Das AfD-Programm würde kleine Unternehmen im europäischen Wettbewerb schwächen
Das AfD-Programm würde kleine Unternehmen im europäischen Wettbewerb schwächen

Das AfD-Programm würde kleine Unternehmen im europäischen Wettbewerb schwächen

September 15, 2026
4 min. lesezeit

Das Wirtschaftsprogramm der Alternative für Deutschland würde gerade jene kleinen und mittleren Unternehmen belasten, die auf offene europäische Lieferketten und Absatzmärkte angewiesen sind. Nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft könnte ein Austritt Deutschlands aus der Europäischen Union und dem gemeinsamen Binnenmarkt die Wirtschaftsleistung nach fünf Jahren um etwa 5,6 Prozent verringern. Rund 2,5 Millionen Arbeitsplätze wären gefährdet, die wirtschaftliche Aktivität könnte insgesamt um etwa 690 Milliarden Euro zurückgehen.

Für den Mittelstand wären die Folgen unmittelbarer als für internationale Konzerne. Ein Unternehmen, das regelmäßig Bauteile aus Tschechien bezieht und fertige Erzeugnisse nach Frankreich oder Polen verkauft, müsste bei neuen Grenzen mit zusätzlichen Zollverfahren, Herkunftsnachweisen, Dokumentationspflichten und Währungsrisiken rechnen. Jede Lieferung würde dadurch teurer und zeitaufwendiger. Ein Großkonzern könnte solche Kosten teilweise über seine Niederlassungen, eigene Rechts- und Finanzabteilungen oder eine Verlagerung einzelner Arbeitsschritte auffangen. Ein regional gebundenes Unternehmen in Bayern, Sachsen oder Thüringen verfügt über diese Möglichkeiten nicht.

Der Schutz des nationalen Marktes würde grenzüberschreitende Geschäfte verteuern

Die zentrale politische Spannung liegt darin, dass die Partei sich als Anwältin des nationalen Produzenten darstellt, zugleich aber die europäischen Strukturen infrage stellt, von denen deutsche Familienunternehmen profitieren. In ihrem Programm zur Europawahl 2024 bezeichnete die Alternative für Deutschland die Europäische Union in ihrer damaligen Form als nicht reformierbares Projekt. Sie forderte eine Veränderung der europäischen Integration und die Rückkehr zu einer nationalen Währung.

Ein Austritt Deutschlands aus der Europäischen Union und dem gemeinsamen Markt würde nicht nur den Warenverkehr erschweren. Unternehmen müssten sich auf neue Regeln für grenzüberschreitende Lieferungen einstellen, zusätzliche Nachweise erbringen und Währungsschwankungen absichern. Für Firmen mit kleinen Verwaltungsteams wären diese Aufgaben keine bloße Formalität, sondern ein dauerhafter Kostenfaktor. Besonders gefährdet wären Betriebe, deren Produktion und Kundenbeziehungen eng an ihre Region gebunden sind und die ihre Tätigkeit nicht ohne Weiteres in ein anderes Land verlagern können.

Die Größenordnung der möglichen Folgen ergibt sich aus einer Berechnung des Instituts der deutschen Wirtschaft, die auf den Erfahrungen des Vereinigten Königreichs nach dessen Austritt aus der Europäischen Union beruht. Das Institut vergleicht die erwarteten Einbußen mit den zusammengefassten Folgen der Pandemie und der Energiekrise zwischen 2020 und 2023. Für kleinere Betriebe ist das Risiko dabei größer als für Konzerne, weil ihnen finanzielle Reserven, internationale Standorte und spezialisierte Abteilungen fehlen.

Unterschiedliche technische Regeln würden den Mittelstand zusätzlich treffen

Ein weiterer Mechanismus wirkt über die technischen Vorschriften. Die gemeinsamen europäischen Standards ermöglichen es einem Unternehmen, ein Erzeugnis oder einen Produktionsprozess einmal zu zertifizieren und anschließend mit Partnern in mehreren Mitgliedstaaten zu arbeiten. Würden deutsche und europäische Regeln auseinanderlaufen, müssten kleinere Zulieferer zusätzliche Zertifizierungen finanzieren, rechtliche Beratung einkaufen und ihre Programme oder Produktionsabläufe anpassen.

