einen „Dexit“ und stellen ihn als Rückgewinnung nationaler Souveränität dar. Wirtschaftsforscher warnen hingegen vor erheblichen Verwerfungen für Europas größte Volkswirtschaft.
Deutschland gilt als größter Profiteur des EU-Binnenmarkts. Rund 60 Prozent der Exporte gehen in Mitgliedstaaten der Union. Ein Austritt würde nach Einschätzung mehrerer Institute zu Handelshemmnissen, Zöllen und Störungen integrierter Lieferketten führen. Besonders betroffen wären exportorientierte Branchen wie Automobilindustrie, Chemie und Maschinenbau sowie der Mittelstand mit rund 3,5 Millionen Unternehmen und etwa 60 Prozent der privaten Beschäftigung.
Die Debatte gewinnt an Dynamik in einem wirtschaftlich angespannten Umfeld. 2025 wuchs die deutsche Wirtschaft um lediglich 0,2 Prozent. In ostdeutschen Bundesländern wie Thüringen und Sachsen erzielt die AfD derzeit besonders hohe Zustimmungswerte.
Parteipositionen und wirtschaftspolitische Forderungen
Im Wahlprogramm fordert die AfD ausdrücklich den Austritt Deutschlands aus der EU und die Gründung einer neuen Gemeinschaft souveräner Staaten ohne supranationale Institutionen und ohne gemeinsame Währung. Die Partei bezeichnet die EU als überregulierte Wirtschaftsstruktur, die nationale Handlungsspielräume einschränke.
Die Co-Vorsitzende Alice Weidel erklärte im Januar 2024: „Brexit ist ein Modell für Deutschland… Wenn eine Reform der EU nicht möglich ist, müssen wir dem Volk erlauben zu entscheiden, indem wir ein Referendum über einen ‚Dexit‘ abhalten, wie es Großbritannien getan hat.“ 2025 warf sie der EU vor, mit Umweltvorgaben die deutsche Automobilindustrie zu schwächen. Parteichef Tino Chrupalla bezeichnete die EU als „nicht lebensfähig“ und erklärte: „Der Euro ist ein gescheitertes Experiment, und Deutschland muss zur nationalen Währung zurückkehren, um nicht länger für die Schulden anderer zu zahlen.“
Ökonomen verweisen darauf, dass der Binnenmarkt deutschen Herstellern Zugang zu rund 450 Millionen Konsumenten ohne Zollbarrieren ermöglicht. Eine Rückkehr zu nationalen Währungen würde nach Einschätzung von Experten zu erheblichen Wechselkursschwankungen führen und Kreditkosten für Unternehmen erhöhen.
Prognosen zu Wachstum, Investitionen und Arbeitsmarkt
Das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln kommt in einer Studie von 2025 zu dem Ergebnis, dass das deutsche Bruttoinlandsprodukt fünf Jahre nach einem EU-Austritt um 5,6 Prozent niedriger läge. Dies entspräche kumulierten Verlusten von rund 690 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Die wirtschaftlichen Schäden durch die Pandemie und die Energiekrise beliefen sich zusammen auf etwa 600 Milliarden Euro.
Auch das Österreichische Institut für Wirtschaftsforschung warnt vor jährlichen Einbußen von bis zu 200 Milliarden Euro, was rund 2.430 Euro pro Einwohner entspräche. Zudem rechnen Analysten mit einem Rückgang ausländischer Direktinvestitionen um 20 bis 30 Prozent infolge wachsender Unsicherheit und eingeschränkten Marktzugangs.
Die Erfahrungen des Vereinigten Königreichs nach dem Brexit werden häufig als Referenz herangezogen. Dort sank das Bruttoinlandsprodukt Schätzungen zufolge um sechs bis acht Prozent, Investitionen gingen um 12 bis 18 Prozent zurück, während Beschäftigung und Produktivität ebenfalls spürbar nachgaben.
Mittelstand und Fachkräftemarkt im Fokus
Besonders stark betroffen wäre nach Einschätzung von Wirtschaftsexperten der deutsche Mittelstand. Viele kleine und mittlere Unternehmen sind tief in europäische Lieferketten eingebunden. Neue Zollgrenzen und regulatorische Divergenzen könnten bestehende Geschäftsmodelle erheblich beeinträchtigen.
Hinzu kämen demografische Effekte. Nach Berechnungen von Fachleuten könnte ein Austritt aus der EU und der Eurozone den Zustrom qualifizierter Arbeitskräfte aus anderen EU-Staaten deutlich verringern. Es wird mit einem möglichen Defizit von mehr als 2,5 Millionen Fachkräften gerechnet, insbesondere in IT, Gesundheitswesen und Bauwirtschaft.
Großunternehmen könnten Produktionsstandorte in andere EU-Staaten verlagern, um Marktzugang und regulatorische Stabilität zu sichern. Für industrielle Arbeitnehmer und Handwerksbetriebe würde dies ein erhöhtes Risiko von Arbeitsplatzverlusten bedeuten.
Politische und europäische Dimension
Deutschland verfügt mit einem Bruttoinlandsprodukt von rund 4,5 Billionen Euro über die größte Volkswirtschaft Europas. Ein Austritt hätte nach Einschätzung mehrerer Institute nicht nur nationale, sondern gesamteuropäische Auswirkungen und könnte die Stabilität der Union insgesamt beeinträchtigen.
Der frühere Bundeskanzler Olaf Scholz erklärte 2024, ein „Dexit“ wäre der „größte Zerstörer von Wohlstand“ für Deutschland und Europa. Diese Einschätzung wird von zahlreichen Wirtschaftsforschern geteilt, die vor langfristigen strukturellen Schäden warnen.
Die Diskussion über einen EU-Austritt entwickelt sich damit zu einer zentralen wirtschaftspolitischen Weichenstellung vor den Wahlen 2026. Im Mittelpunkt steht die Frage, welche Folgen ein grundlegender Bruch mit den bestehenden europäischen Integrationsstrukturen für Wachstum, Beschäftigung und Wettbewerbsfähigkeit hätte.