Russlands Anleihemarkt gerät unter den Druck teurer Refinanzierung
Russlands Anleihemarkt gerät unter den Druck teurer Refinanzierung

Russlands Anleihemarkt gerät unter den Druck teurer Refinanzierung

Oktober 7, 2026
3 min. lesezeit

Mehr als 50 russische Unternehmen könnten im Jahr 2026 mit ihren Anleihen ausfallen. Das wäre der höchste Stand seit 17 Jahren und würde sogar die Krisenjahre 2014 und 2015 übertreffen. Im Zentrum der Entwicklung steht eine einfache, für hoch verschuldete Unternehmen jedoch folgenreiche Rechnung: Alte Schulden müssen zu deutlich höheren Kosten ersetzt werden, während das Wirtschaftswachstum nachlässt.

Über die mögliche Rekordzahl berichtete Izvestija am 6. Oktober 2026. Die bislang verfügbaren Daten zeigen, dass sich die Probleme nicht mehr auf kleine Emittenten mit besonders riskanten Hochzinsanleihen beschränken. Auch größere Unternehmen aus dem Tankstellen-, Immobilien- und Einzelhandelssektor geraten bei fälligen Zahlungen unter Druck.

Aus einer Verzögerung wird ein Zahlungsausfall

Die russische Ratingagentur Nationale Kreditratings registrierte von Januar bis September 2026 mehr als 500 Ereignisse, die als Zahlungsausfall oder technischer Zahlungsausfall eingestuft wurden. Diese Zahl bezeichnet nicht 500 verschiedene Unternehmen. Mindestens 30 einzelne Emittenten versäumten Zahlungen; 20 Organisationen erlebten erstmals einen technischen Zahlungsausfall.

Ein technischer Zahlungsausfall ist zunächst eine Nachfrist. Nach dem festgelegten Zahlungstermin bleiben dem Unternehmen zehn Tage, um das erforderliche Geld aufzubringen. Gelingt das nicht, wird aus der Verzögerung ein vollständiger Zahlungsausfall. Von den 20 Unternehmen mit einem erstmaligen technischen Ausfall konnten 17 ihre Schulden innerhalb dieser Frist nicht begleichen.

Auch das finanzielle Volumen der ausstehenden Zahlungen erreichte einen Höchststand. Der überfällige Schuldenbetrag belief sich bis September auf 41 Milliarden Rubel, nach 34 Milliarden Rubel im gesamten Vorjahr. Der Anteil ausgefallener Wertpapiere am russischen Markt für Unternehmensanleihen stieg von 0,69 Prozent im Jahr 2025 auf 1,77 Prozent im August 2026. Damit hat er sich nahezu verdreifacht.

Die Ratingagentur ACRA schätzt, dass der Anteil problematischer Emittenten bis zum Jahresende in die Nähe von fünf Prozent kommen könnte. Diese Marke gilt als Schwelle, ab der nicht mehr nur einzelne Unternehmen scheitern, sondern von einer umfassenden Ausfallwelle gesprochen werden kann. Sie ist bislang eine Prognose und kein bereits erreichter Wert.

Warum hohe Zinsen die Refinanzierung blockieren

Der Druck auf die Unternehmen entstand nicht innerhalb weniger Wochen. Nachdem die Inflation in Russland deutlich gestiegen war, erhöhte die Bank Russlands ihren Leitzins bis Ende 2024 auf 21 Prozent. Dadurch verteuerte sich sowohl die Bedienung bestehender Kredite als auch die Aufnahme neuer Schulden.

Besonders anfällig sind Unternehmen, die fällige Anleihen regelmäßig durch neue Anleihen ersetzen müssen. Unter normalen Bedingungen wird eine auslaufende Finanzierung refinanziert. Bei dauerhaft hohen Zinsen kann die Anschlussfinanzierung jedoch so teuer werden, dass die Zinslast die verfügbaren Einnahmen auffrisst. Ein Unternehmen muss dann zwischen höheren Finanzierungskosten, der Rückzahlung aus dem laufenden Geschäft oder Verhandlungen mit den Gläubigern wählen.