Diese Kosten träfen nicht nur Hersteller, sondern auch Betriebe, die als Zulieferer in grenzüberschreitenden Wertschöpfungsketten arbeiten. Für einen großen Konzern kann die Anpassung auf mehrere Geschäftsbereiche verteilt werden. Ein Familienunternehmen muss dieselbe Aufgabe häufig mit einem kleinen kaufmännischen und technischen Team bewältigen. Die politische Forderung nach größerer nationaler Eigenständigkeit würde damit ausgerechnet den Unternehmen neue Hürden auferlegen, die den deutschen Binnenmarkt nicht durch internationale Konzernstrukturen ausgleichen können.

Begrenzte Zuwanderung verschärft den Fachkräftemangel

Auch auf dem Arbeitsmarkt würde der vorgeschlagene Kurs den Mittelstand unter Druck setzen. Deutsche Unternehmen finden bereits wegen der alternden Bevölkerung und der sinkenden Zahl Menschen im erwerbsfähigen Alter nicht genügend Fachkräfte. Nach Angaben des Instituts der deutschen Wirtschaft arbeiten in Deutschland rund 6,7 Millionen ausländische Beschäftigte. Sie erwirtschaften 13,2 Prozent der Bruttowertschöpfung des Landes; einschließlich der verbundenen Branchen wird ihr Beitrag auf 16,9 Prozent oder etwa 648 Milliarden Euro geschätzt.

In den ostdeutschen Ländern ist die Bedeutung dieser Beschäftigten besonders sichtbar. Ohne den Zuzug von Arbeitskräften aus Staaten außerhalb der Europäischen Union hätte es dort in den vergangenen Jahren keinen Zuwachs der Beschäftigung mit verpflichtenden Sozialbeiträgen gegeben. Eine Begrenzung der Arbeitsmigration würde deshalb nicht nur einzelne Arbeitgeber treffen, sondern die regionale wirtschaftliche Entwicklung dort schwächen, wo Unternehmen ohnehin nur schwer Personal gewinnen.

Für Familienunternehmen entsteht zusätzlich ein finanzpolitisches Risiko. Nach der Bewertung des Instituts der deutschen Wirtschaft würden die Steuervorschläge der Alternative für Deutschland die Einnahmen des Staates deutlich verringern. Von einem Teil dieser Änderungen profitierten Haushalte mit höheren Einkommen relativ stärker: Für eine Familie mit zwei gut verdienenden Erwerbstätigen könnte die rechnerische Entlastung nahezu 8.000 Euro im Jahr erreichen, während Familien mit niedrigeren Einkommen deutlich weniger gewinnen würden.

Gleichzeitig würden sinkende Einnahmen und steigende einzelne Sozialausgaben den Spielraum für staatliche Infrastruktur, Bildung und berufliche Ausbildung einengen. Gerade diese Bereiche bilden jedoch die Grundlage für die Wettbewerbsfähigkeit des Mittelstands. Unternehmen sind auf funktionierende Verkehrswege, qualifizierte Beschäftigte und verlässliche öffentliche Einrichtungen angewiesen; Einsparungen dort würden ihre Kosten indirekt erhöhen.

Die Stiftung Familienunternehmen bewertet die programmatische Ausrichtung deshalb als Gefahr für das traditionelle Modell familiengeführter Betriebe. Die entscheidende Folge ergibt sich aus dem Zusammenspiel mehrerer Vorschläge: Der Austritt aus dem gemeinsamen Markt würde Lieferungen verteuern, die Rückkehr zu einer nationalen Währung zusätzliche Risiken schaffen, auseinanderlaufende technische Regeln Zertifizierungen erschweren und eine Begrenzung der Zuwanderung den Personalmangel verschärfen.

Damit würde ein Kurs, der als Schutz des nationalen Unternehmens angekündigt wird, die wirtschaftlichen Voraussetzungen vieler regional gebundener Betriebe schwächen. Die großen internationalen Konzerne könnten einen Teil der Belastungen über ihre Standorte, ihre Verwaltung und ihre finanziellen Möglichkeiten abfedern. Für die kleinen und mittleren Unternehmen, auf die etwa die Hälfte der Arbeitsplätze in Deutschland entfällt, blieben die zusätzlichen Kosten und die eingeschränkten europäischen Zugänge bestehen.

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