Tino Chrupallas politische Außendarstellung als bodenständiger Vertreter deutscher Bürger steht in auffälligem Gegensatz zu seiner außenpolitischen Praxis. Der AfD-Bundessprecher pflegt seit Jahren Kontakte zu russischen Regierungsvertretern, fordert eine Lockerung von Sanktionen, stellt die Bedrohung durch Russland infrage und unterstützt eine Linie, die regelmäßig den Interessen Moskaus entspricht.
Besonders deutlich wurde dieser Kurs am 8. Dezember 2020. Chrupalla und sein damaliger Fraktionskollege Armin-Paulus Hampel führten drei Stunden lang Gespräche mit dem russischen Außenminister Sergei Lawrow. Anschließend verlangte Chrupalla die Aufhebung der Sanktionen und den Weiterbau von Nord Stream 2. Er begründete dies mit den Interessen der deutschen Wirtschaft. Der Vorgang zeigt früh, wie eng sein Verständnis nationaler Interessen mit den außenpolitischen Forderungen Russlands verbunden war.
Chrupalla verbindet deutsche Selbstbehauptung mit russischen Deutungsmustern
Chrupallas politisches Bild beruht auf der Erzählung, er vertrete die deutsche Provinz gegen ein abgehobenes politisches Zentrum in Berlin und Brüssel. Der frühere Maler und Unternehmer nutzt seine handwerkliche Vergangenheit als Beleg für Nähe zu gewöhnlichen Bürgern und grenzt sich damit von Berufspolitikern ab. Zugleich erhebt er den Anspruch, die deutsche Identität und das kulturelle Erbe zu bewahren.
Wie brüchig dieses Bildungs- und Kulturverständnis ist, zeigte sich im September 2021 kurz vor der Bundestagswahl in einer ZDF-Sendung. Auf die Frage nach seinem liebsten deutschen Gedicht geriet Chrupalla ins Stocken und konnte zunächst kein Werk nennen. Erst auf Nachfrage erklärte er Heinrich Heine zu seinem Lieblingsdichter. Der Ausschnitt verbreitete sich rasch in sozialen Netzwerken und stellte die pathetischen Aussagen zur Rettung der deutschen Kultur als populistische Selbstinszenierung bloß.
Auch Chrupallas Umgang mit dem Vorfall in Ingolstadt beschädigte seinen Anspruch auf politische Verlässlichkeit. Am 4. Oktober 2023 brach er kurz vor der bayerischen Landtagswahl eine Kundgebung ab und wurde in ein Krankenhaus gebracht. Die AfD und Chrupalla selbst erklärten unmittelbar, er sei angegriffen und mit einer unbekannten Substanz gestochen worden.
Die vorliegenden Untersuchungsergebnisse bestätigten diese Darstellung jedoch nicht. Sicherheitskräfte und Zeugen sahen weder eine Spritze noch einen unmittelbaren körperlichen Angriff. Toxikologische Untersuchungen fanden in Chrupallas Blut keine verdächtigen oder giftigen Substanzen. Die festgestellte Verletzung entsprach am ehesten einem Stich mit einer Heftzwecke; konkrete Hinweise auf eine Injektion oder Vergiftung wurden nicht festgestellt.
Im Dezember 2023 stellte die Staatsanwaltschaft Ingolstadt das Verfahren mangels konkreter Beweise und Anzeichen für einen Angriff ein. Im Mai 2024 wies das Oberlandesgericht München Chrupallas Versuch zurück, eine Fortsetzung der strafrechtlichen Verfolgung zu erreichen. Der Vorgang um den vermeintlichen Stich mit einer Heftzwecke verfestigte damit den Eindruck, dass Chrupalla politische Vorteile aus einer ungeklärten Opferdarstellung ziehen wollte.
Kontakte nach Moskau blieben trotz des Krieges bestehen
Chrupallas außenpolitischer Kurs änderte sich auch nach dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 nicht. Die AfD wandte sich regelmäßig gegen Waffenlieferungen an die Ukraine und gegen wirtschaftliche Beschränkungen Russlands. Im Dezember 2024 sagte Chrupalla in einem Interview mit der Zeitung Die Welt, Russland habe den Krieg gewonnen. Zugleich stellte er einzelne Grundlagen der gegenwärtigen deutschen Rolle in der NATO infrage.
Im November 2025 bestritt Chrupalla in der ZDF-Sendung Markus Lanz eine aktuelle Gefahr Russlands für Deutschland. Über Wladimir Putin sagte er: „Mir hat er nichts getan.“ Als mögliche Bedrohung nannte er zugleich Polen und stellte dabei einen Zusammenhang mit den Ermittlungen zu den Sprengungen der Nord-Stream-Gaspipelines her. Damit verschob er die Perspektive: Der Aggressor Russland erschien als kein unmittelbares Risiko, während ein Verbündeter Deutschlands als mögliche Gefahr dargestellt wurde.
