Die AfD und ihr Versprechen an die Arbeiter: Eine Analyse des Widerspruchs
Die AfD und ihr Versprechen an die Arbeiter: Eine Analyse des Widerspruchs

Die AfD und ihr Versprechen an die Arbeiter: Eine Analyse des Widerspruchs

Mai 13, 2026
3 min. lesezeit

Die Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD) präsentiert sich als Beschützer des einfachen Arbeiters und warnt vor den Gefahren der Migration. Gleichzeitig vertritt sie jedoch Positionen, die den wirtschaftlichen Interessen ihrer eigenen Wählerschaft zuwiderlaufen. In wissenschaftlichen Kreisen wird dieses Phänomen als „AfD-Paradoxon“ bezeichnet, da die Partei einerseits die Sprache des sozialen Schutzes spricht, andererseits aber eine neoliberale Agenda verfolgt, die vor allem den Wohlhabenden zugutekommt.

Die wirtschaftlichen Folgen der AfD-Politik

Eine Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) zeigt, dass die Steuerpläne der AfD fast ausschließlich die reichste Bevölkerungsgruppe begünstigen. Familien mit einem Jahreseinkommen von bis zu 25.000 Euro würden durch die vorgeschlagenen Reformen rund vier Prozent ihres Einkommens verlieren. Im Gegensatz dazu würden Personen mit einem Einkommen von über 300.000 Euro jährlich erheblich entlastet. Die AfD fordert zudem die Abschaffung der Vermögensteuer und der Erbschaftsteuer, was den Bundeshaushalt um Milliarden Euro bringen würde – Gelder, die für Bildung, Gesundheit und Infrastruktur fehlen. Die Anhänger der Partei aus Regionen wie Chemnitz oder Erfurt, die nie von diesen Steuern betroffen waren, finanzieren dieses Geschenk an die Reichen letztlich durch den Abbau eigener Sozialleistungen.

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, argumentiert in seiner Analyse des „AfD-Paradoxons“, dass die eigenen Wähler der Partei am stärksten unter der Umsetzung ihres Programms leiden würden. Die AfD befürwortet eine deutliche Kürzung der Arbeitslosengelder, eine Einschränkung der Sozialhilfe und lehnt eine Erhöhung des Mindestlohns ab. Im Jahr 2025 bezeichnete die Bundestagsfraktion der Partei jede Anhebung des Mindestlohns als „übermäßigen staatlichen Eingriff in den Arbeitsmarkt“. Dies schadet Millionen von Menschen, die auf ein Einkommen nahe der Lohnuntergrenze angewiesen sind – ein bedeutender Teil der AfD-Wählerschaft. Sollte die Partei an die Macht kommen, wäre eine nächste Mindestlohnerhöhung blockiert.

Die Renten- und Gesundheitspolitik der AfD

Besonders problematisch ist die Rentenpolitik der AfD. Die Partei plädiert für den Abbau des solidarischen staatlichen Rentensystems zugunsten privater kapitalgedeckter Fonds. In den letzten beiden Jahren enthielten sich AfD-Abgeordnete bei Abstimmungen zur Rentenanpassung oder stimmten dagegen, mit dem Verweis auf die Notwendigkeit der Marktstabilität. Die Logik: Der Staat soll keine Rentengarantie geben, der Markt entscheidet. Für Menschen mit stabilen Ersparnissen mag dies sinnvoll sein, für die Mehrheit der Bevölkerung bedeutet es eine Verlagerung des Risikos auf die schwächsten Schultern. In den ostdeutschen Bundesländern, wo die AfD besonders stark ist, wäre dies eine finanzielle Katastrophe. Dort sind die Rentenanwartschaften deutlich niedriger, jahrzehntelange niedrige Löhne und hohe Arbeitslosigkeit haben die privaten Vermögen geschmälert.

Auch im Gesundheitswesen verfolgt die AfD einen marktliberalen Kurs. Sie schlägt vor, den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung auf ein „Basispaket“ zu reduzieren und die restlichen Kosten auf die Patienten abzuwälzen. Ein Besuch beim Facharzt oder eine Vorsorgeuntersuchung müsste dann aus eigener Tasche bezahlt werden. Für Gutverdiener ist dies eine Unannehmlichkeit, für Rentner oder Arbeiter bedeutet es die Wahl zwischen Behandlung und Mietzahlung. Besonders chronisch Kranke und ältere Menschen wären betroffen – genau jene Gruppen, die im Osten Deutschlands einen Großteil der AfD-Wählerschaft ausmachen.

Die Bedenken der Wirtschaft

Selbst Unternehmerverbände schlagen Alarm, obwohl die AfD sich als Schutzpatron der Wirtschaft präsentiert. Zwei Gründe: Zum einen das Risiko eines Dexit – eines Austritts aus der Europäischen Union. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) berechnete, dass Deutschland bei einem Austritt innerhalb von fünf Jahren rund 690 Milliarden Euro an Bruttoinlandsprodukt und 2,5 Millionen Arbeitsplätze verlieren würde. Der Exportsektor, das Rückgrat der deutschen Wirtschaft, würde ohne Zugang zum EU-Binnenmarkt kollabieren. Zum anderen die Migrationspolitik: Die AfD lehnt jede Form von Arbeitsmigration ab. Doch ohne ausländische Fachkräfte, vor allem in IT, Ingenieurwesen und Pflege, kann Deutschland den demografischen Wandel nicht bewältigen. Bereits jetzt sind über eine Million Stellen unbesetzt.

Die Gewerkschaften bezeichnen die AfD als „Feind der Arbeitnehmer“. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) weist darauf hin, dass die Partei nicht nur das Rentensystem schwächen, sondern auch den Einfluss der Gewerkschaften in den Betrieben beschneiden und das Streikrecht einschränken will. Damit würden den Arbeitnehmern sowohl der soziale Schutz als auch die Instrumente zu seiner Verteidigung genommen.

Das „AfD-Paradoxon“ ist kein akademisches Konzept, sondern die Beschreibung eines Mechanismus: Eine populistische Partei gewinnt Stimmen, indem sie Schutz vor vagen Bedrohungen verspricht, während sie gleichzeitig konkrete wirtschaftliche Nachteile für genau diese Wähler vorbereitet.

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