Russland will Zinsen aus Bankeinlagen in die progressive Einkommensteuer einbeziehen
Russland will Zinsen aus Bankeinlagen in die progressive Einkommensteuer einbeziehen

Russland will Zinsen aus Bankeinlagen in die progressive Einkommensteuer einbeziehen

Oktober 21, 2026
3 min. lesezeit

Das russische Finanzministerium will die Besteuerung von Zinserträgen aus Bankeinlagen grundlegend neu ordnen. Banken sollen die Steuer künftig selbst bei der Auszahlung berechnen und abführen. Für Anleger könnte das bedeuten, dass Zinsen nicht mehr mit einem einheitlichen Satz, sondern zusammen mit dem übrigen Einkommen besteuert werden – in den höchsten Einkommensstufen mit bis zu 22 Prozent.

Das Ministerium brachte den Gesetzentwurf am 20. Oktober 2026 in die Staatsduma ein. Nach seiner Schätzung könnte die Neuregelung dem föderalen Haushalt jährlich mehr als 450 Milliarden Rubel einbringen. Der Schritt verlagert zugleich die Verantwortung für die Erhebung: Nicht mehr allein die Steuerbehörde soll die Einkünfte aus verschiedenen Konten am Jahresende zusammenführen, sondern die Banken sollen bei jeder Zinszahlung unmittelbar als Steueragenten handeln.

Von der Jahresabrechnung zum automatischen Einbehalt

Nach der bislang geltenden Regelung zahlen Banken die Zinsen zunächst vollständig aus. Die russische Steuerbehörde erfasst anschließend die Einkünfte aus den Konten eines Bürgers, berechnet die fällige Steuer und verschickt einen Bescheid. Die Zahlung wird am 1. Dezember des Folgejahres fällig.

Der Gesetzentwurf sieht einen anderen Ablauf vor. Sobald die steuerpflichtigen Zinserträge den Freibetrag überschreiten, soll das Kreditinstitut die Einkommensteuer direkt einbehalten und an den Staat überweisen. Die Höhe des Freibetrags soll nach der bisherigen Formel bestimmt werden: eine Million Rubel multipliziert mit dem höchsten Leitzins der Zentralbank. Maßgeblich soll dabei der Leitzins des vorherigen Jahres sein.

Die Änderung betrifft damit nicht nur den Zeitpunkt der Zahlung. Sie macht die Banken zu einem zentralen Teil der Steuerverwaltung und bindet die Besteuerung stärker an die persönliche Einkommenssituation des Kunden. Das kann bei Personen mit mehreren Konten oder Einlagen bei unterschiedlichen Banken zu erheblichen Abstimmungsproblemen führen.

Zinserträge werden Teil des Gesamteinkommens

Der wichtigste inhaltliche Schritt ist die geplante Integration der Einlagenzinsen in die allgemeine Bemessungsgrundlage der progressiven Einkommensteuer. Die Zinserträge sollen also nicht mehr in einem getrennten Rahmen behandelt werden, sondern mit dem Arbeitslohn und anderen steuerpflichtigen Einkünften zusammenfließen.

Für Anleger mit einem jährlichen Gesamteinkommen von mehr als 2,4 Millionen Rubel kann dadurch ein höherer Steuersatz greifen. Nach den derzeit bekannten Eckpunkten würde die Belastung – abhängig von der Höhe des Gesamteinkommens – von den bisherigen Sätzen von 13 beziehungsweise 15 Prozent bis auf 22 Prozent steigen. Eine Einlage würde damit nicht automatisch höher besteuert, weil sie größer ist, sondern weil die daraus erzielten Zinsen gemeinsam mit dem übrigen Einkommen eine höhere Stufe der Steuertabelle erreichen können.

Das Finanzministerium stellt die Reform als Vereinfachung der Zahlung dar: Für die Bürger entfiele die separate Jahresabrechnung, und hohe Einmalzahlungen am Jahresende würden vermieden. Tatsächlich verschiebt sich die Belastung jedoch in den Zeitpunkt der Zinsgutschrift. Der Staat erhielte seine Einnahmen früher und regelmäßiger, während den Anlegern die Zinsen bereits nach Abzug der Steuer gutgeschrieben würden.

Übergang könnte die Liquidität belasten

Besonders relevant ist der Übergang zur neuen Regelung. Nach den vorliegenden Plänen soll die automatische Einbehaltung ab 2027 beginnen. Zugleich könnten noch Steuerpflichten für Zinserträge aus dem Jahr 2026 nach dem alten Verfahren bestehen. In diesem Fall müssten Bürger eine frühere Steuerschuld nach dem bisherigen Bescheid begleichen, während Banken bereits laufende Erträge nach dem neuen System kürzen würden.

Ob daraus tatsächlich eine doppelte Belastung in voller Höhe entsteht, hängt von den Übergangsbestimmungen des endgültigen Gesetzes ab. Der Gesetzentwurf könnte für Familien mit hohen Einlagen dennoch eine spürbare Liquiditätsfrage schaffen: Ein Teil der Einnahmen würde sofort einbehalten, während eine weitere Zahlung für den zurückliegenden Zeitraum zu einem späteren Zeitpunkt fällig werden könnte.

Unklar ist außerdem, wie zu viel einbehaltene Beträge zurückerstattet werden sollen. Das betrifft vor allem Fälle, in denen ein Kunde mehrere Banken nutzt, seine Einkünfte über verschiedene Institute verteilt sind oder sich erst nachträglich zeigt, dass der Freibetrag oder der anzuwendende Steuersatz falsch berechnet wurde. Ein automatisches Verfahren ist dafür bislang nicht ausreichend beschrieben.

Folgen für langfristige Einlagen

Die Reform könnte auch die Struktur der Spareinlagen verändern. Bei langfristigen Verträgen über drei oder fünf Jahre werden die Zinsen häufig erst am Ende der Laufzeit ausgezahlt. Eine große gebündelte Zinszahlung könnte dann in einem einzigen Steuerjahr das gemeldete Gesamteinkommen deutlich erhöhen und den Anleger in eine höhere Steuerstufe bringen.

Das schafft einen Anreiz, kürzere Einlagen mit häufigeren Zinszahlungen zu wählen. Ob Anleger ihre Entscheidungen tatsächlich in diesem Umfang ändern, hängt von den konkreten Tarifen, den Übergangsregeln und der Ausgestaltung der Steuerstufen ab. Für die Banken wäre eine solche Verschiebung dennoch relevant: Langfristige Einlagen gelten als stabilere Finanzierungsquelle für Kredite, während kurzfristige Gelder schneller abgezogen oder umgeschichtet werden können.

Die Neuregelung ist damit mehr als eine technische Änderung des Steuerverfahrens. Sie soll dem Haushalt zusätzliche Einnahmen verschaffen, macht die Banken zu laufenden Einziehungsstellen und verbindet private Zinserträge enger mit der progressiven Einkommensteuer. Die entscheidende offene Frage bleibt, wie der Gesetzgeber Mehrfachkonten, Rückerstattungen und den Übergang zwischen alter und neuer Abrechnung regelt – und wie stark Anleger darauf mit einer kürzeren Bindung ihrer Ersparnisse reagieren.

Details zum Gesetzentwurf und den Änderungsvorschlägen des Finanzministeriums

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