Für Firmen mit geringen Margen und hoher Verschuldung gibt es in dieser Lage oft keine tragfähige Option. Sinkendes Wachstum verschärft das Problem zusätzlich. Für die russische Wirtschaft wird ein Anstieg des Bruttoinlandsprodukts von lediglich rund 0,5 Prozent erwartet. Schwächere Nachfrage und geringere Einnahmen treffen somit auf eine wachsende Zinslast.

Eine spätere Senkung des Leitzinses würde diese Bilanzen nicht automatisch stabilisieren. Sie könnte neue Kredite verbilligen, würde aber die bereits aufgelaufenen Schulden und die in den vergangenen Jahren gezahlten Zinsen nicht beseitigen. Für Unternehmen, die ihre Liquiditätsreserven bereits aufgebraucht haben, käme eine Entlastung daher möglicherweise zu spät.

Die Ausfälle verlassen das Hochzinssegment

Am stärksten betroffen ist bislang der Markt für Hochzinsanleihen kleiner und niedrig bewerteter Unternehmen. Zu den genannten Emittenten zählen Global Factoring Network Rus, Chistaya Planeta und Kuzina. Diese Firmen zahlen wegen ihres höheren Risikos ohnehin besonders hohe Zinsen und verfügen meist über weniger finanzielle Reserven als große Konzerne.

Die Entwicklung reicht jedoch über dieses Segment hinaus. Die Tankstellenkette EuroTrans geriet bei sämtlichen Anleiheemissionen im Gesamtwert von 27,1 Milliarden Rubel in einen tatsächlichen Zahlungsausfall. Die Probleme traten vor dem Hintergrund der Festnahme von Führungskräften auf. Aus den vorliegenden Angaben lässt sich jedoch nicht ableiten, dass die Festnahmen allein die Zahlungsausfälle verursacht haben.

Auch der Immobilienentwickler Samolet konnte eine fällige Verpflichtung nicht vollständig erfüllen. Das Unternehmen überwies 670 Millionen Rubel, obwohl 2,5 Milliarden Rubel erforderlich gewesen wären. Der Vorgang wurde als technischer Zahlungsausfall eingestuft. Er zeigt, dass ein Unternehmen seinen Geschäftsbetrieb fortsetzen und zugleich bei einer einzelnen Fälligkeit nicht über genügend sofort verfügbare Mittel verfügen kann.

Die Fälle sind für den Markt deshalb relevant, weil sie die bisherige Annahme infrage stellen, das Ausfallrisiko liege ausschließlich bei kleinen spekulativen Emittenten. Wenn auch größere Unternehmen ihre Anleihen nicht fristgerecht refinanzieren oder zurückzahlen können, müssen Anleger und Kreditgeber die Risiken in deutlich breiteren Teilen des Marktes neu bewerten.

Der Druck kann auf die Banken übergehen

Russische Banken halten einen beträchtlichen Teil der Unternehmensanleihen direkt oder über Anlageprodukte. Eine anhaltende Zunahme der Ausfälle würde sie daher zwingen, höhere Rückstellungen für mögliche Verluste zu bilden. Das würde ihre Bilanzen belasten und zugleich den Spielraum für neue Kredite an Unternehmen verringern.

So kann ein Rückkopplungseffekt entstehen: Unternehmen erhalten schwerer frisches Geld, verschieben Investitionen und Wachstumsvorhaben und verlieren weitere Möglichkeiten zur Refinanzierung. Für bereits angeschlagene Schuldner steigt dadurch das Risiko, dass eine vorübergehende Liquiditätslücke in einen dauerhaften Zahlungsausfall übergeht.

Die bisherige Entwicklung beweist noch keine systemische Krise. Der von ACRA genannte Schwellenwert von fünf Prozent ist noch nicht erreicht. Die Richtung der wichtigsten Kennzahlen ist jedoch eindeutig: mehr ausgebliebene Zahlungen, höhere überfällige Schulden und ein wachsender Anteil problematischer Wertpapiere.

Die entscheidende Frage für den weiteren Jahresverlauf lautet deshalb, ob die Ausfälle auf hoch verschuldete Hochzins-Emittenten begrenzt bleiben oder auf größere Teile der Unternehmenswirtschaft übergreifen. Im zweiten Fall wären nicht nur Anleihegläubiger betroffen, sondern auch die Kreditvergabe der Banken und möglicherweise der Staatshaushalt, falls geschwächte Finanzinstitute gestützt werden müssten.

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