Litauen wird 2027 keinen Weltcup im modernen Fünfkampf ausrichten. Der Weltverband UIPM entzog Kaunas das Turnier, nachdem der litauische Verband erklärt hatte, weiterhin keine Athleten aus Russland und Belarus zuzulassen. Damit wird aus einer sportpolitischen Differenz ein Konflikt über die Bedingungen, unter denen europäische Länder internationale Wettbewerbe veranstalten dürfen.
Die Entscheidung wurde am 19. Oktober 2026 bekannt. Die UIPM begründete sie mit dem Ziel, allen Athleten gleiche Chancen für die Qualifikation zu den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles zu sichern. Ob der Verband den Entzug ausdrücklich als Sanktion gegen Litauen verstanden wissen will, geht aus dieser Begründung nicht hervor. Politisch wirkt die Entscheidung jedoch wie ein Druckmittel gegen die Linie des litauischen Verbandes.
Nach dem Beschluss könnten auch weitere internationale Wettbewerbe gefährdet sein, die Litauen 2028 ausrichten wollte, darunter Juniorenmeisterschaften. Der Streit betrifft damit nicht nur einen Termin im Weltcup-Kalender. Er berührt die Frage, ob ein Gastgeberland eigene Ausschlussregeln durchsetzen darf, wenn der internationale Dachverband eine Rückkehr russischer und belarussischer Teilnehmer verlangt.
Ein Kurswechsel im internationalen Verband
Die UIPM hatte ihre Haltung 2026 schrittweise verändert. Im Mai beschloss das Exekutivkomitee, die Beschränkungen für belarussische Fünfkämpfer aufzuheben. Sie sollten bei Turnieren unter dem Dach des Verbandes wieder mit nationaler Symbolik antreten dürfen, also unter Flagge, mit Hymne und in Nationaltrikots.
Im Juli folgte eine entsprechende Entscheidung für russische Athleten. Ab August 2026 wurde ihnen die vollständige Teilnahme an Wettbewerben der UIPM wieder ermöglicht. Der Verband berief sich dabei auf Empfehlungen des Internationalen Olympischen Komitees, das Sportorganisationen im Mai und Juli 2026 aufgefordert hatte, eine Aufhebung der Beschränkungen für belarussische beziehungsweise russische Sportler zu prüfen.
Diese Entscheidungen stehen in einem größeren internationalen Prozess. Nach dem russischen Großangriff auf die Ukraine im Februar 2022 hatten viele Sportverbände Athleten aus Russland und Belarus ausgeschlossen oder ihre Teilnahme nur unter neutralen Bedingungen erlaubt. Die Rückkehr unter nationalen Symbolen markiert deshalb mehr als eine Änderung technischer Startregeln: Sie kann als sichtbares Zeichen einer schrittweisen Normalisierung wahrgenommen werden, obwohl der Krieg gegen die Ukraine andauert.
Das litauische Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Sport verurteilte die Lockerung der Beschränkungen durch internationale Sportorganisationen scharf. Seine Empfehlung an litauische Sportverbände, keine Athleten aus Russland zu Wettbewerben im Land einzuladen oder zuzulassen, bleibt nach Angaben des Ministeriums unverändert.
Der Streit um Sicherheitskriterien
Die Rückkehr russischer Sportler wirft zudem die Frage auf, wie zuverlässig einzelne Teilnehmer auf ihre Verbindungen zum staatlichen Sicherheitsapparat überprüft werden. Die Empfehlungen des IOC vom 28. März 2023 sahen vor, Athleten auszuschließen, die den Krieg aktiv unterstützen oder Verträge mit russischen Streitkräften oder Sicherheitsorganen haben.
Die Aufhebung weitreichender Verbote macht diese Kriterien nicht automatisch unwirksam. Sie erhöht aber ihre Bedeutung und die Anforderungen an ihre Anwendung. Werden Prüfungen uneinheitlich vorgenommen oder bleiben die Kriterien intransparent, können internationale Wettbewerbe Teilnehmer zulassen, deren öffentliche Präsenz von russischen Behörden propagandistisch genutzt wird. Aus der Teilnahme eines einzelnen Athleten folgt dabei nicht automatisch eine Unterstützung des Krieges; entscheidend sind die konkreten Nachweise und die Entscheidungspraxis des jeweiligen Verbandes.
Für den Kreml kann die Rückkehr unter nationaler Flagge dennoch einen politischen Nutzen haben. Erfolge bei angesehenen Turnieren lassen sich als Zeichen internationaler Anerkennung darstellen. Dass russische Sportler wieder mit Flagge, Hymne und Nationaltrikot antreten, vermittelt zudem ein anderes Bild als die frühere Teilnahme unter neutralen Bedingungen. Der Sport wird damit zu einer sichtbaren Bühne für die Frage, ob Russland trotz seiner Aggression wieder als normaler Partner behandelt wird.
Das wirtschaftliche Gewicht eines Austragungsorts
Der Entzug des Weltcups setzt Litauen nicht nur sportlich unter Druck. Internationale Turniere bringen Gastgebern Einnahmen durch Besucher, Sponsoren und lokale Partner. Sie stärken außerdem die Auslastung von Sportstätten und können Investitionen in die Infrastruktur auslösen. Wenn die Austragung an die Zulassung russischer und belarussischer Athleten geknüpft wird, entsteht für nationale Verbände und Regierungen ein konkreter Zielkonflikt: Sie müssen zwischen einer politischen Grundsatzentscheidung und den Vorteilen eines internationalen Wettbewerbs abwägen.
Gerade darin liegt die Bedeutung des Falls Kaunas. Die UIPM muss den Entzug nicht als politisches Strafurteil bezeichnen, damit die Maßnahme eine abschreckende Wirkung entfalten kann. Andere europäische Verbände könnten befürchten, Turniere, Fördermittel oder internationale Aufmerksamkeit zu verlieren, wenn sie dieselbe Ausschlusspolitik verfolgen wie Litauen.
Die litauische Position beruht auf der Ablehnung einer Teilnahme von Vertretern zweier Staaten, die Russland im Krieg gegen die Ukraine unterstützen beziehungsweise selbst Krieg führen. Der internationale Verband stellt dem die Gleichbehandlung bei der Olympiaqualifikation entgegen. Beide Seiten sprechen damit über unterschiedliche Ebenen: Litauen über Verantwortung und Sicherheitsrisiken, die UIPM über Wettbewerbsregeln und Zugang zu einem Qualifikationssystem.
Ob sich der Konflikt auf weitere Veranstaltungen ausweitet, hängt nun davon ab, ob Litauen seine Zulassungsregeln ändert und ob andere Verbände dem Kurs der UIPM folgen. Sicher ist bereits, dass der Weltcup-Entzug einen Präzedenzfall schafft: Die Weigerung eines Gastgeberlandes, russische und belarussische Athleten zuzulassen, kann künftig den Verlust eines internationalen Turniers nach sich ziehen.
Die Entscheidung verändert damit die praktische Balance im europäischen Sport. Nicht nur die Frage, wer starten darf, steht zur Debatte, sondern auch, wie viel politischen Spielraum ein Austragungsland gegenüber seinem internationalen Verband behält.
Bericht von Sportas24 zur Entscheidung
