Nach vier Jahren ohne russischen Militärattaché könnte Moskau seine militärisch-diplomatische Präsenz in der Slowakei wiederherstellen. Die Regierung von Ministerpräsident Robert Fico prüft die Akkreditierung des Marineoffiziers Maxim Wereschan – in einer Phase, in der Bratislava den Dialog mit Russland als „pragmatisch“ bezeichnet, zugleich aber eng in die Sicherheitsstrukturen der EU und der NATO eingebunden bleibt.
Russland hatte zunächst den Kapitän 1. Ranges Maxim Garitschew vorgeschlagen. Im August 2026 signalisierte Bratislava nach den vorliegenden Angaben informell, dass seine Ernennung nicht akzeptabel sei. Im September reichte Moskau demnach einen neuen Antrag für Wereschan ein. Seine Ankunft in Bratislava wird, sofern die slowakische Regierung zustimmt, für Oktober oder November 2026 erwartet.
Eine solche Ernennung wäre mehr als eine protokollarische Personalentscheidung. Sie würde die militärischen Kontakte zwischen Moskau und Bratislava wiederbeleben und Russland Zugang zu einem Staat verschaffen, der zugleich EU- und NATO-Mitglied ist. Wie weit dieser Zugang reichen könnte, hängt von den Auflagen der slowakischen Behörden und vom Verhalten des Attachés ab. Politisch wäre die Entscheidung jedoch bereits ein Signal: Die Regierung Fico wäre bereit, die Beziehungen zu Moskau trotz des russischen Krieges gegen die Ukraine auf sicherheitspolitischer Ebene wieder zu öffnen.
Ein „pragmatischer Dialog“ vor mehreren Wahlen
Das slowakische Außenministerium begründet den Kurs mit dem Wunsch, einen ausschließlich „pragmatischen Dialog“ mit Russland aufrechtzuerhalten. Ficos Regierung hat wiederholt eine weniger konfrontative Linie gegenüber dem Kreml vertreten. Nach der politischen Neuordnung in Ungarn gilt die Slowakei damit als einer der wenigen Staaten in der Region, die für offizielle Kontakte mit Moskau offenbleiben.
Der Zeitpunkt erhöht die politische Bedeutung. Am 24. Oktober 2026 sollen in der Slowakei Kommunal- und Regionalwahlen stattfinden; im Herbst 2027 folgen voraussichtlich Parlamentswahlen. In einem solchen Umfeld kann ein russischer Militärattaché nicht nur klassische Kontakte zu Streitkräften pflegen. Die Stelle bietet auch Möglichkeiten zur Beobachtung militärischer Kooperation, zur Auswertung öffentlicher und nicht öffentlicher Kontakte sowie – abhängig von den jeweiligen Befugnissen und Zugängen – zur Unterstützung politischer Einflussaktivitäten.
Besonders sensibel ist die internationale Verflechtung der slowakischen Streitkräfte. Das Land nutzt militärische Ausrüstung aus den Vereinigten Staaten und Deutschland. Wartung, Ausbildung und Lieferketten verbinden die slowakische Armee eng mit ihren NATO-Partnern. Ein akkreditierter Vertreter Russlands könnte deshalb versuchen, Informationen über Verfahren, Fähigkeiten und Unterstützungsleistungen zu gewinnen. Das ist ein Sicherheitsrisiko, aber kein Beleg dafür, dass ein künftiger Attaché tatsächlich geheime Daten beschaffen oder Operationen steuern würde.
Was über Maxim Wereschan bekannt ist
Wereschan wurde 1980 in Dalnerechensk in der Region Primorje geboren und dient seit 1997 in den russischen Streitkräften. Er absolvierte das Pazifische Marineinstitut in Wladiwostok, diente unter anderem auf einem Raketenkreuzer und einem Zerstörer und studierte anschließend an der Seekriegsakademie. Später arbeitete er im Hauptstab der Marine und im Zentralen Gefechtsführungszentrum des russischen Generalstabs.
Von Ende 2013 bis 2017 war Wereschan nach diesen Angaben als Assistent des Marineattachés an der russischen Botschaft in Italien eingesetzt. Nach seiner Rückkehr besuchte er an der Seekriegsakademie Lehrgänge zu Truppendienst und militärischer Sicherheit. Zwischen 2017 und 2024 bekleidete er Funktionen in der Abteilung für Truppendienst und militärische Sicherheit des russischen Verteidigungsministeriums. Zuletzt soll er eine Gruppe dieser Abteilung im Hauptkommando der russischen Landstreitkräfte in Moskau geleitet haben. Den Rang eines Kapitäns 1. Ranges erhielt er 2018.
Seine Laufbahn erklärt, warum die geplante Ernennung in Bratislava sicherheitspolitische Fragen aufwirft. Zugleich muss zwischen einer Tätigkeit im militärischen Sicherheitsapparat und einem konkreten Spionagevorwurf unterschieden werden. Die vorliegenden Angaben belegen nicht, dass Wereschan in Italien oder anderswo rechtswidrige Operationen durchgeführt hat.
