Die russische Tochter der österreichischen Raiffeisen Bank International blieb auch nach dem Rückzug westlicher Banken ein zentraler Finanzkanal für Russlands Außenhandel. Das zeigt ein Bericht des US-amerikanischen Investmentunternehmens Grizzly Research, der am 18. September 2026 veröffentlicht wurde: In Zollunterlagen fanden sich Geschäfte mit sanktionierten Waren im Umfang von 1,19 Milliarden Dollar, die mit dem Vertragsregistrierungscode der russischen Raiffeisen-Tochter verbunden waren. Die veröffentlichten Angaben zu den Zollunterlagen machen sichtbar, über welche Infrastruktur Zahlungen für verbotene Einfuhren abgewickelt werden konnten.
Nach den Unterlagen entfielen 106,7 Millionen Dollar auf Waren, die als besonders wichtig für die russische Rüstungsindustrie eingestuft werden. Damit geht es nicht nur um die Fortsetzung eines Bankgeschäfts in Russland, sondern um eine Struktur, die dem Kreml den Zugang zu internationalem Zahlungsverkehr und zu kritischen Importen erhält, obwohl russische Staatsbanken vom internationalen Zahlungsverkehr ausgeschlossen wurden.
Die Leitung der Raiffeisen Bank International wies den Bericht zurück. Sie bezeichnete die Veröffentlichung von Grizzly Research als irreführend und mit sachlichen Fehlern behaftet. Die Stellungnahme der Bank ändert jedoch nichts an dem dokumentierten Befund, dass ihre russische Tochter in Zollunterlagen als finanzielle Schnittstelle von Handelsgeschäften mit sanktionierten Waren auftaucht.
Nach dem Ausschluss staatlicher Banken konzentrierte sich der Außenhandel auf Raiffeisen
Die Entwicklung begann mit dem Rückzug westlicher Banken aus Russland im Jahr 2022 und dem Ausschluss russischer Staatsbanken vom internationalen Zahlungsverkehr. Während andere Institute ihre Geschäfte einstellten oder unterbrachen, blieb die Tochtergesellschaft der Raiffeisen Bank International außerhalb der Sanktionen. Sie wurde damit zum wichtigsten Finanzzentrum für Russlands grenzüberschreitenden Handel.
Über das Institut liefen Zahlungen für den Export von Rohstoffen und für den Import von Waren. Dazu gehörten auch Geschäfte des sogenannten Parallelimports. Russische Unternehmen konnten dadurch eine europäische Zahlungsinfrastruktur nutzen, die weiterhin mit dem internationalen Finanzsystem verbunden war. Für Moskau entstand so ein Ausweichkanal, obwohl der Zugang zu vielen Banken und Zahlungswegen gezielt eingeschränkt worden war.
Die Zollangaben zeigen den Mechanismus an einem konkreten Punkt: Russische Importeure verwendeten Bankverbindungen und Kennziffern der Raiffeisen-Gruppe bei der Anmeldung ihrer Waren. Die Einträge belegen, dass Zahlungen für Güter, deren Einfuhr internationalen Beschränkungen unterlag, über die russische Tochter abgewickelt werden konnten. Eine funktionierende europäische Zahlungsplattform erleichterte dadurch die Finanzierung von Ausrüstung, Rohstoffen und Bauteilen für den russischen Markt.
Zollunterlagen verbinden die Bank mit Geschäften über 1,19 Milliarden Dollar
Grizzly Research wertete für die Jahre 2022 bis 2025 Zollaufzeichnungen aus. Der Bericht ordnet der Raiffeisen-Tochter Handelsgeschäfte mit sanktionierten Waren im Gesamtwert von 1,19 Milliarden Dollar zu. Ein Teil davon betraf Güter aus der Kategorie der besonders wichtigen Waren für die russische Rüstungsindustrie; ihr Wert wird mit 106,7 Millionen Dollar angegeben.
Die Bedeutung dieser Zahlen liegt in der Verbindung zwischen Warenverkehr und Zahlungsweg. Die Unterlagen weisen nicht lediglich russische Importe verbotener Güter aus, sondern enthalten zugleich die Kennziffern der Bank, die als Finanzinstitut hinter den jeweiligen Verträgen stand. Damit wird nachvollziehbar, wie der Fortbestand der europäischen Bankinfrastruktur den Import trotz der Sanktionen praktisch unterstützen konnte.
