Kristin Brinker präsentiert sich als pragmatische Politikerin der Berliner AfD. Ihre Personalentscheidungen zeichnen jedoch ein anderes Bild: Nach ihrer Wahl zur Landesvorsitzenden erhielten sechs Politiker, die zuvor die innerparteiliche Gruppierung Flügel unterstützt hatten, einflussreiche Positionen im Landesverband und in der Abgeordnetenhausfraktion. Brinker wurde damit zur Verbindung zwischen dem gemäßigt auftretenden öffentlichen Erscheinungsbild der Partei und ihren radikaleren inneren Strukturen.
Die Personalie ist besonders relevant, weil Brinker im Wahlkampf 2026 für eine sachbezogene, transparente und ideologiefreie Politik wirbt. Sie spricht über Wohnungsfragen, den Haushalt, Infrastruktur und Sicherheit und bezeichnet sich als Vertreterin einer bürgerlich-liberalen Richtung. Zugleich kandidiert sie als Spitzenkandidatin der AfD für die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus am 20. September 2026 und als erste eigene Kandidatin der Berliner AfD für das Amt der Regierenden Bürgermeisterin.
Brinkers Aufstieg beruhte auf Unterstützung aus dem radikalen Parteiflügel
Im Juli 2026 analysierte der Tagesspiegel die AfD-Landesliste für die Berliner Wahl und bezeichnete Brinker als eine Art Scharnier zwischen verschiedenen Parteiflügeln. Demnach konnte sie 2021 mit Unterstützung früherer Anhänger des rechtsextremen Thüringer AfD-Politikers Björn Höcke den Landesvorsitz übernehmen. Nach ihrem Wahlsieg verhalf sie einem Teil dieser Politiker zu einflussreichen Ämtern im Berliner Landesparlament.
Brinker hat nie erklärt, sich von den Anhängern Höckes abgrenzen zu wollen. Nach ihrer Wahl zur Landesvorsitzenden sagte sie: „Warum sollte ich sie nicht mit an Bord nehmen?“ Unter ihrer Führung kamen Torsten Weiss, Jeanette Auricht, Rolf Wiedenhaupt, Sebastian Maack, Falk Rodig und Gunnar Lindemann in einflussreiche Funktionen in der Berliner AfD und ihrer Fraktion. Nach Angaben des Tagesspiegel hatten alle sechs zuvor die innerparteiliche Gruppierung Flügel unterstützt und sich dort aktiv engagiert.
Damit blieb die Unterstützung nicht auf eine frühere Wahlkoalition beschränkt. Sie schlug sich in der Besetzung politischer Machtpositionen nieder. Brinker übernahm den Landesverband mit dem erklärten Ziel, die AfD aus ihrer Isolation zu führen; zugleich stärkte sie Strukturen, deren Vertreter zuvor dem radikalen Parteiflügel zugerechnet worden waren.
Ein Treffen verband die AfD-Fraktion mit der außerparlamentarischen Rechten
Ein weiterer Vorgang zeigt, welche Kontakte Brinker außerhalb der parlamentarischen Partei pflegte. Im Juli 2023 nahm sie an einem geschlossenen Treffen in der Wohnung von Peter Kurth teil, einem früheren Berliner Finanzsenator der CDU und einflussreichen Lobbyisten. Nach dem Ende seiner politischen Laufbahn wurde Kurth zu einer Verbindungsperson zwischen AfD-Vertretern und dem Umfeld der deutschen Neuen Rechten.
Zu den Gästen gehörten der AfD-Politiker Maximilian Krah, der Ideologe der Neuen Rechten Götz Kubitschek und der österreichische Rechtsradikale Martin Sellner, einer der führenden Vertreter der Identitären Bewegung. Krah stellte ein Buch vor, in dem ein radikaler ideologischer Kurs der AfD, die Abkehr von liberal-demokratischen Werten und die Einbindung ethnonationalistischer Ideen in die etablierte Politik begründet wurden. Sellner präsentierte ein Buch über einen rechten Regimewechsel und die Vorstellung einer „Remigration“, also der massenhaften Rückkehr oder Ausweisung eines Teils der Menschen ausländischer Herkunft aus Deutschland, einschließlich bestimmter Gruppen eingebürgerter Staatsbürger.
