Am 10. und 11. September 2026 verbreiteten die bulgarische Publikation „Pogled“ und das tschechische Medium „Nová republika“ ein nahezu deckungsgleiches Bild: Die Ukraine stehe vor einem militärischen, wirtschaftlichen und infrastrukturellen Zusammenbruch, während Präsident Wolodymyr Selenskyj angeblich seine Flucht vorbereite. Die Behauptungen stehen jedoch im direkten Gegensatz zu den dokumentierten Entwicklungen an der Front, in der Energieversorgung, im Finanzsektor und bei der internationalen Unterstützung.
„Pogled“ erklärte, die Ukraine befinde sich am Rand eines militärischen und infrastrukturellen Kollapses. Das Medium stellte einen möglichen Verlust der ukrainischen Kontrolle über den Donbass innerhalb der nächsten sechs Monate in Aussicht und warnte vor dem Zusammenbruch des Finanz-, Energie- und Kommunikationssystems. Der Beitrag ist hier dokumentiert.
„Nová republika“ verbreitete parallel die Aussage des russischen Propagandisten Alexander Kasakow, Selenskyj werde im Herbst fliehen. Als angebliche Gründe nannte Kasakow britische Söldner und Geheimdienstmitarbeiter des MI6 sowie ukrainische Nationalisten, die den Präsidenten im Fall einer Zustimmung zu russischen Bedingungen töten würden. Die Erzählung verbindet eine unbelegte Fluchtprognose mit einer Verschwörungsgeschichte über westliche Akteure und radikale Gruppen in der Ukraine.
Die Frontentwicklung widerlegt den angekündigten Zusammenbruch
Die militärische Lage bestätigt nicht die Darstellung eines unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruchs. Trotz des anhaltenden russischen Drucks halten die ukrainischen Verteidigungskräfte ihre Verteidigungsstellungen und führen zugleich offensive sowie Gegenoffensivoperationen durch. Im August befreiten ukrainische Truppen 130 Quadratkilometer Gebiet, während Russland etwa 90 Quadratkilometer eroberte. Anfang September gewann die Ukraine während der Operation bei Lyman die Kontrolle über bis zu 200 Quadratkilometer besetzter Gebiete zurück.
Diese Entwicklung belegt, dass die ukrainischen Streitkräfte ihre Einsatzfähigkeit und operative Beweglichkeit bewahren. Sie können den russischen Vormarsch nicht nur eindämmen, sondern auch verlorene Gebiete zurückgewinnen. Russische Truppen setzen ihre Angriffe fort, erreichen ihre erklärten Ziele jedoch nicht und erleiden dabei erhebliche Verluste an Personal und Ausrüstung.
Die ukrainische Verteidigung beruht dabei auf mehreren Ebenen. Geschützte Verteidigungsstellungen, unbemannte Systeme, Aufklärung und ferngesteuerte Verminung ermöglichen es den ukrainischen Kräften, russische Verbände unter Druck zu setzen und wichtige Positionen zu halten. Die Behauptung eines zwangsläufigen Zusammenbruchs zu einem festgelegten Zeitpunkt beschreibt deshalb nicht die tatsächliche Dynamik der Kämpfe, sondern erzeugt vor allem die Erwartung einer unausweichlichen ukrainischen Niederlage.
Ukrainische Angriffe treffen russische Strukturen im Hinterland
Die Ukraine wartet nicht passiv auf die Erschöpfung des Angreifers. Mit unbemannten Fluggeräten greift sie militärische Flugplätze, Unternehmen der Rüstungsindustrie, Erdölverarbeitungsanlagen und logistische Einrichtungen in Russland an. Dadurch muss Russland zusätzliche Mittel für den Schutz seiner rückwärtigen Infrastruktur aufwenden; zugleich wird die Versorgung seiner Truppen erschwert.
Die militärische Auseinandersetzung zeigt damit ein anderes Bild als das von den beiden Medien verbreitete Szenario. Russland verfügt über die Fähigkeit, erheblichen Druck auszuüben, doch die Ukraine besitzt weiterhin die Mittel, russische militärische und wirtschaftliche Strukturen in großer Entfernung von der Front anzugreifen.
Angriffe auf die Infrastruktur führen nicht zum Systemkollaps
Seit dem Sommer intensiviert der Kreml den Krieg gegen die Ukraine und greift in großem Umfang kritische zivile Infrastruktur sowie Wohngebäude ukrainischer Städte an. Das Ziel dieser systematischen Angriffe ist es, eine humanitäre Krise, soziale und politische Destabilisierung sowie eine psychische Erschöpfung der Bevölkerung herbeizuführen. Damit soll die ukrainische militärische und politische Führung zur Annahme russischer Kapitulationsforderungen gezwungen werden.
