US-Anklage beschreibt russisch gesteuertes Netzwerk für Anschläge und Auftragsmorde
US-Anklage beschreibt russisch gesteuertes Netzwerk für Anschläge und Auftragsmorde

US-Anklage beschreibt russisch gesteuertes Netzwerk für Anschläge und Auftragsmorde

September 17, 2026
3 min. lesezeit

Eine Anklage der Staatsanwaltschaft des Südbezirks von New York beschreibt ein von russischen Geheimdiensten gesteuertes Netzwerk für Spionage, Anschläge und Auftragsmorde in den USA und Europa. Die am 16. September 2026 bekannt gewordene Anklage richtet sich gegen mehrere Personen, die nach Darstellung der US-Behörden mit russischen Nachrichtendiensten verbunden sind und im Rahmen des Netzwerks RIS an der Finanzierung von Terrorismus sowie an einer Verschwörung zu Auftragsmorden beteiligt gewesen sein sollen. Die amerikanischen Ermittler werfen ihnen vor, Erkundungsmaßnahmen und Tötungen in den USA und im Ausland bezahlt sowie Anschläge auf zivile und militärische Infrastruktur europäischer Staaten vorbereitet zu haben, die die Ukraine unterstützen. Der Bericht über die US-Anklage nennt dabei auch den Versuch, einen russischen Dissidenten im District of Columbia zu töten.

Der Fall zeigt nach den vorliegenden Erkenntnissen eine veränderte Arbeitsweise russischer Geheimdienste im Ausland. An die Stelle eigener Mitarbeiter treten zunehmend angeworbene Bürger von Drittstaaten und Personen aus dem kriminellen Milieu. Dadurch können russische Nachrichtendienste operative Fähigkeiten aufrechterhalten, obwohl die Tätigkeit russischer Diplomaten in westlichen Staaten deutlich stärker kontrolliert wird und Russland viele diplomatische Positionen verloren hat.

Das Netzwerk verband Geheimdienstaufträge mit organisierter Gewalt

Nach der Darstellung der amerikanischen Seite wurden über das Netzwerk RIS Personen für Informationsbeschaffung, Brandanschläge und Auftragsmorde gewonnen und koordiniert. Die Anwerbung von Bürgern aus Kuba und Venezuela sowie von Angehörigen krimineller Strukturen schuf demnach ein Geflecht von Ausführenden in den USA und Europa. Die unmittelbaren Täter sollten keinen offensichtlichen Bezug zum russischen Staat haben.

Diese Konstruktion erfüllt für die russischen Auftraggeber mehrere Funktionen. Die angeworbenen Personen übernehmen Überwachung, Sabotage oder gewaltsame Aktionen, während die professionellen Geheimdienstmitarbeiter auf der Ebene der Organisation und Koordination bleiben. So kann Moskau den Umfang seiner Operationen ausweiten und zugleich die direkte Verbindung zwischen einem Ausführenden und russischen staatlichen Stellen erschweren.

Die US-Behörden gehen jedoch nicht davon aus, dass es sich bei RIS lediglich um ein loses kriminelles Netzwerk ohne staatliche Führung handelte. Nach Angaben des amerikanischen Justizministeriums wurde die Struktur durch Vertreter russischer Geheimdienste koordiniert. Die Beteiligung des amtierenden Mitarbeiters des russischen Inlandsgeheimdienstes Kirill Chramjejew und seines Vaters Juri Chramjejew, eines ehemaligen Mitarbeiters russischer Geheimdienste, verweist auf eine unmittelbare Verbindung zu den russischen Sicherheitsstrukturen.