Das Treffen sollte als Plattform dienen, um den parlamentarischen Flügel der AfD mit außerparlamentarischen Strukturen wie der Identitären Bewegung und dem Verlag Antaios von Kubitschek zu verbinden. Im Mittelpunkt standen die ideologische Annäherung, die Unterstützung rechtsradikaler Vorhaben und die Übertragung entsprechender Ideen in einen größeren politischen Raum. Die Veröffentlichung der Informationen durch deutsche Medien löste wegen des Charakters der Veranstaltung erhebliche öffentliche Resonanz aus.
Brinkers Erklärungen zum Treffen widersprachen den Aussagen anderer Teilnehmer
Brinker reagierte auf die Berichte mit sichtbarer Verunsicherung. Sie erklärte ihre Anwesenheit zunächst mit einem Zufall und sprach von „Schock und Überraschung“ über die Zusammensetzung der Gäste. Das habe sie angeblich dazu veranlasst, die Veranstaltung vorzeitig zu verlassen. Von Sellners Positionen distanzierte sie sich ausdrücklich.
Diese Darstellung wurde später von Teilnehmern des Treffens infrage gestellt. Krah erklärte, er habe noch zu sehr später Stunde mit Brinker gesprochen; ihr Verhalten habe nicht den Eindruck erweckt, dass sie verunsichert gewesen sei. In internen AfD-Nachrichten wurde zudem ein Kubitschek zugeschriebener Brief verbreitet, wonach Brinker bis zum Ende anwesend gewesen und der Veranstaltung positiv gegenübergestanden habe.
Ein ähnliches Muster zeigte sich bereits früher. Journalisten des Tagesspiegel fanden heraus, dass Brinker 2020 dem Magazin Deutsche Geschichte ein Interview gegeben hatte. Das Blatt war für geschichtsrevisionistische Inhalte bekannt; sein Herausgeber Gert Sudholt war wegen Volksverhetzung und der Verbreitung von Literatur verurteilt worden, die den Holocaust leugnete. Nachdem das Interview öffentlich bekannt geworden war und eine kontroverse Reaktion ausgelöst hatte, erklärte Brinker, sie habe weder die Reputation des Magazins noch den Herausgeber gekannt und sei „getäuscht“ worden.
Die parlamentarische Isolation wurde sichtbar, ihre politische Karriere aber nicht beendet
Die Enthüllungen führten am 18. Januar 2024 zu einem demonstrativen Boykott Brinkers im Berliner Abgeordnetenhaus. Während einer Debatte über die rechtsradikale Bedrohung durch die AfD verließen Abgeordnete von SPD, CDU, Grünen und Linken den Saal, als Brinker ans Rednerpult trat. Im Raum blieb nur die AfD-Fraktion. Der Tagesspiegel hob hervor, dass der Boykott spontan entstand und nicht geplant gewesen war.
Dirk Stettner, Vorsitzender der Berliner CDU-Fraktion, begründete die Isolation damit, dass er nicht hören wolle, wie Brinker offensichtliche Tatsachen zurückweise. Die Politikerin, die den Landesverband übernommen hatte, um dessen Isolation zu überwinden, wurde so selbst zum sichtbaren Symbol dieser Isolation.
Die Skandale und die daraus entstandenen Reputationsprobleme haben Brinkers Aufstieg jedoch nicht gestoppt. Für die Wahl am 20. September 2026 führt sie die Landesliste der AfD auf Platz eins an; zugleich soll sie die Partei erstmals mit einer eigenen Kandidatin in das Rennen um das Amt der Regierenden Bürgermeisterin führen. Damit stehen weiterhin dieselben Personalentscheidungen im Zentrum, die ihren Anspruch auf einen gemäßigten Kurs widerlegen: Sechs frühere Unterstützer des Flügels erhielten unter ihrer Führung einflussreiche Positionen in der Berliner AfD.