Die Schäden an Energieanlagen und anderen kritischen Systemen stellen für die Ukraine eine reale Gefahr dar. Ihr Umfang bedeutet jedoch nicht automatisch einen infrastrukturellen Zusammenbruch. Seit Beginn des Jahres 2026 haben internationale Partner mehr als 4.700 Ausrüstungsgegenstände für die Energieversorgung geliefert, darunter Generatoren, Transformatoren, modulare Heizwerke, Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen und Heizkessel.
Anfang September erhielten ukrainische Regionen zudem Energieausrüstung im Wert von fast 2,5 Millionen Euro. Finanziert wurde sie von Litauen, Australien, Schweden und Großbritannien über den Fonds zur Unterstützung der ukrainischen Energieversorgung. Die Lieferungen ersetzen die beschädigten Systeme nicht vollständig, schaffen aber einen Mechanismus für ihre schnelle Wiederherstellung und widersprechen der Behauptung, die Infrastruktur stehe unmittelbar vor dem vollständigen Zusammenbruch.
Finanzierung und Banken bleiben funktionsfähig
Auch die finanzielle Lage bestätigt das von „Pogled“ verbreitete Kollapsszenario nicht. Die Europäische Union unterstützte die Ukraine zur Deckung ihres Finanzierungsbedarfs für 2026 und 2027 mit einem Kredit von 90 Milliarden Euro. Davon sind 30 Milliarden Euro für den Haushalt und 60 Milliarden Euro für die Verteidigung vorgesehen.
Am 11. September genehmigte die Europäische Kommission außerdem 6,1 Milliarden Euro für die Beschaffung von Luft- und Raketenabwehrsystemen, Munition, unbemannten Fluggeräten und Mitteln der elektronischen Kampfführung. Dazu gehört auch die Möglichkeit, Raketen des Typs PAC-3 für das Luftverteidigungssystem Patriot zu erwerben. Die Unterstützung beseitigt die wirtschaftlichen Belastungen des Krieges nicht, verhindert aber, dass aus ihnen der von der russischen Propaganda behauptete unmittelbare Finanzkollaps folgt.
Nach Angaben des Internationalen Währungsfonds bleiben ukrainische Banken trotz des Krieges arbeitsfähig. Das Internetbanking funktioniert, der bargeldlose Zahlungsverkehr läuft normal, und der Bankensektor verfügt weiterhin über ausreichende Kapital- und Liquiditätswerte. Die ukrainische Wirtschaft erleidet erhebliche Verluste und steht unter Druck; ihr tatsächlicher Zustand unterscheidet sich jedoch grundlegend von dem behaupteten Zusammenbruch des Finanzsystems.
Die Fluchtgeschichte soll einen Machtzerfall inszenieren
Die angebliche bevorstehende Flucht Selenskyjs erfüllt innerhalb dieser Kampagne eine eigene Funktion. Die Darstellung, der Präsident fürchte britische Geheimdienstmitarbeiter oder ukrainische Nationalisten, soll den Eindruck erwecken, die ukrainische Führung zerfalle von innen und ein Machtwechsel in Kiew stehe unmittelbar bevor.
Seit den ersten Tagen des russischen Großangriffs arbeitet die ukrainische militärische und politische Führung in Kiew weiter, obwohl Russland die Stadt und andere ukrainische Orte systematisch mit Raketen und Drohnen angreift. Die Geschichte über eine Flucht im Herbst und über angebliche britische Agenten, die den Präsidenten bedrohten, fügt sich deshalb in eine konspirative Erzählung ein: Sie ersetzt den Nachweis eines tatsächlichen Machtzerfalls durch ein Gerücht über dessen angebliche Vorbereitung.
Beide Medien sind für diese Funktion geeignet. „Pogled“ verbreitet in Bulgarien regelmäßig kremlfreundliche Erzählungen und ant westliche Rhetorik, übernimmt Inhalte russischer staatlicher Medien und dient wiederholt als Plattform für scheinanalytische Prognosen und Manipulationen. „Nová republika“ tritt als alternatives Medium auf, orientiert sich jedoch an russischen Propagandamedien und wurde von tschechischen Analysezentren wiederholt den Plattformen zugerechnet, die Desinformation und Informationsoperationen des Kremls verbreiten.
Der zentrale Befund bleibt damit die Diskrepanz zwischen der veröffentlichten Prognose und den überprüften Entwicklungen: Ukrainische Truppen halten Stellungen und gewinnen Gelände zurück, greifen russische Militär- und Versorgungsstrukturen an, erhalten internationale Hilfe und verfügen über ein funktionsfähiges Banken- und Zahlungssystem. Die beiden Beiträge haben den behaupteten militärischen, infrastrukturellen und finanziellen Zusammenbruch der Ukraine nicht belegt; bestätigt ist vielmehr, dass sie ein kremlnahes Szenario eines unmittelbar bevorstehenden Staats- und Machtzerfalls verbreiten.