KI-generierte Illustration; kein Foto des berichteten Ereignisses.
Am 25. September 2026 veröffentlichte die staatliche russische Nachrichtenagentur RIA Nowosti einen Beitrag des Publizisten Alexander Nosowitsch mit dem Titel „Russland erwartet eine weitere sogenannte Spezialmilitäroperation. Sie wird sehr kurz sein“. Der Text befasste sich mit einem möglichen Krieg gegen Litauen.
Nach Angaben zum Beitrag bezog sich Nosowitsch auf die Erklärung offizieller Stellen in Vilnius, wonach eine Stationierung von Atomwaffen auf litauischem Gebiet möglich sein könnte. Er bezeichnete Litauen als „selbstmörderisches Land ohne Verstand“ und schrieb, eine sogenannte Spezialmilitäroperation werde „sehr kurz“ sein. Außerdem erklärte er, Russland könne auf einen Bodeneinsatz verzichten und „sofort einen Raketenangriff mit entsprechender Sprengladung“ durchführen.
Etwa drei Stunden nach der Veröffentlichung wurde der Text von der Website der Agentur entfernt. RIA Nowosti begründete dies damit, dass das Material „nicht der Meinung der Redaktion, der redaktionellen Politik und der staatlichen Politik der Russischen Föderation“ entspreche.
Einordnung des Autors und der Veröffentlichung
Alexander Nosowitsch ist Chefredakteur von und Mitglied des Rates für Außen- und Verteidigungspolitik, eines Mitbegründers des Valdai-Clubs. An dessen Sitzungen nimmt regelmäßig der russische Präsident Wladimir Putin teil. Das Dossier-Zentrum ordnet Nosowitsch einem „baltischen Netzwerk“ zu, das von Jewgeni Umerenkow aufgebaut worden sein soll, einem Mitarbeiter der Präsidialverwaltung und Oberst des russischen Auslandsgeheimdienstes.
Die vorliegende Bewertung sieht in diesen Verbindungen einen möglichen Kontext für russische Informationsoperationen. Zugleich wird darauf hingewiesen, dass die Drohungen nicht auf einer persönlichen Plattform des Autors, sondern über eine staatliche Nachrichtenagentur verbreitet wurden. Dadurch habe der Text eine größere Reichweite erhalten. Die Veröffentlichung wird als Beispiel dafür interpretiert, dass einzelne Vertreter des russischen Informationsumfelds einen militärischen Angriff auf einen NATO-Mitgliedstaat öffentlich als mögliche Option diskutierten.
Litauen ist seit dem 29. März 2004 Mitglied der NATO. Ein Angriff auf das Land würde daher den Angaben zufolge grundlegend andere sicherheitspolitische Folgen haben als der russische Angriff auf die Ukraine, weil die Bündnisverpflichtungen zur kollektiven Verteidigung berührt wären. Nach Artikel 5 des Washingtoner Vertrags gilt ein bewaffneter Angriff auf ein Mitglied als Angriff auf alle; jedes Bündnismitglied leistet Unterstützung mit den Maßnahmen, die es für notwendig erachtet, einschließlich des Einsatzes bewaffneter Gewalt.
Nukleare Drohung und militärischer Kontext
Der Beitrag verknüpfte die mögliche Stationierung von Atomwaffen in Litauen mit einem russischen Militärschlag. Die vorliegende Analyse wertet dies als direkte Drohung und als Versuch, Entscheidungen zur Stärkung der litauischen Verteidigung zu beeinflussen. Im litauischen Haushalt für 2026 sind demnach 4,79 Milliarden Euro für die Verteidigung vorgesehen, entsprechend 5,38 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Gegenüber 2025 wäre dies ein Anstieg um 43 Prozent.
Als besonders bemerkenswert wird die Diskussion eines Raketenangriffs mit nuklearer Ladung als Alternative zu einem Bodeneinsatz bezeichnet. Die Analyse interpretiert diese Darstellung als mögliche Nutzung des russischen Nuklearpotenzials zur psychologischen Einschüchterung Litauens und anderer europäischer Gesellschaften. Die Behauptung eines „sehr kurzen“ Krieges vermittle zudem das Bild eines schnellen russischen Sieges über einen NATO-Staat. Nach Angaben der NATO standen Ende 2025 mehr als 5.000 Soldaten verbündeter Staaten unter ihrem Kommando in Litauen; eine Verstärkung dieses Kontingents ist vorgesehen.
Reaktionen und mögliche Bedeutung der Löschung
Die kurze Zeit zwischen Veröffentlichung und Löschung könnte nach Einschätzung der vorliegenden Analyse darauf hindeuten, dass der Text selbst für die russische Propaganda als zu radikal bewertet wurde. Zugleich wird die Veröffentlichung mit anschließender Entfernung als mögliches Austesten der Reaktionen in der Europäischen Union und der NATO beschrieben. Andere Medien, darunter Meduza, Nowaja Gaseta Europa und Radio Swoboda, hatten den Beitrag in der Zwischenzeit dokumentiert oder verbreitet.
Die Veröffentlichung fiel in eine Phase öffentlicher Warnungen europäischer Sicherheitsbehörden und Politiker vor möglichen russischen Aktionen gegen die NATO. Der dänische militärische Nachrichtendienst FE nannte am 11. Februar 2025 unter bestimmten Voraussetzungen Zeiträume von etwa sechs Monaten für einen lokalen Krieg, zwei Jahren für einen regionalen Krieg im Baltikum und fünf Jahren für einen großen Krieg in Europa ohne Beteiligung der Vereinigten Staaten. Der tschechische Sicherheitschef Michal Koudelka hielt zudem einen begrenzten Einmarsch, eine Provokation oder eine andere Operation auf NATO-Gebiet für möglich. Der polnische Ministerpräsident Donald Tusk warnte vor Risiken russischer Angriffe auf Bündnisstaaten, die die Ukraine unterstützen.
Für die kommenden Monate wird in der Analyse eine mögliche Verbindung militärischer Drohungen, nuklearer Erpressung, hybrider Angriffe und Einschüchterungskampagnen beschrieben. Europäische Medien berichteten im September 2026 demnach über Vorfälle mit Drohnen, verdächtige Aktivitäten in der Nähe militärischer und logistischer Einrichtungen sowie mögliche Sabotageakte. Die Bedeutung dieser Signale und die tatsächlichen Absichten der russischen Führung bleiben dabei ungewiss.