Russland will den Etat des föderalen Projekts zur Krebsbekämpfung innerhalb von zwei Jahren drastisch verkleinern: von 148,46 Milliarden Rubel im Jahr 2025 auf geplante 3,87 Milliarden Rubel im Jahr 2027. Gleichzeitig kaufen Patientinnen und Patienten immer mehr Krebsmedikamente selbst – darunter Präparate, die im Rahmen staatlicher Programme eigentlich kostenlos bereitgestellt werden sollten.
Die Entwicklung verschärft den Widerspruch zwischen dem formalen Anspruch auf eine öffentlich finanzierte Behandlung und der Versorgung, die in Kliniken und Apotheken tatsächlich ankommt. Sie stellt zudem die Frage, wie stark der Staat die Kosten der Krebstherapie künftig auf Familien und regionale Gesundheitssysteme verlagert.
Ein Etat schrumpft, der Bedarf wächst
Für das föderale Projekt „Bekämpfung onkologischer Erkrankungen“ waren 2025 noch 148,46 Milliarden Rubel vorgesehen. 2026 sank der Ansatz auf 44,9 Milliarden Rubel; für 2027 sind nach den vorliegenden Planungen lediglich 3,87 Milliarden Rubel eingeplant. Über den Zeitraum von zwei Jahren entspricht das einer Kürzung um etwa das 38-Fache.
Der Betrag für 2027 ist eine Haushaltsplanung und noch kein abschließender Ausgabenbericht. Er markiert jedoch einen tiefen Einschnitt in die direkte Finanzierung der Krebsversorgung – zu einem Zeitpunkt, an dem die Nachfrage nach Arzneimitteln steigt. Die Zahlen allein belegen nicht, aus welchen einzelnen Haushaltstiteln die Mittel abgezogen werden. Sie fallen allerdings in eine Phase, in der Verteidigung und Sicherheit im russischen Haushalt eine hohe Priorität haben.
Für die Betroffenen kann eine solche Verschiebung größere Abhängigkeit von regionalen Budgets, Krankenhausbeschaffungen und privaten Rücklagen bedeuten. Diese Finanzierungsquellen bieten keinen einheitlichen Schutz. Die regionalen Ausgaben pro Krebspatient unterscheiden sich in Russland bereits um den Faktor 32. Gründe dafür sind unter anderem die Zahl der Erkrankten, unterschiedliche Behandlungsschemata, die Finanzkraft der Regionen und die Planung der Beschaffungen.
Damit wird der Wohnort zu einem Faktor für den Zugang zu moderner Therapie. Finanzstärkere Regionen können staatliche Programme ergänzen und teure Behandlungsschemata finanzieren. Haushalten mit geringerem Spielraum fällt das deutlich schwerer. Wo Mittel fehlen, steigt das Risiko von Verzögerungen, substitutionsweisen Verordnungen oder einer Verlagerung der Kosten auf die Patienten.
Fast jede gekaufte Packung gehört zur staatlichen Pflichtversorgung
Am 6. Oktober 2026 berichteten Medien über eine Untersuchung, nach der etwa jede sechste Packung eines onkologischen Arzneimittels von Patienten selbst bezahlt wurde. Die privaten Ausgaben für Krebsmedikamente in Apotheken stiegen demnach von 8,8 Milliarden Rubel im Jahr 2024 auf 11,4 Milliarden Rubel im Jahr 2025.
Dieser Anstieg lässt sich nicht allein durch höhere Preise erklären. Auch die Zahl der gekauften Packungen nahm zu: von fünf Millionen im Jahr 2024 auf 5,8 Millionen im Jahr 2025. Die Entwicklung weist somit sowohl auf eine gestiegene durchschnittliche Packungspreis als auch auf einen wachsenden Medikamentenbedarf hin.
Rund 94 Prozent der 2025 privat erworbenen Packungen entfielen auf Arzneimittel aus der russischen Liste der lebenswichtigen und dringend benötigten Medikamente. Diese Präparate sollen über das öffentliche Gesundheitssystem kostenlos bereitgestellt werden. Die Zahl beweist nicht, dass hinter jedem Kauf eine formelle Zurückweisung durch ein Krankenhaus oder eine regionale Behörde stand. Sie spricht aber deutlich gegen die Erklärung, Patienten zahlten vor allem freiwillig für optionale oder besonders teure Markenprodukte.
