Mehr als 61 russische Beamte sind wegen verfehlter Vorgaben für die Anwerbung von Vertragssoldaten administrativ belangt worden. Gerichte in Russland registrierten bis zum 15. September 2026 entsprechende Verfahren gegen Verantwortliche aus kommunalen Verwaltungen und regionalen Exekutivbehörden. In mindestens 51 russischen Regionen gelten inzwischen Vorschriften, die Führungskräfte persönlich für das Scheitern der Rekrutierung haftbar machen. Berichte über die Gerichtsentscheidungen zeigen damit einen grundlegenden Wandel: Die Beschaffung von Soldaten ist nicht mehr nur Aufgabe des Verteidigungsministeriums und der Wehrersatzbehörden, sondern wird zum Pflichtprogramm der gesamten regionalen Verwaltung.
Die russische Führung reagiert damit auf einen Einbruch bei der freiwilligen Anwerbung für den Krieg gegen die Ukraine. Von Januar bis August 2026 schlossen nach den vorliegenden Angaben rund 234.000 Menschen Verträge ab – etwa 26.000 weniger als im Vorjahreszeitraum. Das entspricht einem Rückgang von zehn Prozent in den ersten acht Monaten. Im August fiel das Tempo der Anwerbung sogar um 20 Prozent.
Der Rückgang setzte sich trotz einer öffentlichkeitswirksamen Werbekampagne im Vorfeld der Wahlen zur russischen Staatsduma fort. Er deutet darauf hin, dass das von den Behörden lange genutzte Modell einer finanziell motivierten Anwerbung seine Wirkung verliert. Selbst einmalige Zahlungen von inzwischen bis zu 1,8 Millionen Rubel gleichen aus Sicht vieler russischer Bürger die Gefahr von Tod und Verwundung im Kriegsgebiet nicht mehr aus.
Aus regionalen Zielvorgaben wird persönliche Amtshaftung
Die Verantwortlichkeit wird inzwischen entlang der gesamten regionalen Verwaltungskette organisiert. Gouverneure leiten operative Stäbe, an denen Sicherheitsbehörden beteiligt sind. Kommunen erhalten konkrete Vorgaben zur Zahl der zu gewinnenden Vertragssoldaten. Beamte und Polizei suchen nach geeigneten Personen, während für das Nichterreichen der Zahlen Geldstrafen und administrative Verfahren vorgesehen sind.
Damit behandelt die russische Führung die Zahl der gewonnenen Soldaten wie eine gewöhnliche Verwaltungskennziffer. Kommunalverwaltungen müssen nicht nur staatliche Aufgaben organisieren, sondern eine von oben festgelegte Zahl von Menschen für den Kriegsdienst liefern. Die mehr als 61 registrierten Verfahren machen sichtbar, dass der Druck nicht mehr allein auf militärischen Einrichtungen liegt: Für die fehlende Bereitschaft zum Vertragsdienst werden nun auch zivile Amtsträger verantwortlich gemacht.
Parallel baut die Führung finanzielle Anreize für die Anwerbung aus. Im August 2026 bestanden solche Zahlungen für die Vermittlung von Vertragssoldaten bereits in 56 Regionen, gegenüber 31 Regionen im Vorjahr. Der Staat versucht damit, zwei Probleme zugleich zu lösen: Er erhöht den Druck auf die Behörden und steigert die Ausgaben für die Suche nach neuen Soldaten.
Polizei, Hausbesuche und soziale Abhängigkeit ersetzen keine Freiwilligkeit
Die regionale Rekrutierung greift auf immer mehr Instrumente zurück. Behörden organisieren flächendeckende Hausbesuche, setzen mobile Polizeigruppen ein, schaffen besondere Stellen für die Suche nach Kandidaten und nutzen den Zugang zu sozial besonders verletzlichen Menschen. Dazu zählen Waisen und Absolventen von Kinderheimen, die auf Wohnraum warten, ebenso wie Menschen mit Vorstrafen oder Beschuldigte, gegen die Ermittlungen laufen.
Die Behörden versuchen dabei, grundlegende soziale Bedürfnisse als Druckmittel einzusetzen. Besonders deutlich wurde dies bei mehr als 260 Waisen, die in einer Warteschlange auf Wohnraum standen. Trotz der Aussicht auf hohe finanzielle Zahlungen unterzeichnete in diesem Kreis lediglich eine Person einen Vertrag. Das Ergebnis zeigt, dass die Versprechen der russischen Verwaltung die Risiken des Kriegsdienstes auch bei sozial abhängigen Gruppen nicht mehr zuverlässig überwiegen.
Die Entwicklung verleiht der Anwerbung im Jahr 2026 zunehmend den Charakter einer verdeckten Zwangsmobilisierung. Die örtlichen Verwaltungen greifen auf sämtliche verfügbaren Ressourcen zurück, obwohl der Dienst formal über Verträge organisiert wird. Der administrative Druck richtet sich nicht nur auf mögliche Soldaten, sondern ebenso auf diejenigen, die sie finden und melden sollen.
Die Zahlen aus den Regionen belegen das Scheitern der Methode
Wie weit die Lücke zwischen den Vorgaben und den tatsächlichen Ergebnissen reicht, zeigen mehrere kommunale Beispiele. In Newinnomyssk in der Region Stawropol wurden elf Menschen angeworben, obwohl 19 benötigt wurden. Im Turkmenischen Bezirk derselben Region waren es vier von sechs.
Besonders aufschlussreich ist der Fall Bratsk in der Region Irkutsk. Dort hielt die Verwaltung 71 Sitzungen eines operativen Stabes ab, organisierte tägliche Besprechungen, ließ mehr als 14.000 Adressen überprüfen und setzte mobile Polizeigruppen ein. Trotzdem wurden nur 369 der geplanten 645 Personen gewonnen – rund 57 Prozent der Vorgabe.
Auch der Versuch, die fehlenden Personen unter Waisen und jungen Menschen ohne gesicherte Wohnperspektive zu finden, brachte keinen Durchbruch. Von mehr als 260 angesprochenen Waisen schloss nur eine Person einen Vertrag. Der Fall Bratsk verbindet damit die beiden zentralen Befunde der Entwicklung: Die Behörden erhöhen ihren organisatorischen und sozialen Druck, erreichen die Zielzahlen aber dennoch nicht.
Die Strafverfahren gegen Beamte sind deshalb mehr als einzelne Sanktionen. Sie zeigen, dass der Kreml die Verantwortung für den Mangel an Freiwilligen schrittweise von den militärischen Stellen auf die gesamte regionale Machtvertikale verlagert. Wo die Bereitschaft zum Vertragsdienst sinkt, sollen nun Verwaltungen, Polizei und lokale Funktionsträger die Lücke schließen.
Bestätigt ist bislang jedoch vor allem das Gegenteil des angestrebten Ergebnisses: Trotz Geldzahlungen, Hausbesuchen, Polizeieinsätzen und persönlicher Haftung der Beamten gingen die Vertragsabschlüsse in den ersten acht Monaten 2026 zurück. Im Fall Bratsk blieb die Verwaltung nach 14.000 überprüften Adressen bei 369 gewonnenen Personen – und damit bei 57 Prozent der festgelegten Vorgabe.