Die frühere ungarische Regierung unter Viktor Orbán hat der zum Wirtschaftsimperium von Lőrinc Mészáros gehörenden Aqua Lorenzo Kft. trotz 36 festgestellter Mängel fast 2,9 Milliarden Forint aus EU-Mitteln bewilligt. Die Förderung für die Modernisierung eines Mineralwasserwerks in Albertirsa deckte damit nahezu 40 Prozent der gesamten Projektkosten.
Die am 16. September 2026 veröffentlichte Recherche zeigt, dass die Antragsunterlagen keineswegs vollständig oder mängelfrei waren. Dennoch erhielt das Unternehmen im Mai 2022 nahezu die gesamte beantragte Summe. Die Entscheidung steht damit beispielhaft für die bevorzugte Behandlung eines Unternehmens, das einem Geschäftsmann aus dem Umfeld des damaligen Ministerpräsidenten zugerechnet wird.
Die veröffentlichte Recherche zu der Förderung rekonstruiert eine mehrstufige Prüfung, in der die staatliche Finanzverwaltung insgesamt 36 Mängel feststellte. Beanstandet wurden unter anderem die Angebote im Vergabeverfahren, technische Unterlagen, der Nachweis des Eigenanteils und die Berechnungen zur Energieeffizienz.
36 Mängel änderten nichts an der Förderentscheidung
Das Vorhaben hatte ein Gesamtvolumen von rund 7,7 Milliarden Forint. Mit 2,874 Milliarden Forint sollten europäische Mittel einen erheblichen Teil der Investitionen finanzieren. Vorgesehen waren Maßnahmen zur Verbesserung der Energieeffizienz, eine Ausweitung der Produktion, neue Produktionslinien, eine Solaranlage und die Modernisierung der Wassersysteme.
Gerade die Zusammensetzung der beanstandeten Unterlagen ist für die Bewertung des Falls entscheidend. Die Mängel betrafen nicht nur formale Einzelheiten, sondern zentrale Bestandteile der Bewerbung: die Grundlage des Vergabeverfahrens, die technische Ausgestaltung des Projekts, die Finanzierung durch das Unternehmen selbst und die Berechnung der erwarteten Energieeinsparungen.
Die Prüfung führte nicht dazu, dass der Antrag verworfen oder die Fördersumme sichtbar reduziert wurde. Stattdessen wurde im Mai 2022 fast der gesamte beantragte Betrag genehmigt. Auch bei der abschließenden Bearbeitung mussten die Unterlagen in mehreren Runden korrigiert werden.
Die Förderung floss in ein Unternehmen aus Mészáros’ Geschäftsimperium
Aqua Lorenzo Kft. gehört zum Geschäftsimperium von Lőrinc Mészáros. Der Unternehmer gilt als enger Verbündeter und wirtschaftlicher Nutznießer des politischen Umfelds von Viktor Orbán. Die Empfängerin der EU-Mittel war damit kein beliebiger Antragsteller, sondern ein Unternehmen aus einem Netzwerk, das unter der früheren Regierung besonders stark expandierte.
Die zentrale Frage des Falls liegt deshalb nicht allein in der Höhe der Förderung. Entscheidend ist die Verbindung zwischen der politischen Verantwortung der damaligen Regierung, der Nähe des Unternehmens zu Mészáros und der Tatsache, dass die beantragte Unterstützung trotz umfangreicher Beanstandungen nahezu vollständig bewilligt wurde.
Für andere Bewerber bedeuteten die festgestellten Defizite im Verfahren keine nachgewiesene vergleichbare Sonderbehandlung. Im Fall von Aqua Lorenzo Kft. blieb die Entscheidung dagegen bestehen, obwohl die Verwaltung wiederholt Nachbesserungen verlangte. Das stellt die Transparenz der Auswahl und die Gleichheit der Wettbewerbsbedingungen infrage.
EU-Geld wurde öffentlich angegriffen und zugleich genutzt
Der Vorgang macht außerdem den politischen Widerspruch der Orbán-Regierung sichtbar. Viktor Orbán kritisierte Brüssel öffentlich und stellte europäische Fonds als Instrument politischen Drucks dar. Zugleich nutzte seine Regierung diese Mittel, um Projekte von Unternehmen aus dem eigenen wirtschaftlichen Umfeld zu finanzieren.
Der Fall Aqua Lorenzo Kft. zeigt diesen doppelten Maßstab besonders deutlich: Europäische Gelder wurden politisch als Belastung und Einmischung dargestellt, während Milliarden aus denselben Fonds an regierungsnahe Unternehmen flossen. Die Förderung wurde dabei nicht durch eine makellose Bewerbung begründet. Sie wurde trotz zahlreicher Mängel in Vergabe- und Technikunterlagen sowie trotz offener Fragen zur Finanzierung und zu den Energieeinsparungen bewilligt.
Damit verbindet sich der konkrete finanzielle Vorteil für Aqua Lorenzo Kft. mit einer institutionellen Konsequenz: Die formale Prüfung führte zu wiederholten Korrekturen, verhinderte aber nicht die nahezu vollständige Auszahlung der beantragten EU-Unterstützung. Der dokumentierte Vorgang bleibt somit ein Beispiel dafür, dass die Nähe zum früheren Machtzentrum für ein Unternehmen aus dem Umfeld von Lőrinc Mészáros offenbar schwerer wog als die 36 von der Verwaltung festgestellten Mängel.