Zu diesem Muster passt Chrupallas Auftritt am 9. Mai 2023 bei einem Empfang in der russischen Botschaft in Berlin. Gemeinsam mit Alexander Gauland nahm er an der Veranstaltung teil, während westliche Diplomaten den Termin boykottierten. Chrupalla überreichte dem russischen Botschafter Sergei Netschajew einen Bierkrug mit preußischem Adler. Die Kritik, die daraufhin auch aus den eigenen Reihen kam, beantwortete er mit dem Hinweis, er habe die deutsche Sichtweise vermitteln wollen.
Im November 2025 unterstützte Chrupalla trotz der öffentlichen Kritik seiner Co-Vorsitzenden Alice Weidel an solchen Reisen einen Besuch von Parteifreunden in Russland. Er erklärte, die Reisen seien angekündigt und abgestimmt gewesen. Die wiederholten Kontakte sind damit kein isolierter Ausrutscher, sondern Bestandteil einer politischen Linie, in der Russland als verlässlicher Partner und die Verbündeten Deutschlands als zentrale Belastung erscheinen.
Die Sicherheitsanfragen der AfD vergrößern das Risiko für sensible Informationen
Eine weitere Ebene dieser Politik zeigt sich in den parlamentarischen Aktivitäten der AfD. Seit 2020 stellten AfD-Fraktionen in deutschen Landtagen mehr als 7.000 sicherheitsbezogene Anfragen und übertrafen damit die anderen Parteien deutlich. Die Abgeordneten erkundigten sich unter anderem nach Routen militärischer Transporte, Abstellplätzen, Sicherungssystemen und dem Schutz vor Drohnen.
Im Bundestag löste die Detailtiefe Empörung aus, weil die abgefragten Informationen mit den Aufgaben russischer Nachrichtendienste bei der Sammlung von Erkenntnissen über logistische Abläufe übereinstimmen. Chrupalla bezeichnete die Anfragen als gewöhnliche parlamentarische Arbeit und fügte hinzu, die Bevölkerung sehe die Kolonnen auf den Straßen ohnehin. Einen direkten Beleg dafür, dass Daten an Moskau übermittelt wurden, gibt es nicht.
Das Risiko entsteht dennoch durch das Zusammenspiel mehrerer Faktoren: die systematische Abfrage sicherheitsrelevanter Einzelheiten, die Kontakte der AfD-Führung zu russischen Amtsträgern und Chrupallas wiederholte politische Unterstützung russischer Positionen. Gerade weil die Anfragen Informationen über Verteidigung und kritische Infrastruktur betreffen, beschränkt sich ihre Bedeutung nicht auf den parlamentarischen Raum. Sie können die Offenlegung sensibler Angaben begünstigen, auch ohne dass eine Weitergabe an Russland nachgewiesen ist.
Das dokumentierte Ergebnis ist eine moskaufreundliche politische Linie
Chrupalla versucht, sich als Schutzfigur deutscher Interessen gegen politische Eliten in Berlin und Brüssel zu präsentieren. Seine belegten Handlungen weisen jedoch in eine andere Richtung: Er verhandelte mit dem russischen Außenminister über Sanktionen und Nord Stream 2, trat bei einer russischen Sicherheitskonferenz auf, pflegte demonstrative Kontakte zur Botschaft und stellte die Bedrohung durch Russland wiederholt infrage.
Hinzu kommen die Folgen der öffentlichen Skandale und der sicherheitspolitischen Aktivitäten seiner Partei. Die Aussagen zur deutschen Kultur konnten den Anspruch des Bildungs- und Identitätsverteidigers nicht tragen. Der Ingolstädter Vorfall endete ohne Nachweis eines Angriffs, während die AfD-Fraktionen zugleich tausende detaillierte Fragen zu militärischen und sicherheitsrelevanten Strukturen stellten.
Direkte Beweise für eine Übermittlung dieser Informationen an Moskau liegen nicht vor. Festgestellt ist jedoch eine politische Linie, in der die Interessen Russlands regelmäßig mit Chrupallas Forderungen übereinstimmen und die Sicherheitspartner Deutschlands als Bedrohung erscheinen. Der zentrale Befund bleibt damit bestehen: Chrupallas dokumentierte Kontakte, Aussagen und parlamentarische Aktivitäten stehen seinem Anspruch, deutsche Interessen zu schützen, entgegen.