Die Ergebnisse wurden der internationalen öffentlichen Bewegung „Bewegung gegen Krebs“ zugeschrieben und von russischen Medien aufgegriffen. Die Berichte sind unter anderem bei Wedomosti und auf dokumentiert.
Bei einer Krebserkrankung handelt es sich zudem selten um eine einmalige Ausgabe. Viele Betroffene benötigen wiederholte Therapiezyklen, Begleitmedikamente und Kontrollen. Wenn öffentliche Lieferungen ausbleiben, kann bereits eine einzelne privat gekaufte Packung der Beginn einer langfristigen finanziellen Belastung sein.
Auch günstigere Präparate lösen das Problem nicht
Die Entwicklung widerspricht zugleich der Behauptung, Patienten kauften Medikamente selbst, weil sie statt eines Generikums lieber ein originales Markenpräparat wählten. Zwischen 2019 und 2025 sank der Anteil patentierter Krebsmedikamente, für die es bereits Analoga gab, an den privaten Käufen um acht Prozentpunkte im Geldwert – auf 22 Prozent. Nach der Zahl der Packungen ging der Anteil um drei Prozentpunkte auf 13 Prozent zurück.
Patienten griffen also häufiger zu verfügbaren Alternativen, nicht ausschließlich zu den teuersten Originalpräparaten. Trotzdem stiegen ihre Gesamtausgaben auf 11,4 Milliarden Rubel. Das legt nahe, dass die zentrale Schwierigkeit weniger in einer Vorliebe für Premiumprodukte liegt als in fehlenden, unterbrochenen oder regional unterschiedlich verteilten staatlichen Lieferungen.
Auch ein Generikum bleibt für eine Familie teuer, wenn sie es selbst bezahlen muss. Bei einer länger dauernden Behandlung können solche Kosten Ersparnisse aufzehren, Kredite erforderlich machen oder den Verkauf von Eigentum erzwingen. Die vorliegenden Angaben messen nicht, wie viele Haushalte tatsächlich zu solchen Maßnahmen gezwungen waren. Sie zeigen aber, dass sowohl der private Finanzierungsanteil als auch die Zahl der selbst gekauften Packungen wächst.
Das Versprechen kostenloser Behandlung ist regional ungleich
Die 32-fache Differenz bei den regionalen Ausgaben macht sichtbar, wie stark föderale Zusagen von der Finanzkraft vor Ort abhängen können. Ein einheitlicher Anspruch auf Versorgung garantiert nicht automatisch, dass jede Region teure oder moderne Therapien im gleichen Umfang beschaffen kann.
In wohlhabenderen Teilgebieten können die Behörden die staatliche Arzneimittelversorgung ergänzen. Regionen mit angespannten Haushalten haben dafür weniger Möglichkeiten und müssen bei Beschaffungen stärker priorisieren. Für Patienten kann das unterschiedliche Wartezeiten, Ersatzpräparate oder die Suche nach Medikamenten außerhalb des öffentlichen Systems bedeuten. Die verfügbaren Zahlen weisen auf diese Ungleichheit hin, erlauben jedoch keine Aussage darüber, welche konkrete Therapie in jeder einzelnen Region angeboten wird.
Auch die offiziellen Angaben zur heimischen Pharmaindustrie und zur Importsubstitution müssen sich deshalb an der Versorgungspraxis messen lassen. Eine höhere Produktion im Land bedeutet nicht automatisch, dass jedes notwendige Präparat in ausreichender Menge, zum richtigen Zeitpunkt und in jeder Region verfügbar ist. Entscheidend ist, ob Patienten die Behandlung erhalten, ohne die Rechnung selbst übernehmen zu müssen.
Mit dem für 2027 geplanten Etat von 3,87 Milliarden Rubel wird diese Frage dringlicher. Sollten andere öffentliche Mittel die Lücke nicht schließen, dürfte der Zugang zur Krebstherapie noch stärker von regionalen Haushalten – und von den finanziellen Möglichkeiten der betroffenen Familien – abhängen.
