Die Slowakei will ihre militärisch-diplomatischen Beziehungen zu Russland nach vier Jahren Unterbrechung wieder aufnehmen. Zwei slowakische Offiziere sollen nach Moskau entsandt werden, zugleich wird in Bratislava ein russischer Militärvertreter erwartet. Die Entscheidung der Regierung von Ministerpräsident Robert Fico löst in der slowakischen Opposition scharfe Kritik aus – auch wegen eines früheren Spionagefalls im Umfeld des russischen Militärattachés.
Das slowakische Verteidigungsministerium gab die geplanten Personalwechsel am 9. Oktober 2026 bekannt. Bereits im Mai hatten Fico und der russische Präsident Wladimir Putin bei Ficos offiziellem Besuch in Moskau über die Wiederaufnahme der Arbeit der Militärattachés gesprochen. Damit entsteht ein offizieller Kommunikationskanal zwischen den Streitkräften beider Länder, während die Beziehungen zwischen Russland und der NATO weiterhin von tiefem Misstrauen geprägt sind.
Ein diplomatischer Posten mit sicherheitspolitischer Reichweite
Militärattachés sind zunächst diplomatische Verbindungspersonen. Sie unterstützen den Austausch zwischen Streitkräften, organisieren Kontakte und Besuche und informieren ihre Regierungen über die militärische Entwicklung im Gastland. Gerade deshalb bewegen sie sich in einem Umfeld, in dem sich offizielle Kommunikation und nachrichtendienstliches Interesse berühren können.
Der Wert eines solchen Postens liegt nicht zwingend im Zugang zu einer einzelnen geheimen Akte. Über längere Zeit können Kontakte zu Offizieren, Ministerialbeamten und anderen Entscheidungsträgern entstehen. Dabei lassen sich Zuständigkeiten, persönliche Netzwerke und institutionelle Abläufe besser einschätzen. Ob aus solchen Kontakten eine unerlaubte Informationsbeschaffung wird, hängt von den konkreten Handlungen und den Kontrollen des Gastlandes ab.
Für die Slowakei ist die Rückkehr eines russischen Militärvertreters auch deshalb besonders sensibel, weil der vorherige Amtsinhaber mit einem Spionagefall in Verbindung gebracht wurde. Der polnische Nachrichtendienst Onet berichtete, der frühere russische Militärattaché Sergei Solomasov habe Bohus Garbar angeworben. Garbar arbeitete für die slowakische Desinformationsseite Hlavné správy und wurde später wegen Spionage verurteilt.
Diese Vorgeschichte belegt nicht, dass der künftig erwartete russische Offizier ebenfalls Spionage betreiben wird. Sie erklärt jedoch, warum die Wiederaufnahme der Kontakte in Bratislava nicht als rein protokollarische Angelegenheit behandelt wird. Die Opposition sieht in dem früheren Fall einen Hinweis darauf, dass ein Militärattachéposten zum Aufbau persönlicher Quellen und Einflussnetzwerke genutzt werden könnte.
Die NATO-Dimension der slowakischen Entscheidung
Die Slowakei ist Mitglied der NATO und der Europäischen Union. Ihre Streitkräfte nehmen an gemeinsamen Planungen, Übungen und Sicherheitsstrukturen des Bündnisses teil. Nationale Behörden können dabei auch Informationen verarbeiten, die für die Verteidigung mehrerer Mitgliedstaaten relevant sind. Eine bilaterale Entscheidung in Bratislava kann deshalb Auswirkungen haben, die über das Verhältnis zwischen der Slowakei und Russland hinausreichen.
Die politische Kritik richtet sich nicht grundsätzlich gegen jede Gesprächsmöglichkeit mit Moskau. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Frage, ob der neue Kontakt ausreichend gegen Informationsbeschaffung, Anwerbung und Einflussoperationen abgesichert wird. Die slowakische Opposition warnt, unter diplomatischer Abdeckung könne ein russischer Nachrichtendienstmitarbeiter nach Bratislava entsandt werden. Das ist eine politische Warnung vor einem möglichen Einsatz des Postens, keine bestätigte Feststellung über die Identität oder das Verhalten des erwarteten Offiziers.
Auch die Behauptung, Russland habe über die neue Vereinbarung bereits ein Spionagenetz in der Slowakei wieder aufgebaut oder geheime NATO-Informationen erhalten, lässt sich aus den vorliegenden Angaben nicht ableiten. Sicher ist zunächst nur, dass die Regierung einen offiziell genehmigten Zugang zu den militärischen Institutionen des jeweils anderen Landes schaffen will. Dieser Zugang kann die Krisenkommunikation erleichtern, zugleich aber neue Anforderungen an die slowakische Spionageabwehr stellen.
Ficos Kurs zwischen Kontakt und Risiko
Die Entscheidung passt zu Ficos Bestreben, ausgewählte Kontakte zu Moskau wiederherzustellen und sich von Teilen der sicherheits- und außenpolitischen Linie vieler NATO- und EU-Regierungen abzugrenzen. Die Wiederaufnahme militärischer Verbindungen erlaubt seiner Regierung, Gesprächskanäle auch in einer angespannten Lage zu betonen.
Für die Kritiker ist jedoch entscheidend, unter welchen Bedingungen diese Kanäle funktionieren. Ein begrenzter Austausch zwischen Militärs kann der Verständigung dienen. Derselbe institutionelle Rahmen kann aber auch genutzt werden, um Beziehungen auszubauen, sensible Entscheidungsprozesse zu beobachten oder Desinformation zu verbreiten – sofern die zuständigen Behörden dies nicht verhindern.
Mit der Entsendung der zwei slowakischen Offiziere nach Moskau und der erwarteten Ankunft eines russischen Vertreters in Bratislava beginnt daher ein sicherheitspolitischer Test für die Regierung Fico. Die offene Frage ist, ob der neue Kontakt auf eine kontrollierte Verbindung zwischen zwei Streitkräften beschränkt bleibt oder ob er Russland zusätzlichen Handlungsspielraum innerhalb eines NATO-Mitgliedstaats verschafft.
