Russlands Steuerpläne stellen kleine Unternehmen vor neue Lasten
Russlands Steuerpläne stellen kleine Unternehmen vor neue Lasten

Russlands Steuerpläne stellen kleine Unternehmen vor neue Lasten

Oktober 15, 2026
3 min. lesezeit

Eine Initiative des Unternehmerverbands Delowaja Rossija könnte die steuerlichen Rahmenbedingungen für kleine und mittlere Unternehmen in Russland deutlich verschärfen. Während vereinfachte und patentbasierte Regelungen zur Disposition stehen, sieht das 52 Maßnahmen umfassende Konzept zugleich neue Vergünstigungen für große Unternehmen vor.

Der Verbandsvorsitzende Alexei Repik stellte die Vorschläge am 14. Oktober 2026 bei einem Treffen mit Präsident Wladimir Putin vor. Über das Projekt hatten russische Medien bereits am Vortag berichtet. Eine Entscheidung über die einzelnen Maßnahmen ist damit noch nicht verbunden: Es handelt sich um Forderungen des Verbands, nicht um bereits geltendes Recht.

Der Bericht von RBC und eine zusätzliche Veröffentlichung auf Telegram nennen als Kern des Vorhabens eine teilweise Abschaffung steuerlicher Sonderregime für kleinere Unternehmen sowie eine höhere Belastung bestimmter Unternehmer.

Vereinfachte Systeme im Zentrum

Besonders weitreichend wäre die Abschaffung der vereinfachten und der automatisierten vereinfachten Besteuerung. Im Jahr 2026 werden im vereinfachten System sechs Prozent des Umsatzes fällig. Für die automatisierte Variante liegt der Satz bei acht Prozent. Das Konzept sieht außerdem vor, die Umsatzgrenze für die Mehrwertsteuerpflicht bei der automatisierten Regelung von 60 Millionen auf 20 Millionen Rubel zu senken.

Auch der Spielraum der Regionen soll entfallen. Derzeit können sie den Satz der vereinfachten Besteuerung für das Modell „Einnahmen“ auf bis zu ein Prozent und für „Einnahmen minus Ausgaben“ auf bis zu fünf Prozent reduzieren. Solche regionalen Ermäßigungen wären nach dem Vorschlag nicht mehr möglich.

Für Kleinstunternehmen steht zusätzlich das Patentsystem auf dem Prüfstand. Dabei zahlt ein Unternehmer einen staatlich festgelegten Pauschalbetrag, der unabhängig vom tatsächlich erzielten Einkommen berechnet wird. Die Umsatzgrenze für dieses Modell wurde 2026 bereits auf 20 Millionen Rubel jährlich gesenkt. Eine Abschaffung würde vor allem jene Betriebe treffen, die ihre Steuerlast bislang durch die einfache und planbare Pauschalregelung begrenzen.

Entlastung für Investitionen großer Unternehmen

Dem Abbau von Erleichterungen für kleinere Betriebe steht ein umfangreiches Paket zugunsten großer Unternehmen gegenüber. Delowaja Rossija schlägt unter anderem ein „Investitionssteuernachweis“ genanntes Instrument vor. Damit könnten Unternehmen ihre Gewinnsteuer um bis zu 50 Prozent der Ausgaben für Anlagen oder Forschungs- und Entwicklungsarbeiten reduzieren.

Außerdem sollen die bestehenden Vergünstigungen beim föderalen Investitionsabzug ausgeweitet werden. Der Staat könnte nach dem Konzept ferner Importe beschränken, wenn ein Unternehmen über ein eigenes „Innovationsprodukt“ verfügt. Eine solche Regelung würde den Zugang ausländischer Anbieter zum Markt erschweren und den betroffenen russischen Unternehmen zusätzlichen Schutz verschaffen.

Damit folgt das Projekt einer klaren Zweiteilung: Kleine und mittlere Unternehmen sollen stärker in das allgemeine Steuersystem einbezogen werden, während große Investoren über Abzüge und Schutzmaßnahmen entlastet werden könnten. Ob diese Kombination die offiziell angeführte Bekämpfung unfairer Konkurrenz tatsächlich stärkt oder den Wettbewerb zugunsten etablierter Konzerne verschiebt, hängt von der späteren Ausgestaltung und Kontrolle der Regeln ab.

Neue Abgaben für Privatpersonen

Der Vorschlag beschränkt sich nicht auf Unternehmen. Für Privatpersonen fordert der Verband feste Sozialbeiträge für Menschen, deren Einkommen überwiegend aus Zinsen und Dividenden stammt. Zusätzlich soll es erstmals eine Steuer auf Erbschaften und Schenkungen geben, sofern die Bemessungsgrundlage 50 Millionen Rubel erreicht. Die Höhe soll vom Verwandtschaftsgrad abhängen.

Derzeit erhebt Russland keine allgemeine Erbschaftsteuer. Die Einführung einer solchen Abgabe würde daher nicht nur die Höhe einzelner Zahlungen verändern, sondern eine neue Kategorie der Vermögensbesteuerung schaffen.

Die offene Frage der wirtschaftlichen Wirkung

Die Befürworter können die Einschränkungen als Mittel gegen Steuerarbitrage, die künstliche Aufteilung von Unternehmen und Wettbewerbsverzerrungen darstellen. Kritiker der Initiative sehen dagegen eine asymmetrische Interessenvertretung: Der Verband repräsentiert vor allem große nicht rohstoffbasierte Unternehmen, während die vorgeschlagenen Einschnitte unmittelbar die einfacheren Steuerregime kleiner Betriebe treffen.

Ob daraus tatsächlich eine breitere Steuerbasis entsteht, ist nicht entschieden. Für viele kleine Unternehmen würde die Kombination aus höheren Zahlungen, Mehrwertsteuerpflicht und dem Wegfall regionaler Ermäßigungen jedoch die Kosten legaler Tätigkeit erhöhen. Sie könnten Preise anheben, Investitionen zurückstellen oder ihre Tätigkeit in weniger transparente Formen verlagern. Zugleich würden große Unternehmen von Investitionsabzügen und möglichen Importbeschränkungen profitieren.

Der entscheidende nächste Schritt ist deshalb nicht die Präsentation des Projekts, sondern seine politische Umsetzung: Erst wenn die Regierung einzelne der 52 Maßnahmen übernimmt, wird feststehen, ob Russland seine Steuerlast tatsächlich neu verteilt – oder ob aus einer Verbandsinitiative ein dauerhaftes Ungleichgewicht zwischen kleinen Betrieben und großen Konzernen wird.

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