In diesem Zusammenhang wird auf die russische Agentin Olga Kolobowa verwiesen, die unter dem Namen Maria Adela Kufeledt Rivera in Italien gelebt haben soll. Recherchen von Bellingcat, Der Spiegel, The Insider und La Repubblica identifizierten sie demnach als Mitarbeiterin des russischen Militärgeheimdienstes. Kolobowa trat in Neapel als erfolgreiche Unternehmerin und Schmuckdesignerin auf, eröffnete ein Geschäft und knüpfte über den Lions Club Kontakte zu Militärangehörigen aus NATO-Staaten. In Neapel befindet sich das Alliierte Kommando der NATO.
Dass Wereschan während dieses Zeitraums als Assistent des russischen Marineattachés in Italien tätig war, macht eine Prüfung seiner damaligen Aufgaben und Kontakte nachvollziehbar. Es beweist jedoch weder, dass er von Kolobowas Aktivitäten wusste, noch dass er sie koordinierte. Eine solche Verbindung wird in den vorliegenden Angaben lediglich vermutet und müsste durch belastbare nachrichtendienstliche oder gerichtliche Erkenntnisse belegt werden.
Vorwürfe zum Einsatz in der Ukraine
Weitere Fragen betreffen einen möglichen Einsatz Werschans im Jahr 2023 bei der 10. selbstständigen Garde-Spezialkräftebrigade, die damals nahe Oleschky in der Region Cherson stationiert gewesen sein soll. Nach den vorliegenden Angaben wurde er dorthin kurzfristig abgeordnet. Ihm wird dabei eine Beteiligung an Aufklärungs- und sogenannten Filtermaßnahmen in den von Russland besetzten Gebieten zugeschrieben.
Diese Darstellung ist ein schwerwiegender Vorwurf, aber kein festgestellter Tatbestand. Aus einer behaupteten Abordnung folgt nicht automatisch eine persönliche Beteiligung an Kriegsverbrechen. Für eine belastbare Bewertung wären konkrete Einsatzunterlagen, Zeugenaussagen oder Ermittlungsbefunde erforderlich. Gerade deshalb sollte die slowakische Seite die vollständige dienstliche Biografie und mögliche Tätigkeiten Werschans in der Ukraine sorgfältig prüfen, bevor sie über eine Akkreditierung entscheidet.
Die Debatte fällt in eine Zeit, in der europäische Behörden Russland wiederholt mit Einflussoperationen und Sabotagevorwürfen in Verbindung gebracht haben. Ende August 2026 meldete die slowakische Polizei die Verhinderung eines Brandanschlags auf das Werk des ukrainischen Drohnenherstellers Skyeton in Haniska nahe Preschau. In München wurden in der Nacht zum 3. September Brandvorrichtungen aus einem Fahrzeug auf eine Baustelle nahe den Zentralen der Rüstungsunternehmen Rohde & Schwarz und Helsing geworfen. Nach Einschätzung deutscher Sicherheitsbehörden sollen hinter solchen Aktionen Strukturen des russischen Militärgeheimdienstes stehen. Die einzelnen Fälle und ihre Verantwortlichen müssten jedoch jeweils gesondert ermittelt und nachgewiesen werden.
Für Kritiker der geplanten Ernennung zeigen diese Vorfälle, weshalb ein russischer Militärvertreter in einem NATO-Staat nicht als rein diplomatische Formalität behandelt werden kann. Der slowakische Oppositionsabgeordnete Tomas Valasek von der Partei Progressive Slowakei warnte vor möglichen Einflussoperationen, Desinformationskampagnen und einer Verschärfung gesellschaftlicher Spaltungen. Auch Deutschland und die Vereinigten Staaten sollen ihren Unmut gegenüber dem slowakischen Verteidigungsministerium zum Ausdruck gebracht haben.
Die slowakischen Behörden haben nach den vorliegenden Angaben bereits auf Sicherheitsbedenken reagiert: Die Regierung verweigerte Garitschew das Agrément. Öffentlich erläuterte Bratislava die Entscheidung nicht; als mögliche Gründe wurden Verbindungen zu russischen Sicherheitsdiensten und ein Verhalten genannt, das mit den Regeln der Wiener Konvention unvereinbar sei. Für Wereschan ist die Entscheidung noch offen. Das slowakische Verteidigungsministerium soll allerdings klargestellt haben, dass ein russischer Attaché nicht an Veranstaltungen mit den in der Slowakei akkreditierten ausländischen Militärvertretern teilnehmen dürfte.
Damit bleibt die zentrale Frage, ob Bratislava den „pragmatischen Dialog“ durch eine kontrollierte diplomatische Präsenz absichern will – oder ob es Russland damit einen neuen Zugang zu einem empfindlichen Teil des europäischen Sicherheitsraums eröffnet. Die Entscheidung über Werschans Agrément wird deshalb nicht nur seine persönliche Laufbahn bestimmen, sondern auch zeigen, wie weit die slowakische Regierung ihre sicherheitspolitische Sonderlinie innerhalb der NATO ausdehnen will.