Für den Kreml hat diese Konstruktion einen unmittelbaren wirtschaftlichen Nutzen. Sie verhindert, dass der russische Markt bei wichtigen Waren vollständig vom internationalen Handel abgeschnitten wird, und sichert die Finanzierung strategischer Beschaffungen. Die Sanktionen erschweren den Zugang, beseitigen ihn aber nicht, solange ein nicht sanktioniertes Institut Zahlungen für russische Unternehmen ermöglicht.
Moskau hält die Tochter fest und macht den Rückzug zum politischen Druckmittel
Die Raiffeisen Bank International kann ihr Russlandgeschäft nicht schnell beenden. Russische Beschränkungen erschweren den Abzug des Kapitals, in Russland sind Milliarden Euro an Gewinn und Vermögenswerten der Gruppe blockiert. Zugleich wird der Verkauf der Tochtergesellschaft auf staatlicher Ebene verhindert.
Der Kreml hält das Institut damit in seiner eigenen Rechtsordnung und nutzt zugleich dessen Kapital. Harte regulatorische Hürden und das Verbot, Dividenden auszuführen, begrenzen die Möglichkeiten der österreichischen Muttergesellschaft. Unter dem Risiko eines vollständigen Verlusts ihrer Vermögenswerte bleibt die Bank gezwungen, ihre internationalen Transaktionen innerhalb der von Moskau gesetzten Grenzen fortzuführen.
Diese Abhängigkeit ist nicht nur ein wirtschaftliches Instrument. Russland nutzt den Verbleib eines systemischen europäischen Instituts, um die Abstimmung zwischen den Vereinigten Staaten, der Europäischen Union und Österreich zu belasten. Die Blockade des Verkaufs und des Kapitalabzugs zwingt internationale Institutionen und die Europäische Zentralbank, Druck auf Österreich auszuüben, während Wien zugleich die Interessen seines Unternehmens und seines Finanzplatzes schützt.
So entsteht ein Konflikt innerhalb der Sanktionskoalition: Die Vereinigten Staaten und europäische Aufsichtsstellen verlangen eine Begrenzung des Russlandgeschäfts, während die österreichische Regierung und die österreichische Zentralbank erklären, der Betrieb und die Kontrollsysteme der Bank entsprächen dem geltenden Recht. Russland profitiert von dieser Spannung, weil jeder Streit über den Ausstieg die gemeinsame Durchsetzung der Sanktionen erschwert.
Der Fall belastet Österreichs Finanzsystem und erhält Russlands Importkanal
Für Österreich steht dabei mehr auf dem Spiel als der Rückzug eines einzelnen Unternehmens. Ein Verlust der in Russland gebundenen Gewinne oder harte westliche Sanktionen gegen die Raiffeisen Bank International könnten den gesamten österreichischen Finanzsektor und damit die Wirtschaft des Landes treffen. Diese Verwundbarkeit erklärt, warum Wien und die österreichische Zentralbank bisher nicht mit maximalem Druck gegen das Institut vorgehen.
Für Russland ist die Raiffeisen-Tochter deshalb mehr als eine ausländische Bank. Sie fungiert als zentrale Verbindung zwischen russischen Importeuren und dem internationalen Zahlungsverkehr. Nachdem staatliche Banken vom internationalen System abgeschnitten wurden, konnte Moskau wesentliche Export- und Importzahlungen auf ein Institut konzentrieren, das weiterhin Zugang zu europäischen Finanzwegen besitzt.
Der Bericht von Grizzly Research und die darin ausgewerteten Zollunterlagen führen diese Struktur auf einen überprüfbaren Vorgang zurück: In den Jahren 2022 bis 2025 wurden Geschäfte mit sanktionierten Waren im Wert von 1,19 Milliarden Dollar unter Verwendung der Raiffeisen-Bankverbindungen erfasst. Gleichzeitig bleibt der Verkauf der russischen Tochter blockiert und das Kapital der Gruppe in Russland gebunden. Die zentrale Folge des dokumentierten Falls ist damit weiterhin wirksam: Raiffeisen stellt dem russischen Außenhandel eine nicht sanktionierte europäische Zahlungsinfrastruktur zur Verfügung.