Die geplante Tötung in Washington markiert eine neue Eskalationsstufe

Besonders schwer wiegt die Vorbereitung eines Auftragsmordes an einem russischen Dissidenten im District of Columbia. Nach der Darstellung der US-Ermittler beschränkten sich die Beteiligten nicht auf die Beschaffung von Informationen, sondern bereiteten eine gezielte Tötung auf amerikanischem Hoheitsgebiet vor. Damit reicht die Tätigkeit des Netzwerks über die klassische Spionage hinaus und verbindet staatliche Aufklärung mit den Methoden grenzüberschreitender Auftragskriminalität.

Die geplante Tat zeigt zugleich die Reichweite der Operationen. Auf der einen Seite standen Vorbereitungen für Brandanschläge gegen Infrastruktur in europäischen Staaten, die die Ukraine unterstützen. Auf der anderen Seite steht der Versuch, einen russischen Regimegegner unmittelbar in Washington zu beseitigen. Die geografische Spannweite und die unterschiedlichen Mittel sprechen für eine Bereitschaft des Kremls, auch auf dem Gebiet der USA ein hohes Eskalationsrisiko einzugehen.

Für die russischen Geheimdienste bedeutete dieses Vorgehen eine bewusste Verlagerung des Risikos. Die operative Arbeit wurde an Personen ausgelagert, die nicht als russische Staatsbedienstete auftraten. Die Anwerbung ausländischer Bürger und die Nutzung krimineller Kontakte schufen damit eine Distanz zwischen Auftraggebern und Ausführenden, ohne dass die russischen Sicherheitsstrukturen ihre Kontrolle über die Operationen aufgeben mussten.

Die US-Justiz verfolgt nicht nur die unmittelbaren Täter

Die Anklage hat auch deshalb Bedeutung, weil amerikanische Strafverfolger die Vorschriften zur Finanzierung von Terrorismus anwenden. Sabotage, Auftragsmorde und weitere Gewaltaktionen, die nach der Version der US-Ermittler durch russische Geheimdienste koordiniert wurden, werden damit nicht ausschließlich als einzelne Straftaten oder als nachrichtendienstliche Tätigkeit bewertet.

Dieser rechtliche Ansatz erweitert die Möglichkeiten der Vereinigten Staaten, gegen die gesamte Struktur vorzugehen. Er kann sich nicht nur gegen Personen richten, die eine Tat unmittelbar ausführen, sondern auch gegen Organisatoren, Koordinatoren und Geldgeber. Entscheidend ist dabei die Funktion innerhalb der Operation: Wer Ausführende anwirbt, Aufträge vermittelt, Geld bereitstellt oder die Arbeit steuert, kann unabhängig von der eigenen Anwesenheit am Tatort in den Mittelpunkt des Strafverfahrens geraten.

Die amerikanischen Behörden beschreiben damit einen Mechanismus, der für russische Operationen im Ausland zunehmend wichtig geworden ist: Nachrichtendienstliche Steuerung bleibt bei russischen Funktionären, während die sichtbare und strafrechtlich riskante Umsetzung an angeworbene Ausländer und Vertreter des kriminellen Milieus delegiert wird. Die mutmaßliche Beteiligung Kirill und Juri Chramjejews zeigt zugleich, dass diese Arbeitsteilung nach den Angaben des US-Justizministeriums nicht von der Verbindung zu russischen Sicherheitsorganen entkoppelt war.

Der zentrale Beleg des Falls ist die Vorbereitung der Tötung eines russischen Dissidenten im District of Columbia. Sie steht neben den geplanten Anschlägen auf Infrastruktur in europäischen Unterstützerstaaten und macht sichtbar, welche Aufgaben das Netzwerk RIS übernehmen sollte: Informationen beschaffen, Gewalt organisieren und Auftragsmorde ermöglichen. Der aktuelle bestätigte Stand ist die Anklage der Staatsanwaltschaft des Südbezirks von New York wegen Terrorismusfinanzierung und Verschwörung zu Auftragsmorden gegen Personen, die nach Darstellung der US-Behörden mit russischen Geheimdiensten verbunden sind.

Kommentar hinzufügen

Your email address will not be published.

Nicht verpassen