Wildberries-Gewinne führen zu Lukaschenkos Familienumfeld
Wildberries-Gewinne führen zu Lukaschenkos Familienumfeld

Wildberries-Gewinne führen zu Lukaschenkos Familienumfeld

Oktober 21, 2026
2 min. lesezeit

Eine wenig bekannte belarussische Gesellschaft soll im März 2025 einen Anteil von 10 Prozent am belarussischen Geschäft des russischen Onlinehändlers Wildberries übernommen haben. Nach einer am 20. Oktober 2026 veröffentlichten Recherche flossen der Firma bereits im ersten Jahr rund 20,3 Millionen Euro an Dividenden zu – obwohl sie selbst kaum erkennbare operative Tätigkeit entfaltete.

Die Recherche stellt die Gesellschaft TD Quadrat in den Mittelpunkt. Formaler Begünstigter ist demnach der Geschäftsmann Dmitri Kurnosenko, der mit staatlichen Projekten, einem System zur Foto- und Videoüberwachung sowie dem Umfeld von Dmitri Lukaschenko, dem mittleren Sohn von Präsident Alexander Lukaschenko, verbunden sein soll. Die journalistische Untersuchung wertet diese Verbindungen als Hinweis darauf, dass die Beteiligung dem Umfeld der Präsidentenfamilie zugutekommen könnte. Eine unabhängige Bestätigung dieser Schlussfolgerung liegt hier nicht vor.

Die Untersuchung ist auf Büro Media veröffentlicht worden.

Eine Beteiligung ohne sichtbares Geschäft

Wildberries gehört zu den größten Marktplätzen, die in Belarus tätig sind. Der belarussische Geschäftsbereich erzielte 2025 nach den vorliegenden Angaben einen Umsatz von mehr als 9 Milliarden belarussischen Rubeln. Die 10-Prozent-Beteiligung von TD Quadrat verschafft ihrem Eigentümer damit Zugang zu einem Unternehmen von erheblicher Größe.

Besonders auffällig ist nach der Recherche das Verhältnis zwischen der Beteiligung und den ausgeschütteten Erträgen. TD Quadrat soll im ersten Jahr etwa 20,3 Millionen Euro an Dividenden erhalten haben. Das entspreche nahezu einem Viertel des Gewinns des belarussischen Wildberries-Geschäfts. Zugleich habe die Gesellschaft keine nennenswerte eigene Geschäftstätigkeit gezeigt. Die Kombination aus hoher Ausschüttung und geringer sichtbarer operativer Präsenz wirft die Frage auf, welche Funktion TD Quadrat innerhalb der Eigentümerstruktur tatsächlich erfüllt.

Aus den Angaben lässt sich nicht sicher ableiten, wer wirtschaftlich hinter der Beteiligung steht. Die Recherche beschreibt jedoch ein Netz von Geschäfts- und persönlichen Beziehungen, das über den formalen Eigentümer hinausreicht. Dazu zählt Jewgeni Wassiljew, der als Direktor von TD Quadrat und als Leiter des Wildberries-Bereichs für die Beziehungen zu staatlichen Stellen genannt wird.

Das Beziehungsnetz um die Gesellschaft

Auch Wassiljews Ehefrau wird in der Untersuchung mit dem Umfeld der Präsidentenfamilie in Verbindung gebracht. Sie betreibt demnach ein gemeinsames Restaurantgeschäft mit Natalia Sadowskaja. Sadowskaja wiederum soll Geschäftspartnerin von Wladimir Kulakow sein, dem Ehemann von Anna Lukaschenko, der leiblichen Schwester von Alexander Lukaschenko und Ehefrau von Dmitri Lukaschenko.

Kulakow leitete der Recherche zufolge zudem zehn Jahre lang eine Tochtergesellschaft des Präsidenten-Sportklubs. Den Vorsitz dieses Klubs hat unverändert Dmitri Lukaschenko inne. Keine dieser einzelnen Geschäftsbeziehungen beweist für sich genommen eine verdeckte Eigentümerschaft oder einen rechtswidrigen Geldfluss. Zusammengenommen bilden sie jedoch die Grundlage für die zentrale Frage der Recherche: ob die formale Struktur von TD Quadrat die tatsächliche Verteilung der Erträge verdeckt.

Für die öffentliche Bewertung ist dieser Unterschied entscheidend. Ein nomineller Anteilseigner, ein Direktor mit Kontakten zu staatlichen Stellen und Geschäftspartner aus dem familiären Umfeld sind noch kein Beleg dafür, dass Gewinne illegal übertragen wurden. Sie machen die Eigentums- und Zahlungsströme aber erklärungsbedürftig – insbesondere dann, wenn eine Gesellschaft mit begrenzter sichtbarer Tätigkeit hohe Dividenden aus einem marktbeherrschenden Geschäft erhält.

Privater Gewinn und wirtschaftlicher Druck

Die Vorwürfe erhalten ihre politische Bedeutung vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Lage in Belarus. Während die Kaufkraft vieler Menschen unter Druck steht und sich die wirtschaftlichen Bedingungen verschlechtern, konzentrieren sich nach der Recherche beträchtliche Erträge aus einem großen digitalen Handelsunternehmen bei einer kleinen Gruppe von Personen und verbundenen Strukturen.

Damit geht es nicht nur um die Frage, wem 10 Prozent von Wildberries formal gehören. Im Zentrum steht auch die Verteilung wirtschaftlicher Chancen in einem System, in dem Nähe zur politischen Macht den Zugang zu großen Unternehmen erleichtern kann. Wenn die von der Recherche beschriebenen Verbindungen zutreffen, würde TD Quadrat als Schnittstelle zwischen einem lukrativen Privatgeschäft, staatlichen Kontakten und dem Familienumfeld des Präsidenten erscheinen.

Die bislang öffentlich beschriebenen Informationen beantworten allerdings nicht abschließend, wer die wirtschaftlichen Eigentümer der Beteiligung sind und auf welcher Grundlage die Dividenden verteilt wurden. Solange diese Punkte nicht offengelegt sind, bleibt die 20-Millionen-Euro-Ausschüttung ein Fall, in dem formale Eigentumsverhältnisse und die vermutete tatsächliche Kontrolle weit auseinanderliegen könnten.

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